Zerstörte Heimat: Syrische Jugend hofft auf Neustart in der Türkei

Gut 18.000 Menschenleben haben die seit März 2011 andauernden Unruhen in Syrien bereits gefordert. Dazu kommen unzählige Verletzte und mehr als 200.000 Flüchtlinge, die das Land seither verlassen haben. Gewalt und Angst bestimmen das Leben und lässt gerade die syrische Jugend in eine düstere Zukunft blicken. Diese sucht ihr Glück nun im Ausland - etwa in der Türkei.

Vielen von ihnen ging es einst gut. Sie sind hervorragend ausgebildet, arbeiteten in den zuvor erlernten Berufen. Doch seit die Gewalt im Land eskaliert, bleiben ihnen nur noch zwei Möglichkeiten: Entweder legen sie die Hände in den Schoß und hoffen auf bessere Zeiten. Oder aber, sie suchen ihr Glück in der Fremde (wohlhabende Syrer retten ihr Kapital derzeit in die Türkei – mehr hier).

Etliche Jugendliche, die fließend Englisch oder Französisch sprächen, so beschreibt derzeit der Journalist Moinuddin Ahmad, versuchten sich Jobs in Istanbul zu sichern, obschon ihnen bewusst sei, dass die vorhandenden Sprachbarrieren ein solches Vorhaben nicht gerade einfach machen würden. Den Kopf in den Sand stecken würden sie allerdings nicht und nun Türkisch lernen, um auf dem hiesigen Arbeitsmarkt eine Chance zu haben (derzeit äußert die Europäische Investitionsbank die Sorge, ob die türkische Wirtschaft von der Krise im Nachbarland in Mitleidenschaft gezogen werden könnte – mehr hier).

Eine Rückkehr nach Syrien steht derzeit nicht zur Debatte

Einer von ihnen ist der 24-jährige Motaz. Der junge Mann hat, wie viele junge Syrer, Damaskus im vergangenen April gen Istanbul verlassen. Eine Zukunft in der alten Heimat sieht er für sich selbst im Augenblick nicht: „Die Welt weiß, wie es in meinem Land zugeht. Jeden Tag werden Hunderte von Menschen getötet. Es gibt keine Arbeitsplätze, keine Einrichtugnen, nichts. Ich will jetzt nicht zurück.“ Mit Assad und dessem Regime, so gibt er zu verstehen, habe er, wie die Mehrzahl der Menschen in Syrien abgeschlossen. Niemand würde ihn dort mehr haben wollen. Wie dessen Schicksal sein werde, darüber vermag er wenig zu sagen. Er sorge sich derzeit nur um eines, nämlich das seiner Familie, die weiterhin in Damaskus lebe.

Ähnlich wie ihm geht es auch dem 20-jährigen Abdulmalik. Er hat einst in Aleppo Chemie studiert und war in der vergangenen Woche ebenfalls in die Türkei geflohen. Er, so berichtet Ahmad weiter, träume davon, in Istanbul zu promovieren. Sein Bruder, so gibt er an, habe es schließlich vorgemacht. Er habe gerade sein Studium abgeschlossen, als die Unruhen begannen. Einer Seite zugehörig fühle er sich nicht. Ihm gehe es nur um seine und die Zukunft seiner Familie. Bevor die Gewalt ausbrach, habe er ein sehr zufriedenes Leben in Aleppo geführt. Pläne, das Land zu verlassen, hatte er nie. „Aleppo hat eine renommierte Universität. Ich war sehr zufrieden mit meinem Studium dort und wollte nie das Land verlassen. Die Situation hat mich gezwungen, dies zu tun, und jetzt sieht es so aus, als müsste ich einen neuen Anfang machen.“

Dass er in Istanbul richtig sei, davon ist der 20-Jährige überzeugt. Es sei eine tolle Stadt und ein herausragendes Beispiel für Wirtschaftswachstum und politische Stabilität in der Region. Doch nun habe er eine Menge zu lernen. Allen voran, die Sprache. Dann wolle er auch seine Studien wieder aufnehmen. Ob er seine Familie allerdings bald wieder in die Arme schließen kann, bleibt fraglich. Wie er erzählt, seien ihre Pässe abgelaufen. Eine Behörde, die diese nun verlängern könnte, gäbe es derzeit allerdings nicht.

Junge Leute starten mit dem Erlernen der Landessprache

Ähnliche Erfahrungen schildern auch andere junge Leute gegenüber dem Journalisten. Es sei eine schmerzliche Erfahrung, die eigene Heimat zu verlassen. Dennoch sei es ein notwendiger Schritt gewesen, den derzeit viele Bürgerinnen und Bürger in ihrem Alter vorhätten. Einmal in der Türkei angekommen, stellten sie fest, dass sie hier nicht nur Landsleute wiederträfen, sondern auch junge Menschen aus vielen anderen Nationen, wie etwa aus Somalia, Nigeria und Bosnien. Für sie alle steht eine Rückkehr nach Syrien derzeit nicht zur Debatte. Falls sie in der Türkei nicht Fuß fassen könnten, dann würden sie es eben in einem anderen Land versuchen. In ihrer augenblicklichen Situation bliebe ihnen nur eines: Alles zu geben und das Beste aus ihrer Lage zu machen.

Die Zahl der syrischen Studentinnen und Studenten in der Türkei ist derzeit noch überschaubar. 31 von ihnen haben sich im Augenblick landesweit an Türkischsprachkursen an der Sprachschule TÖMER eingeschrieben, darunter 15 an der Universität in Istanbul, zehn an der Fatih, drei an der Uni in Ankara und drei an der Samsun Hochschule. Doch in Anbetracht der Tatsache, dass nach UN-Angaben allein im vergangenen August mehr als 100.000 Menschen Syrien verlassen haben, dürften sich diese Zahlen bald nach oben korrigieren und Städte wie Istanbul für immer mehr junge Syrer zum gesuchten, sicheren Hafen werden.

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