Premiere im ägyptischen Staats-TV: Nachrichtensprecherin erscheint mit Kopftuch

Im ägyptischen Staatsfernsehen ist am vergangenen Sonntag erstmals eine Nachrichtensprecherin mit Kopftuch aufgetreten. Möglich wurde dies, nachdem die ägyptische Regierung ein seit Jahrzehnten bestehendes Verbot aufgehoben hatte.

Seit langem wurde in Ägypten das seit 50 Jahren bestehende Kopftuchverbot für die TV-Damen kritisiert. Selbst Liberale und Menschenrechtsaktivisten sahen darin eine Beschneidung der persönlichen Freiheit – vor allem in einem Land, in dem mehr als die Hälfte aller erwachsenen Frauen ihre Köpfe verhüllen. Jetzt hat die Regierung von Mohammed Morsi reagiert und als jüngsten Schritt im Rahmen der tiefgreifenden Veränderungen innerhalb der staatlich kontrollierten Medien das Verbot aufgehoben (was die neue Regierung treibt, das evaluieren ägyptische Jugendliche derzeit im Netz – mehr hier).

Staatliches TV: Neues Sprachrohr der Muslimbruderschaft?

Erst vor einigen Wochen, so heißt es derzeit in den türkischen Medien, hat das ägyptische Oberhaus, der so genannte Schura-Rat, die meisten Stellen in den staatlich kontrollierten Anstalten neu besetzt. Die meisten der 50 Stellen seien entweder mit Islamisten oder deren Sympathisanten bekleidet worden. Innerhalb der ägyptischen Journalistenvereinigung hat dieser Schritt jedoch zu einem Aufschrei geführt. Sie fürchten, dass Morsis Muslimbruderschaft versuche, die Medien zu ihrem Sprachrohr zu machen (für viel Amüsement im Netz sorgte allerdings eine Meldung ägyptischer Salafisten – mehr hier).

Nicht wenige Ägypter fürchten Morsie und seine mächtige Gruppierung, die unter dem ehemaligen Regime verfolgt und geächtet wurde. Denn diese würde den Schwerpunkt auf islamistische Interessen legen. Und das auf Kosten tiefgreifender Reformen der aufgeblähten und ineffizienten Bürokratie oder dringender Bedürfnisse wie etwa der weitverbreiteten Armut und Wirtschaftskrise.

Mit der Nachrichtensprecherin Fatma Nabil, die ein Jahr lang für Misr 25 gearbeitet hat, endete nun das Jahrzehnte überdauernde Kopftuchverbot. Zuvor war sie wegen ihrer Verhüllung bei einem staatlichen Sender geflogen. Mit Morsis Wahl und Ernennung des neuen Informationsministers Salah Abdel-Maksoud sei ihr, so sagt sie selbst, nun grünes Licht gegeben worden, ins staatliche Fernsehen zurückzukehren. Jetzt, so lobt sie, gehe es um berufliche Fähigkeiten und Intellekt und nicht um ihre persönliche Entscheidung ein Kopftuch zu tragen (Die Mehrheit der Ägypter glaubt nicht an den Säkularismus wie er in der Türkei herrscht – mehr hier).

TV vor der Revolution: Suzanne Mubarak galt als Vorbild

Beim staatlichen Fernsehen in Ägypten arbeiten derzeit rund 40.000 Angestellte. Damit gehört es zu den größten Arbeitgebern des Landes im öffentlichen Sektor. Es ist seit langem eng mit der herrschenden Elite verbunden, ist aber auch geplagt von Korruption. Zudem leidet das Fernsehen auf Grund seines Mangels an professionellen Standards und seines glanzlosen Programms unter niedrigen Zuschauerzahlen. Unter dem ehemaligen Präsidenten Hosni Mubarak wurden weibliche Mitarbeiterinnen mit Kopftuch gebeten, eine Stellung hinter der Kamera anzunehmen. Einige klagten sogar dagegen und gewannen auch, ignoriert wurden die Entscheidungen der Gerichte dennoch. Mubaraks Vorgänger hatten bereits ähnlich verfahren. Das Ergebnis: Ägyptische Fernsehzuschauer bekamen im staatlichen TV nur noch Frauen aus der ägyptischen Elite zu Gesicht, die dem Stil von First Lady Suzanne Mubarak nacheiferten.

Mit Morsi änderte sich das schlagartig. Er selbst trägt einen islamischen Bart und die neue First Lady Naglaa Mahmoud bedeckt nicht nur ihr Haar, sondern die gesamte obere Hälfte ihres Körpers – abgesehen von ihrem Gesicht. Ein Stil, der eigentlich den Frauen der Arbeiterklasse und den Anhängerinnen der Muslimbruderschaft zugeschrieben wird.

Ganz anders die Situation auf anderen Kanälen: Im privaten Fernsehen gab es schon immer Frauen mit verschiedenen Bedeckungen zu sehen, sowohl unter den Nachrichtensprecherinnen als auch unter den teils sehr bekannten Schauspielerinnen.

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