Kampf um Gleichberechtigung: Arabische Frauen rufen virtuellen „Frühling“ aus

Der Arabische Frühling dient ihnen als Vorbild, doch gleichzeitig fürchten sie die Rache der Islamisten. Arabische Cyberaktivisten haben sich nun dem Kampf für Frauenrechte verschrieben. Auf Facebook starteten sie Anfang Oktober eine Kampagne, die die „Diskriminierung“ von Frauen in der arabischen Welt an den Pranger stellt.

Unter dem Titel „The uprising of women in the Arab World“ verfolgen die Cyberaktivisten bereits seit 1. Oktober dieses Jahres auf einer eigens eingerichteten Facebookseite ihr Anliegen. Binnen Tagen, so beschreibt die türkische Zeitung Hürriyet die rasante Entwicklung, erhielt die Seite fast 38.000 Likes.

Hunderte Personen, die meisten Frauen, aber auch eine erstaunlich große Anzahl an Männern, hätten seit dem Start zahlreiche Bilder auf die Pinnwand gepostet und so ihre Unterstützung für die Kampagne zum Ausdruck gebracht.

„Wir haben Zuspruch erwartet, weil wir wussten, dass Frauen nach einer solchen Plattform Ausschau hielten, um ihren Beschwerden Luft zu machen… Doch dieser Zuspruch ist schon erstaunlich“, so Diala Haidar, eine der vier Organisatorinnen der Kampagne gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.

Neue Unruhen wegen Vergewaltigung, Beschneidung, Kinderehe

Die Initiative, so beschreibt die türkische Zeitung, begann mitten in einer Zeit, in der es in Tunesien und Ägypten, übrigens die beiden ersten Länder, die seinerzeit ihre autokratischen Herrscher verdrängten, durch die neu installierten islamischen Führer zu ernsthaften Bedrohungen für die Rechte von Frauen gekommen war. In Tunesien empörten sich zivilgesellschaftliche Gruppen darüber, dass im letzten Monat eine Frau von zwei Polizisten vergewaltigt wurde und dann auch noch eine Strafe wegen Schamlosigkeit zahlen sollte. In Ägypten wiederum zeigten sich Aktivisten erzürnt, über durchgesickerte Entwürfe zur neuen Verfassung, in der das Heiratsalter für junge Frauen herabgesetzt werden, weibliche Beschneidung legalisiert und die islamische Rechtssprechung in einer Weise eingeführt werden soll, die die Rechte von Frauen hinsichtlich Arbeit und Bildung massiv beschneiden (kürzlich erschien im ägyptischen Fernsehen erstmals eine Frau mit Kopftuch – mehr hier).

„Die Revolution sollte eigentlich Freiheit, Gerechtigkeit und Würde bringen. Doch das ist nicht vollständig erreicht, wenn Frauen auf dem Rücksitz bleiben müssen“, so Haidar, eine libanesische Physikprofessorin, weiter. „Es gibt große Enttäuschung“ darüber, dass Frauen an den Rand der Politik gedrängt wurden. Gleichzeitig, so fährt die Wissenschaftlerin fort, wurden die Frauen während des Arabischen Frühlings allerdings nicht müde, für ihre Rechte aufzustehen. Auch, wenn ihnen die Kugeln der Sicherheitskräfte um die Ohren flogen.

Gemeinsam mit der Libanesin Yalda Younes, der Pakistanerin Farah Barqawi und der Ägypterin Sally Zohney – allesamt aktive Kämpferinnen für ihre Rechte in den jeweiligen Ländern – hat Diala Haidar nun also den Weg über Facebook gewählt, um weiter voranzukommen. Ziel der Damen ist es, eine Debatte über die Situation der Frauen anzustoßen, die nach dem Arabischen Frühling einen herben Rückschlag einstecken mussten. Derzeit bitten die Gründerinnen ihre Unterstützer darum einen einfachen Satz aufzuschreiben: „I am with the uprising of women in the Arab world“, davon mit sich zusammen ein Bild zu schießen und anschließend auf der Pinnwand zu posten.

Frauen geben sich selbstbewusst: „Mein Körper gehört mir“

Die Gründe, warum sich die Frauen der Bewegung anschließen, gehen meist in eine bestimmte Richtung. „Mein Körper gehört mir“ wird hier ebenso angeführt wie „Nein zu Vergewaltigung, nein zu Gewalt“. Auch das Thema Jungfräulichkeit spielt eine große Rolle. Ehre und moralische Werte einer Frau, da sind sich nicht wenige einig, könnten nicht allein an einem Hymen festgemacht werden. Andere wünschen sich sogar einen Penis, um endlich das machen zu können, was ihren Ehemännern und Brüdern vorbehalten ist. Kinderehe,Vergewaltigung in der Ehe und Anpassung der Staatsangehörigkeit gehören ebenfalls zu den angeführten Bereichen (für viele Ägypter ist Islam und Demokratie kein Widerspruch, ihr Vorbild ist jedoch nicht die Türkei, sondern Saudi Arabien – mehr hier).

„Unser Ziel ist eine Implementierung in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und in der CEDAW, dem Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau“, so Haidar. Denn: Die meisten arabischen Staaten, die das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau unterzeichnet haben, haben Vorbehalte gegenüber Artikeln, die gleiche Rechte für Frauen und Männer vorsehen. Vor allem in Fragen der Ehe und die Staatsangehörigkeit der Kinder. „Wir müssen die Revolution weiterführen und männlichen Chauvinismus verdrängen, der jeden Mann in einen Diktator über seine Frau, seine Kinder, seine Schwester und sogar seine Mutter verwandelt.“

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