Aus Sicherheitsgründen: Türkei will syrische Flüchtlinge umsiedeln

Auf Druck der Gemeinden und um die Sicherheitslage in den betreffenden Grenzgebieten zu erhöhen, will die Türkei nun syrische Flüchtlinge, die außerhalb der eingerichteten Schutzräume leben, umsiedeln. Die Menschen sollen entweder in ein Camp oder weiterziehen. In Betracht kommt das aber längst nicht für alle. Sie sind ratlos und wissen nicht wohin.

Rund 80.000 syrische Flüchtlinge haben derzeit in der Türkei Unterschlupf vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat gefunden. Die meisten von ihnen werden versorgt und nach dem Ausbruch von Unruhen in einigen Lagern auch von Sicherheitskräften überwacht. Doch viele syrische Flüchtlinge leben außerhalb dieser Camps. Entweder sind sie bei Verwandten untergekommen oder haben aus eigenem Antrieb Wohnungen angemietet.

Vor allem in Antakya, der größten Stadt in der Provinz Hatay, ist dieses Phänomen zu beobachten. Doch mittlerweile wird der nicht enden wollende Strom für die hiesigen Gemeinden zu einem echten Problem. Die Ressourcen werden angegriffen (gerade im Gesundheitssektor – mehr hier), die türkische Regierung ist kaum noch in der Lage, die Grenzfluktuation im Auge zu behalten. Die Sorgen über sektiererische Spannungen und militante Aktivitäten in der Region nehmen zu.

Für die türkischen Behörden gibt es in Anbetracht dieser Situation nur eine Konsequenz: Sie wollen die syrischen Flüchtlinge, die sich derzeit außerhalb der Camps aufhalten, entweder dazu bewegen, sich in ein solches zu begeben oder aber in andere Provinzen weiter zu ziehen. Türkischen Medienberichten zufolge würden im Augenblick etwa 40.000 Flüchtlinge außerhalb der Notunterkünfte leben. Die UNHCR schätzt ihre Zahl gar auf 60.000. Daneben wären Hunderttausende seit dem Ausbruch der Unruhen vor 18 Monaten nach Jordanien, in den Irak und den Libanon geflohen.

Flüchtlinge ziehen Wohnung einem Lager vor

„Vor einigen Tagen kam die Polizei zu uns und erklärte, dass wir eine Woche hätten, um Antakya zu verlassen. Sie gaben uns die Namen von drei oder vier Orten, zu denen wir gehen könnten“, so der 35-jährige Mahmoud Mohammed gegenüber der türkischen Zeitung Zaman. Er, seine Frau, der gemeinsame zweijährige Sohn und die Familie seines Bruders leben derzeit in einer Zwei-Zimmer-Wohnung für umgerechnet etwa 116 Euro im Monat. Samar Mohammed, Mahmouds Frau, erklärte, sie hätten versucht, in einem Flüchtlingslager zu leben, hätten die Bedingungen aber als zu schwierig empfunden. Der kleine Sohn, so fährt sie fort, leide unter Bronchitis. Er brauche spezielle Nahrung und vor allem eine saubere Umgebung. Diese Bedürfnisse seien im Lager nicht umzusetzen gewesen. Im Gegenteil hätte sich sein Gesundheitszustand verschlechtert. Seit zwei Monaten würden sie nun schon in dem Apartment leben, jetzt zurück in ein Flüchtlingslager zu ziehen, wäre mehr als hart.

Erst in der vergangenen Woche hatten UN-Flüchtlingshochkommissar Antonio Guterres und Hollywood-Star Angelina Jolie türkische Flüchtlingslager nahe der syrischen Grenze besucht (die Schauspielerin lobte die Großzügigkeit der Türkei – mehr hier). Im Zuge dessen dankten die beiden der türkischen Regierung für ihren Einsatz, stellten aber gleichzeitig heraus, dass nun die Geberländer gefragt seien und sich mehr in die Problematik einschalten müssten. Vergeblich hatte die Türkei bereits die Einrichtung von Sicherheitszonen auf syrischem Boden gefordert. Doch Spaltungen innerhalb der internationalen Gemeinschaft und Sicherheitsbedenken haben das bisher verhindert.

Behörden schließen syrische Schule in Antakya

Der Handlungsbedarf wird derweil jedoch immer dringlicher. Wie Lütfü Savaş, Bürgermeister von Antakya, erklärte, gäbe es entlang der syrisch-türkischen Grenze sektiererische Spannungen. Diese, gemeinsam mit den wachsenden Sicherheitsbedenken und der Furcht vor potentiellen Unruhen, seien die Hauptgründe, warum man die Flüchtlinge, die sich außerhalb der Lager aufhielten, nun umsiedeln möchte. In erster Linie, so Savaş, seien die Menschen aufgefordert, sich in die Flüchtlingscamps zu begeben. Hätten sie jedoch die finanziellen Mittel und seien zudem mit Pässen in die Türkei eingereist, so würden die Leute begeben, schlicht Hatay zu verlassen und sich andernorts niederzulassen.

In welch missliche Lage das nicht wenige bringt, fasst der syrische Lehrer und stellvertretende Schulleiter Sali Al-Bounni zusammen. Erst am vergangenen Dienstag sei die Schule in Antakya, in der er gemeinsam mit Kollegen rund 800 syrische Kinder unterrichtete, geschlossen worden, um die Flüchtlinge dazu zu bewegen, Hatay zu verlassen. An diesem Tag, so erzählt er, seien alle in Tränen ausgebrochen. Nun würden sich die Familien an sie wenden und fragen, wo man die Schule wieder aufmachen würde, denn genau dahin wollten sie dann auch ziehen. Doch die Lehrkörper hätten keine Ahnung, wo das sein könnte.

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