Zu weit hergeholt? Türkischer Religionsgelehrter will „islamisches Fahrrad“

Was ein gutes Fahrrad ausmacht, darüber gibt es je nach Nutzung ganz unterschiedliche Auffassungen. Die einen bevorzugen einen bestimmten Rahmen, bei anderen ist die Schaltung entscheidend. Für den türkischen Religionsgelehrten, Professor Alparslan Açıkgenç, braucht es eine weitere, für ihn entscheidende Komponente: Gott. Und nicht nur dort scheint der vonnöten.

Nach Ansicht von Açıkgenç sei es möglich, ein „islamisches Fahrrad“ zu bauen, wenn dahinter die Intention stünde, Gottes Gnade zu dienen. Açıkgenç, so berichtet die türkische Zeitung Hürriyet, habe die Idee eines solches Fahrrades während einer Zusammenkunft unter dem Titel „Technologie, Zivilisation und Werte“ an der Technischen Universität Yıldız in Istanbul in der vergangenen Woche vorgetragen. Açıkgenç, Leiter des sozialwissenschaftlichen Instituts der Hochschule, glaubt, dass ein islamisches Fahrrad produziert werden könnte, wenn das Vehikel im Geiste der Gnade Gottes entstünde und dafür geschaffen werde, Gutes zu tun (das islamische Finanzwesen boomt – mehr hier).

Ein Thema, das offenbar auch andere Kollegen beschäftigt und daher weiter durchdacht werden müsse. Denn wie Professor Türkay Dereli von der Uni in Gaziantep einwirft, könne beispielsweise auch „ein Fahrrad, das mit einem Lack überzogen ist, der für Menschen schädlich ist, nicht islamisch sein“. Ihr Kollege, Professor Bedri Gencer, geht sogar noch weiter und sagt, dass „jede Technologie, die die Natur des Menschen manipuliert, unislamisch“ wäre. So seien etwa Teppiche aus Nylon vor allem für Kinder völlig ungeeignet, da die negative Energie sie reizbar machen würde und zu chronischen Krankheiten führen könne.

Bedingungen für die „islamische Technologie“

Doch unter welchen Voraussetzungen kann ein Produkt oder eine Technologie überhaupt als islamisch bezeichnet werden? (das fragt man sich derzeit auch mit Blick auf Soziale Netzwerke im Internet – mehr hier) Das, was dieser Tage an Genfood produziert und konsumiert wird, schneidet Kemal Özer, Vorsitzender einer Lebensmittelvereinigung, ein weiteres Feld an, über das sich die Anwesenden in Istanbul Gedanken machten, falle jedenfalls auch nicht darunter. Er führte an, dass derart veränderte Nahrungsmittel etwa zu Sterilität führen könnten. Studien, so gibt er an, hätten gezeigt, dass 95 von 100 Personen bis 2050 nicht mehr in der Lage sein werden, sich auf natürlichem Weg fortzupflanzen. Diese mächtige Technologie, die die Menschheit steril macht, verbreite sich auf der Welt, und sei auch der Grund, warum 35 Prozent aller türkischen Paare, die derzeit Kinder haben wollen, sich einer Fruchtbarkeitsbehandlung unterziehen müssten. Er fragt: „Kann eine Technologie, die die menschliche Rasse ausrotten will, islamisch sein?“

Während etwa beim Fahrrad und bei Lebensmitteln noch Gesprächsbedarf über deren Konformität mit dem Islam besteht, gibt es einen Sektor, der das bereits erfolgreich mit sich ausgemacht hat: Das islamische Bankwesen. Wie der türkische Finanzminister Mehmet Şimşek bereits Ende letzten Jahres herausstellte, sei das islamische Bankenmodell, das auf Teilhabe und nicht auf Spekulation setzt, eine gute Alternative. Im Rahmen eines Symposiums über islamisches Bankwesen und das partizipatorische Bankenmodell in Istanbul erklärte Şimşek, dass viele unterschätzt hätten, welche Bedeutung und Rolle das auf Teilhabe basierende Bankenmodell bei der Frage nach der Beibehaltung des Wirtschaftswachstums hätte. Die Probleme auf dem Weltmarkt resultierten aus dieser Ignoranz (für ihn ist das partizipatorische Bankmodell verlässlicher, weil es sich wesentlich stärker an der Realwirtschaft orientiert – mehr hier).

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