Syrische Flüchtlingskinder in der Türkei: Lehrkräfte kämpfen gegen ihr Trauma

Die syrischen Flüchtlingskinder in der Türkei hängen in einer Schwebezone. Dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat sind sie entkommen, ihre Zukunft ist jedoch alles andere als gewiss. Die Schrecken der vergangenen 18 Monate haben sie geprägt. In der Schule haben die Lehrkräfte nun alle Hände voll zu tun, die gebeutelten Kinder wieder aufzurichten.

Weit über 80.000 syrische Flüchtlinge haben sich seit Ausbruch der Unruhen im März 2011 in die benachbarte Türkei gerettet. Tod und Verderben durch das Regime Bashar al-Assad mögen sie zwar entkommen sein. Doch der Alptraum ist für sie noch lange nicht vorbei. Unter den Flüchtlingen in den zahlreichen türkischen Camps befinden sich viele Kinder. Und diese, so beschreibt Al Jazeera-Reporterin Sue Turton, hätten besonders unter den schmerzlichen Erinnerungen an ein Leben zu leiden, das sie nun hinter sich gelassen hätten.

In Kilis hat sich die Reporterin umgesehen und dort den Unterricht in einem der Flüchtlingslager besucht. Auf den ersten Blick sieht es aus wie in so vielen Klassenzimmern auf der Welt. Doch die Situation, mit der Lehrkräfte und Sozialarbeiter dort täglich konfrontiert sind, ist alles andere als einfach. Vielfach sind die Kleinen traumatisiert, fangen plötzlich an zu weinen oder erschrecken sich über Geräusche, die etwa der Wind erzeugt. Mit Hilfe von kleinen Liedern und Spielen versuchen die Erwachsenen ihnen über die Erlebnisse in Syrien hinweg zu helfen und ihnen ihre Ängste – wenigstens ein Stück weit – zu nehmen (auch türkische Schulkinder im Grenzgebiet sind in Angst – mehr hier).

Auf der anderen Seite sprechen die Lehrerinnen und Lehrer die Ereignisse in Syrien auch ganz bewusst an. „Wer hat Verwandte im Krieg verloren?“, wird da genauso gefragt wie zum Beispiel „Wie sind sie gestorben?“. Darüber zu sprechen fällt den Kindern offensichtlich nicht leicht. Dennoch sind die Lehrkräfte überzeugt, genau das helfe ihnen, die teils grausamen Szenen, die sie mitansehen mussten, zu verarbeiten.

Stimmung der Flüchtlingskinder drückt sich in Farben aus

Die Heilungsprozesse der kleinen Seelen, das ist ihnen bewusst, werden eine ganze Weile in Anspruch nehmen. Oftmals, so beschreibt auch die Reporterin, würde sich deren Stimmung etwa im Gebrauch von hellen oder dunklen Farben beim gemeinsamen Malen ausdrücken.

„Kinder sind durch die Erfahrungen mit Krieg, Verfolgung und Flucht besonders stark betroffen und oft noch nach Jahren zutiefst verstört. Wie sehr es ihnen gelingt, diese traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten, ist in hohem Maße abhängig von den Lebensbedingungen, der Zuwendung und dem Schutz in der Nachfluchtphase“, weiß auch das Beratungs- und Behandlungszentrum für Flüchtlinge und Folteropfer REFUGIO in München. Die eingeschränkten Lebensbedingungen, die sie nach einer Flucht etwa in Flüchtlingslagern erleben würden, verschärft die Situation meist zusätzlich. Lärm, Enge, fehlende Rückzugsmöglichkeiten zum Spielen und Lernen – die sich dort entwickelnden Aggression träfen oftmals die Kinder und Schwächeren.

Spielerisch-künstlerischer Ansatz überwindet Sprachbarrieren

Auch ihre Eltern könnten ihnen oftmals nicht helfen. Selbst traumatisiert und mit einer fremden Umgebung, Sprache und Kultur konfrontiert, ist es ihnen schlicht unmöglich, den eigenen Kindern hier Hilfestellung zu bieten. Die Konsequenz: „Viele Kinder reagieren auf diese vielfältigen Belastungen mit einer Rückentwicklung bereits erworbener Fähigkeiten oder beobachtbar auffälligem Verhalten wie Aggressivität oder Rückzug. Sie können die Lern- und Verhaltensanforderungen im Schul- und Erziehungssystem oft nicht erfüllen und geraten ins gesellschaftliche Abseits.“ (für syrische Studentinnen und Studenten eröffnen sich in der Türkei gerade neue Perspektiven – mehr hier)

Auch in München setzt man in der Therapie auf das kreative Potential der Kleinen. Neben Einzeltherapie kommen hier Gruppentherapie und Kunstwerkstatt zum Einsatz, um den Kindern letztlich Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten. Gerade diese Wege, also im spielerisch-künstlerischen Ansatz, würden sich nach Angaben von REFUGIO besonders gut für die Arbeit mit Flüchtlingskindern eignen, da Sprachbarrieren durch nonverbale Kommunikation überwunden werden könnten.

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