Erster Schultag in der Türkei: Jüngere Erstklässler sind unruhiger und ängstlicher

Für zwei Millionen Kinder in der Türkei hat am vergangenen Montag der Unterricht in der ersten Klasse begonnen. Mit fünfeinhalb Jahren sind sie diesmal, dank einer Neuregelung im Rahmen der 4+4+4-Schulreform, jünger als in früheren Jahrgängen. Die Konsequenzen zeigten sich nun schon von Beginn an. Die Kleinen waren an ihrem ersten Schultag insgesamt unruhiger und ängstlicher als ihre reiferen Klassenkameraden.

Ein Woche bevor es auch für den Rest der türkischen Schulkinder wieder zurück in den Unterricht geht, steht bis diesen Freitag für die jüngsten Neuzugänge das so genannte Anpassungsprogramm auf dem Plan. Singend und spielend sollen sie sich in dieser Zeit mit der Schule vertraut machen. Mit Malen, zeichnen, basteln und Liedern wird versucht, ihnen der Start so angenehm wie möglich zu machen. Anders als bisher, werden die Kinder nach Beginn des Schuljahres am 17. September, am Vorbereitungsunterricht teilnehmen.

Im Rahmen der jüngsten 4+4+4-Schulreform, die die bisherige Schulzeit von acht auf zwölf Jahre erhöht und in drei Abschnitte à vier Jahre unterteilt, werden türkische Kinder nun bereits mit 66 Monaten eingeschult. Legen Eltern kein ärztliches Attest vor, das ihr Kind von der Schulpflicht in diesem Alter entbindet, droht das Ministerium schon jetzt mit rechtlichen Schritten gegen die Eltern sowie mit einer Geldstrafe in Höhe von 15 Lira pro Tag, an dem das Kind nicht zum Unterricht erscheint. Doch dieser Schritt erscheint vielen Eltern, aber auch Pädagogen als viel zu harsch. Sie sind überzeugt, dass Kinder in diesem Alter noch gar nicht in der Lage seien, sich in der Schule zu akklimatisieren oder den Anforderungen der Grundschulbildung genüge zu tun (ab diesem Schuljahr wird auch Kurdisch angeboten – mehr hier).

Lehrer versuchen Kinder eine freundliche Atmosphäre zu bereiten

Doch trotz heftiger Reaktionen und viel Kritik setzte sich das Ministerium durch. Seit diesen Montag müssen die Kleinen zur Schule. Haben sich die Befürchtungen der Eltern und Fachleute bestätigt? Wie waren die ersten Tage? İpek Üzüm von der türkischen Zeitung Zaman hat sich in einer Grundschule im Istanbuler Bezirk Yenibosna umgesehen und den ersten Schultag hautnah miterlebt.

Nachdem die Klasseneinteilungen bekannt gegeben wurden, so beschreibt die Redakteurin, ging es an der Hand von Mutter und Vater in die Klassenräume. Einige hätten einen ganz zufriedenen Eindruck gemacht, andere wiederum blickten ängstlich um sich. Mit Geschenken und freundlichen Gesten hätten die Lehrkräfte versucht, den Kleinen eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. Sie spendeten Trost und hätten versucht ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Allerdings, so wird in ihren Ausführungen schnell deutlich, ist das nur die eine Seite der Medaille. „Es war ganz klar zu erkennen, dass sich die Kinder, die noch nicht 72 Monate erreicht hatten, unruhiger und ängstlicher in ihrer neuen Umgebung verhalten haben.“ Eine davon sei die kleine Zehra Zülal Erdemir gewesen, die mit 67 Monaten viel jünger als die meisten ihrer 72 Monate alten Klassenkameraden gewesen sei. Eine nicht gerade angenehme Situation für das Mädchen und auch die Mutter, die sie an ihrem großen Tag begleitete, sei, so die Journalistin, sichtlich besorgt gewesen – vor allem, als sie der Alterszusammensetzung innerhalb der Klasse gewahr wurde (von Seiten der türkischen Unternehmer fand die Schulreform großen Zuspruch – mehr hier).

Konzentrationsschwierigkeiten bereits nach kurzer Unterrichtszeit

Gegenüber der Zeitung erklärt sie deutlich, dass sie ihre Tochter lieber in der Vorschule anstatt in der Grundschule gesehen hätte. Die meisten ihrer Klassenkameraden hätten dieses Jahr durchlaufen.Sie seien mit der Schulsituation vertrauter und würden auch keine Hilfe von ihren Eltern benötigen. Und in der Tat: Bereits 15 Minuten nach Beginn der Unterrichtsstunde, so schreibt Üzüm weiter, hätte Zehra damit begonnen unruhig zu werden und ihre Mutter zu fragen, wann man denn wieder nach Hause ginge, während ihre Klassenkameraden in aller Seelenruhe spielten.

Ähnlich erging es auch der 66 Monate alten Hilal. Während ihre Klassenkameraden mit der Lehrerin ein Spiel spielten, sei sie ausgegrenzt worden. Die Kleine wäre abseits gegessen und hätte ängstlich in Richtung der Runde geblickt. Als sie dann auch noch bemerkte, dass ihre Mutter nicht mehr da sei, habe sie lauthals angefangen zu weinen. Selbst die Lehrkräfte hätten sie nicht beruhigen können. Erst als die Mutter wieder ins Klassenzimmer kam, habe sich die Lage etwas entspannt. Doch für die Kleine war der erste Schultag gelaufen. An weitere Aktionen in der Klasse wollte sie sich nicht beteiligen. Auch während des anschließenden Rundgangs durch die Schule sei sie ihrer Mutter nicht von der Seite gewichen.

Herausforderung: Unterschiedliche Entwicklungsstufen in einer Klasse

Ebenso wie Zehras Mutter, so ist auch die von Hilal nicht sicher, ob ihre Tochter den Anforderungen der Schule bereits gewachsen sei und mit ihren Klassenkameraden, die teils älter als sie sind, mithalten könne. Auch sie verwies auf das fehlende Vorschuljahr und fügte hinzu, dass ihre Tochter bisher noch nie von ihr getrennt gewesen sei, während es die anderen durchaus schon gewohnt wären, ohne ihre Eltern zu sein. Auch den Lehrern stünden ihrer Meinung nach nun harte Zeiten bevor. Schließlich seien sie es, die mit Kindern unterschiedlichster Entwicklungsstufen in einer Klasse zurechtkommen müssten.

Dass das auch weitreichende Konsequenzen nach sie ziehen kann, davor haben Fachleute bereits gewarnt. Kinder, die zu früh mit der Schule begännen, so deren Überzeugung, könnten negative Empfindungen gegenüber dieser entwickeln. So weist etwa die Psychologin Suzan Aksüt Osmanağaoğlu, dass Kinder generell Schwierigkeiten bei der Anpassung an eine neue Umgebung hätten. Sie rät Eltern daher, für die Kleinen vor allem die positiven Aspekte des Schulbesuchs in den Vordergrund zu stellen, wie etwa neue Freunde. Darüber hinaus sei es ausreichend, die Kleinen die erste Woche bzw. zehn Tage lang zu begleiten. Halten die Adaptionsprobleme darüber hinaus an, dann sollten die Eltern sich nicht scheuen und eine Psychologen konsultieren.

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