Schmerzgrenze erreicht: Türkei will dennoch weiter syrische Flüchtlinge aufnehmen

Seit Beginn dieser Woche ist es amtlich: Die Zahl der syrischen Flüchtlinge in der Türkei hat die zuvor ausgerufene Schmerzgrenze von 100.000 Menschen überschritten. Stoppen will die Türkei die nicht abreißen wollenden Ströme nun trotzdem nicht. Die EU sieht sich indessen nicht in der Pflicht.

100,363 syrische Flüchtlinge: Diese Zahl hat die türkische Katastrophenschutzbehörde (AFAD) nun offiziell in den Raum geworfen. Für die Türkei wird es immer schwerer, die riesigen Massen an Hilfesuchenden aufzunehmen und zu versorgen. Nicht selten war in den letzten Wochen von Unruhen in Flüchtlingscamps, Engpässen bei der medizinischen Versorgung und Umsiedlungsvorhaben in besonders dicht mit syrischen Familien besiedelten Städten zu lesen.

Die Politik der offenen Tür wolle Ankara, so berichtet derzeit die türkische Tageszeitung Hürriyet, trotzdem fortsetzen. Die zuvor von Außenminister Ahmet Davutoğlu ausgegebene Schmerzgrenze von 100.000 Flüchtlingen, so ein Offizieller gegenüber dem Medium, sei eher psychologischer Natur gewesen. Und das zu einer Zeit, in der die Türkei in der Tat mit einer Reihe logistische Probleme zu kämpfen hatte, um die Flüchtlinge richtig zu versorgen.

Syrische Flüchtlinge: Gesamtzahl soll bei 130.000 liegen

Mittlerweile, sei die Türkei dabei, weitere Flüchtlingslager in Gaziantep zu errichten. Die türkischen Behörden schätzen, dass derzeit rund 130.000 Syrer in die Türkei geflüchtet sind. Rund 30.000 von ihnen seien allerdings nicht registriert und hielten sich in Hotels oder Wohnungen im Land auf. Wie die AFAD weiter mitteilt, gäbe es im Augenblick fünf Zeltstädte in Hatay, zwei in Şanlıurfa, drei in Gaziantep und jeweils eines in Osmaniye, Kahramanmaraş und Adıyaman sowie eine Containersiedlung in Kilis.

Jüngste Rufe der Türkei nach weiteren Hilfen aus der EU wurden allerdings nur teilweise erhört (der Außenminister wollte das Thema eigentlich den Vereinten Nationen vortragen – mehr hier). So sicherte die Europäische Union zwar zu, das Land weiterhin in der Flüchtlingsfrage zu unterstützen. Ein Angebot, selbst Flüchtlinge zu übernehmen, gab es bisher jedoch nicht. Wie der deutsche Außenminister Guido Westerwelle während der EU-Außenministerkonferen in Luxemburg deutlich machte, müsse man sich auf den Schutz der Flüchtlinge vor Ort konzentrieren. Diese Leute, so der FDP-Politiker, wollten ihr Land nicht für immer verlassen, sondern so schnell als möglich wieder heimkehren. Eine Einschätzung, die auch sein Amtskollege Jean Asselborn teilt. Man könne keine Flugzeuge einsetzen, die Menschen nach Europa holen und glauben, dass das Problem damit gelöst sei, so der Außenminister Luxemburgs.

Aufhalten an der Grenze verstößt gegen Völkerrecht

Zuvor hatte der türkische EU-Minister Egemen Bağış dazu aufgefordert, Ankara weiter unter die Arme zu greifen. Europa, so der Politiker gegenüber der „Welt“, solle sich Gedanken über die Menschen machen, die aus Syrien in die Türkei geflohen seien. Europa befinde sich in einem Zustand der Lähmung. Es gäbe keinen Fortschritt, weil es vollständig auf die Euro-Krise fixiert sei.

Unterdessen hat Human Rights Watch sowohl die türkischen als auch die irakischen Behörden dazu aufgefordert, ihre Grenzübergänge wieder zu öffnen. Dort waren in den vergangenen Wochen mehrere Tausend Syrer gestrandet und werden derzeit zumindest von der Türkei mit humanitäre Hilfe, Medikamenten und Lebensmitteln versorgt (Hilfsorganisationen haben Sammelstationen für Spenden eingerichtet – mehr hier). Menschen davon abzuhalten, internationale Grenzen zu überschreiten, so die Mahnung der Menschenrechtsorganisation, sei ein Verstoß gegen das Völkerrecht.

Mehr zum Thema:

Eid al-Adha in Syrien: UN-Sondergesandter fordert Waffenruhe während des Opferfestes
Syrische Flüchtlingswelle: Türkei sieht jetzt die EU in der Pflicht
Syrisches Außenministerium: Syrien will angeblich direkten Dialog mit der Türkei starten

Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.