Verkehrsunfälle in der Türkei: Geschädigte pochen zu selten auf ihr Recht

Verkehrsopfer in der Türkei sind sich nur allzu oft nicht ihrer Rechte bewusst. Nicht selten kommt es deshalb vor, dass sie gegenüber den Versicherungsgesellschaften den Kürzeren ziehen und unwissentlich auf berechtigte Leistungen verzichten.

In der ersten Hälfte des Jahres 2012 gab es in der Türkei 147.000 Verkehrsunfälle. Ganze 95.000 Personen haben bei solchen Vorfällen Verletzungen davongetragen (in die Verkehrserziehung will sich auch das Amt für Religiöse Angelegenheiten einmischen – mehr hier). Doch jeder Zweite Geschädigte würde in der Folge keine rechtlichen Schritte unternehmen und sich an die Versicherungsgesellschaft wenden. Das berichtet derzeit die türkische Zeitung Hürriyet unter Berufung auf den Garantiefonds-Kundenbetreuer Kadir Küçük.

Viel zu wenige Verkehrsopfer wenden sich an die Versicherung

Der türkische Garantiefonds, oder das sogenannte Absicherungskonto, springe dem Fachmann zufolge dann ein, wenn die Opfer keine eigene Verkehrsversicherung hätten und es um entsprechende Entschädigungszahlen gehe. Es geht dabei jedoch nur um die Zahlung von Personenschäden, Sachschäden werden nur im Fall, dass die eigene Versicherung insolvent ist, gezahlt. Im Jahr 2011 seien 11.636 Anträge gestellt worden. Seit dem Jahr 2000 seien es insgesamt 134.000 gewesen.

„Diese Zahlen zeigen uns jedoch, dass diejenigen, die bei Unfällen verletzt werden, ihre Rechte nicht kennen und deshalb nichts dafür tun, um sie zu bekommen“, so Küçük weiter. „Insgesamt haben wir bisher etwa 272 Millionen Lira bezahlt. Doch bei unseren Abrechnungen haben wir festgestellt, dass in 60 Prozent der Unfälle mit Todesfolge und in 50 Prozent der Unfälle mit Verstümmelungen überhaupt keine Anträge eingereicht wurden.“

Wie Küçük erklärt, hätten Opfer allerdings bis zu zwei Jahre nach dem Unfall Zeit, sich entweder per Email oder per Einschreiben an den Garantiefonds zu wenden. Nachdem man die notwendige Dokumentation erhalten hätte, würden die Zahlungen über eine Bank abgewickelt. Jeder, so der Fachmann, könne sich an sie wenden (auch die türkischen Arbeitsplätze gehören mit zu den unsichersten der Welt – mehr hier).

2012 bisher 1,1 Milliarden Lira an Leistungen ausgeschüttet

In den ersten sechs Monaten des Jahres 2012 wurden 6,77 Millionen Verkehrsversicherungen abgeschlossen. Die Versicherungsgesellschaften erhielten insgesamt 1,5 Milliarden Lira an Prämienzahlungen. Auf der anderen Seite schütteten sie im gleichen Zeitraum 1,1 Milliarden Lira an Leistungen aus. Konkret wurden 897 Millionen Lira an monetären Forderungen ausgeschüttet, 263 Millionen Lira gab es bei Todesfällen und Verstümmelungen und 14.8 Millionen für die Behandlung von Verletzten.

Wie türkische Medien kürzlich berichteten, stellen Verkehrsexperten bereits seit gut zehn Jahren einen Aufwärtstrend bei den Verkehrsunfällen in der Türkei fest. Ihrer Ansicht nach resultieren die meisten dieser nicht selten tödlichen Unfälle aus Fahrfehlern. Der Grund: Die Aufsicht bei den Führerscheinausstellungen sei zu lax und das System viel zu korrupt. Fahranfänger, so klagen sie, kämen hierzulande zu einem Führerschein ohne das Steuern eines Fahrzeugs jemals richtig gelernt zu haben. Besonders akut wird das Problem in den Sommermonaten in der großen Ferienzeit. Erst Ende Juli gab es an einem einzigen Wochenende über 45 Verkehrstote zu beklagen. Allein in den Jahren 2002 bis 2011 stiegen die Unfälle nach Angaben der türkischen Polizei um sagenhafte 297 Prozent. Waren es 2002 noch 439.958 Zwischenfälle, registrierten die Beamten neun Jahre später satte 1.228.928. In diesem Zeitraum verloren 43.140 Menschen auf türkischen Straßen ihr Leben. Zum Vergleich: In der Zeit zwischen 1955 und 2011 starben insgesamt 298.000 Personen.

Gesetze oftmals ausreichend, doch die Umsetzung ist mangelhaft

Die mehr als 147.000 Verkehrsunfälle, die sich bereits in diesem Jahr ereigneten, haben bisher mehr als 1.000 Menschenleben gefordert. Über 95.000 Personen trugen Verletzungen davon. Andere Meldungen sprechen von 2.500 bis zu 10.000 Verkehrstoten in der Türkei pro Jahr. Oftmals sei eine mangelnde Kultur der Sicherheit – keine Gurte und überhöhte Geschwindigkeit – aber in vielen Fällen auch Alkohol im Spiel. Auf der anderen Seite wird oft eine nur unzureichende Durchsetzung von Gesetzen durch die Polizei bemängelt. Solche Nicht-Einhaltungen von Verkehrsregeln, darauf wies Innenminister İdris Naim Şahin kürzlich hin, würden dem Staat sozio-ökonomische Kosten von 16.5 Milliarden Lira verursachen.

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