Mehr als 32.000 Beschwerden in zwei Jahren: Mobbing ist in der Türkei auf dem Vormarsch

Die MOBBİNGDER-Bilanz der vergangenen zwei Jahre ist erschreckend: Mehr als 32.000 Beschwerden, die in der Regel in Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch stehen, sind bei der türkischen Vereinigung im Kampf gegen Mobbing eingegangen. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Noch immer würden viele Opfer Mobbing als solches gar nicht einordnen können.

„Mobbing mündet in eine Erosion der Produktivität, Motivation und Zeit, der geistigen und körperlichen Gesundheit am Arbeitsplatz sowie der gesunden organisatorischen Abläufe“, erklärt Verbandsvorsitzender Hüseyin Gün die breitgefächerten Auswirkungen. Zu Tage treten sie vor allem in Ankara, wo nach Angaben des Fachmanns die meisten der 32.000 Beschwerden über Mobbing und Belästigungen eingegangen seien. Und der Strom reißt nicht ab – ganz im Gegenteil: Zwischen 40 und 110 weitere Meldungen kämen Tag für Tag hinzu. In 60 Prozent der Fälle, so Gün, handle es sich um Frauen. 40 Prozent der Opfer sind Männer.

80 Prozent der Beschwerden von Hochschulabsolventen

Auffällig ist auch die Struktur: So würden nur etwa zehn Prozent der Beschwerden von Absolventen einer türkischen Volksschule stammen, die Arbeit in der verarbeitenden Industrie gefunden haben und hier eigentlich mehr körperlicher Gewalt und Obszönitäten ausgesetzt seien. Ihr Schicksal in die Hand nehmen und dagegen angehen, das obliegt offenbar einer anderen Bevölkerungsgruppe: Ganze 80 Prozent der Beschwerden, so Gün weiter, kämen von Hochschulabsolventen. Gleich bleibt nach Ansicht des MOBBİNGDER-Vorsitzenden bei allen jedoch das generelle Problem: „Viele Opfer sehen den Prozess nicht als Ganzes und erkennen nicht, dass es sich um Mobbing handelt.“

Die Zahlen von MOBBİNGDER sind jedoch nur die Spitze des Eisberges – zumindest, wenn man die Ergebnisse der aktuellen „Mobbing Umfrage 2012“ aus dem vergangenen April betrachtet. Zwar zieht die Umfrage, die von ERA Research & Consultancy und der Futurebright Research durchgeführt wurde, nur 316 Arbeitnehmer in zwölf türkischen Provinzen heran, doch das Signal ist klar. Die meisten Opfer zögern aus Angst vor Jobverlust, bevor sie über das, was ihnen am Arbeitsplatz widerfährt, sprechen. Die meisten, so darf vermutet werden, schweigen.

Diese prekäre Situation beschreibt auch das Papier wie folgt: „Zu den häufigsten Arten von Mobbing gehört Einschüchterung, Zermürbung, die Zuweisung von mehr Arbeit als die Mitarbeiter in der Lage sind zu leisten, Demütigung und Diffamierung. Die Opfer sind der Ansicht, dass sie kaum eine Chance haben, dem zu entgehen und nur begrenzte Möglichkeiten hätten, dagegen vorzugehen. Sie zögern darüber zu sprechen, da sie ihren Job nicht verlieren wollen. Die Folge, sie passen sich an und versuchen im Arbeitsprozess zu überleben.“

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