Kinder für die Einschaltquote: Türkische Familienministerin rügt TV-Shows

Die türkische Ministerin für Familie und Sozials, Fatma Şahin, hat sich in die gegenwärtige Debatte um kleine Kinder in türkischen TV-Shows eingeschaltet. Ihrer Ansicht nach sei es unmöglich, Sendungen zu genehmigen, die Kinder ausnutzen würden, um höhere Einschaltquoten zu generieren. Allerdings sieht sie auch die TV-Zuschauer zuhause in der Pflicht.

In einem Exklusiv-Interview mit der Tageszeitung Zaman erklärte Fatma Şahin, dass ihr Ministerium Themen, die Kinder beträfen, mit größter Sorgfalt und in Einklang mit der Landespolitik behandle. Sie forderte die Behörden dazu auf, einen genauen Blick auf alle TV-Shows zu werfen, um zu überprüfen, ob der körperliche, geistige und seelische Schutz der Kleinen gewährleistet sei. Ihrer Ansicht nach seien die türkischen Kinder die Zukunft des Landes. Sie sollten als gut ausgebildete Menschen und starke Individuen mit hohen Standards ihren Lebensweg gehen können.

Neu entflammt war die Debatte mit der Wiederaufnahme der umstrittenen TV-Show „Bir Şarkısın Sen”, die schon 2009 für Zündstoff in der türkischen Öffentlichkeit sorgte (die Teilnehmer werden im ganzen Land zusammengetragen – mehr hier). Die von ATV ausgestrahlte Sendung bringt Kinder im Alter zwischen sechs und 15 Jahren auf die Bühne, die dort in Erwachsenen-Manier Titel bekannter türkischer Stars vortragen. Die Performance, die die Kleinen dort mit Makeup, Tänzen und entsprechenden Kostümen absolvieren, geht einigen Zuschauern jedoch zu weit. Sie betrachten das Gebaren als nicht kindgerecht. Einige Pädagogen und Fachleute für kindliche Entwicklung fürchten sogar längerfristige Schäden. Sie haben nun das Ministerium für Familie und Soziales dazu aufgefordert, Maßnahmen zu ergreifen, um Kinder in TV-Shows besser zu schützen (beliebt ist hingegen die Kulturolympiade – mehr hier).

Ziel des Ministeriums: Wahrung der Interessen der Kinder

Im Gespräch mit der Zaman erklärte Şahin, dass die Türkei die UN-Kinderrechtskonvention unterzeichnet hätte. Diese besage eindeutig, dass Kinder vor allen Arten von Missbrauch und Ausbeutung geschützt werden müssten. Konkret sehe die Kinderrechtskonvention vor, dass diese nicht unter einem bestimmten Alter arbeiten dürften. Darüber hinaus dürften sie nicht dazu gezwungen werden eine Arbeit zu verrichten, die ihre Gesundheit und Bildung sowie ihre körperliche, geistige und moralische Entwicklung gefährde. Im Einklang mit den internationalen und nationalen Regelungen sei das oberste Ziel ihres Ministeriums, die Interessen der Kinder zu wahren und sie vor jeglicher Form von Missbrauch zu schützen.

Im Zuge dessen bat die Ministerin auch die türkische Öffentlichkeit mehr Verantwortung in dieser Frage zu übernehmen. Forschungen über die türkische Familienstruktur aus dem Jahr 2011 hätten ergeben, dass nur 2,5 Prozent der Bevölkerung Beschwerden über TV-Shows eingereicht hätten, obschon es breitangelegte öffentliche Diskussionen gegeben habe. Şahin empfiehlt im Zuge dessen auch die Fernbedienung effektiver einzusetzen. Schließlich arbeite der Radio- und Fernsehrat (RTÜK) auf der Basis von Beschwerden. Deshalb sei es wichtig, dass die türkischen Bürgerinnen und Bürger gewissenhafter im Bereich der sozialen Verantwortung agieren würden.

„Bir Şarkısın Sen” stand schon 2009 in der Kritik

In ihrem Interview mit der Zaman vermied es Fatma Şahin allerdings konkret über die derzeit in die Kritik geratene ATV-Show zu sprechen. Während die Zuschauer und Fachleute diskutieren, wird dort offenbar die Aufregung gar nicht verstanden. Der Sender betrachtet das Format nicht in erster Linie als Castingshow, sondern als Sprungbrett für talentierte Kinder und Jugendliche auf dem Weg zu einer Karriere. Nachdem die Show wegen Beschwerden schon einmal abgesetzt werden musste, ging sie nach kleinen Veränderungen jedoch wieder auf den Schirm.

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