Türken in Deutschland und Australien: „Ist der Multikulturalismus gescheitert?“

Multikulturalismus ist in Australien ein erfolgreiches Konzept, in Deutschland dagegen nicht. Den Gründen geht nun der australische Radiosender „SBS“ nach. Wissenschaftler, Passanten aber auch Prominente wie Nazan Eckes und Schriftsteller Zafer Şenocak suchen gemeinsam eine Erklärung für die verschiedenen Integrationswege in beiden Ländern.

„Der Ansatz für Multikulti ist gescheitert, absolut gescheitert!“, sagte Kanzlerin Angela Merkel vor zwei Jahren in einer Rede in Potsdam. Die australische Regierung spricht dagegen von einem Erfolg des Multikulturalismus. Wie kann das sein? Um diese Fragen zu beantworten, untersucht die dreiteilige Serie des australischen Radiosenders „SBS“ türkische Minderheiten in Deutschland und Australien.

Türkische Minderheit

Die türkische Gemeinde ist aufgrund ihrer großen Anzahl in Australien und Deutschland ein wichtiger Bestandteil der Integrationspolitik (zu diesem Thema äußerte sich auch Werner Felten, Gründer des ersten türkischsprachigen Radiosenders in Deutschland Metropol FM – mehr hier). Zudem haben beide Staaten mit der Türkei in den 1960er Jahren Anwerbeabkommen vereinbart, die die Arbeitsmigration regelten.

In den Jahren nach der Migration entwickelten sich Stereotypen, anhand derer man die türkische Minderheit in beiden Ländern einordnete. Eine kleine Umfrage der „SBS“ bei Passanten in beiden Ländern gibt über die heutigen Stereotypen Aufschluss. So antworteten Passanten in Deutschland auf die Frage, was sie mit dem Wort Türkisch verbinden: „streng religiös“, „prollig“, „leckeres Essen“, „Kopftücher“ und „Moscheen“. Australische Passanten nennen hingegen: „freundlich“, „höflich“, „leckeres Essen“, „religiös“, „schöne Flagge“. Demnach scheint der Ruf der türkischen Minderheit in Deutschland schlechter zu sein.

Staatsbürgerschaftsrecht

Die dreiteilige Serie führt die Probleme mit Multikulturalismus vorwiegend auf das Staatsbürgerschaftsrecht zurück: Während es in Deutschland bis 2000 schwierig gewesen sei, für einen Ausländer den deutschen Pass zu erhalten, sei in Australien dies bereits in den Anfangsjahren der Migration möglich gewesen. Vor diesem Hintergrund haben die Türken in Australien schneller Firmen gründen, am politischen Leben teilnehmen und ein Zugehörigkeitsgefühl entwickeln können.

Darüber hinaus glaubt die deutsch-kurdische Fernsehmoderatorin, Düzen Tekkal, dass Deutschland erst sehr spät eine eigenständige Migrations- und Integrationspolitik entwickelt habe. Zudem gebe es das Problem, „dass sich die Migranten in Deutschland nicht als Teil der Gesellschaft fühlen, weil sie die gefühlte Zustimmung nicht bekommen“, sagt Tekkal.

Liam Morgan von der Technischen Universität in Sydney stellt in der dreiteiligen Serie fest, dass in Australien weniger Integrationsdruck auf Migranten ausgeübt werde als in Deutschland. Dies führt der Schriftsteller, Zafer Şenocak, auf die Deutschen zurück, die Angst hätten, in ihrem eigenen Land vertrieben zu werden. Aufgrund des demographischen Wandels glauben Deutsche, „wenn sie uns nicht assimilieren können — im eigentlichen Sinne also zu Deutschen machen —, dass wir dann Deutschland übernehmen“, sagt er. Dieser Druck führe zu Trotzreaktion innerhalb der türkischen Minderheit, meinen Eckes und Tekkal (jüngst hat Deutschland die Visa-Bestimmungen gelockert – mehr hier).

Fehler auch bei Migranten

Fernsehmoderatorin Nazan Eckes findet indes kritische Worte an ihren eigenen Landsleuten. Sie kann es nicht verstehen, weshalb die zweite und dritte Generation, Deutschland nicht als zweite Heimat ansehen kann. Sie glaubt, „dass man sich ein bisschen dagegen wehrt, hier zu Hause zu sein“. Şenocak geht einen Schritt weiter: „Man ist ein Fan von einem Fußballteam“, sagt er. Es gehe gar nicht um Nationalität, sondern einfach nur darum zu zeigen, dass man anders sei.

Ein weiterer Zankapfel der Integration ist die Sprache. „Zuhause wird kein Deutsch gesprochen, muss man aber auch nicht“, sagt Tekkal. Sie kritisiert die vielen Möglichkeiten im Alltag, ohne Deutsch auszukommen und deshalb die Sprache nicht zu beherrschen. Arif Ünal, Abgeordneter der Grünen im NRW Landtag, sieht das ähnlich. Kinder kämen in die Kitas, ohne ausreichende Deutschkenntnisse. Hinzu komme, dass der Lebenspartner noch oft aus der Türkei komme, sagt Ünal.

Ist der Multikulturalismus gescheitert?

Die deutsch-türkischen Kommentatoren sind sich einig: Merkel hatte Recht: Es habe nie einen funktionierenden Multikulturalismus in Deutschland gegeben. Schuld sei die Politik aber auch die Migranten. Eine Erkenntnis, die Deutschland nicht weiterhilft. Die dreiteilige Serie bietet dennoch eine sehr gute Grundlage, um Integrationswege in beiden Ländern besser zu verstehen. Vielleicht findet man auf diesem Weg bessere Lösungsansätze. Nach über 50 Jahren der Einwanderung in Deutschland wäre dies mehr als nötig.

Die dreiteilige Serie „Ist der Multikulturalimus gescheitert?“, ist abrufbar unter:

http://www.sbs.com.au/yourlanguage/german/highlight/page/id/230391/t/Has-Multiculturalism-failed-1-3/in/english

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