Ein Jahr danach: Im Erdbebengebiet Van ist wieder Leben

Vor genau einem Jahr, am 23. Oktober 2011, erschütterte ein Erdbeben der Stärke 7,2 den Osten der Türkei. Van glich nach diesem Tag einem Trümmerhaufen. In den darauffolgenden Wochen spielten sich nicht wenige menschliche Tragödien ab. Nahezu 600 Einwohner verloren ihr Leben. Heute, ein Jahr danach, scheint sich die Region langsam von der Naturkatastrophe zu erholen. Erste Siedlungen wurden neu errichtet, der Alltag kehrt zurück.

Kaum ein türkisches Thema war im Herbst vergangenen Jahres so präsent in den Medien, wie das Mega-Erdbeben von Van. Nach den Erschütterungen der Stärke 7,2 Ende Oktober wurden in den darauffolgenden Tagen Hunderte Menschen aus den eingestürzten Häusern gerettet. Für 535 von ihnen kam jede Hilfe zu spät. Das Trauma saß tief.

Einzelne, wie der 13-Jährige Yunus Geray, der lebend aus den Trümmern gezogen wurde, schließlich aber doch verstarb, verbreiteten kurzzeitige Schimmer der Hoffnung (das bekannte Foto von ihm wurde Anfang des Jahres prämiert – mehr hier). Dann, am 9. November 2011, der nächste Schock. Ein weiteres Mal bebt die Erde mit einer Stärke von 4,7 auf der Richterskala. Abermals sterben 30 Menschen und der härteste Winter seit gut 50 Jahren lag da noch vor ihnen.

Die Naturgewalt hinterließ in den folgenden Monaten eine Region, die nicht nur emotional am Ende war, sondern obendrein bis zur Unkenntlichkeit verwüstet wurde. Die Konsequenz: Gut 600,000 Einwohner Vans suchten ihr Heil in den umliegenden Provinzen. 180,000 kamen zurück, nachdem sie ihre Kinder in Sicherheit gebracht hatten. Andere blieben. 175,000 harrten in 35 notdürftig errichteten Containterstädten aus. Fremde, die kurz nach dem Erdbeben in die Gegend reisten, fanden für das, was sie dort vorfanden, meist nur eine Beschreibung: „Das ist eine Geisterstadt“. Mittlerweile, so heißt es, seien 90 Prozent wieder zurückgekehrt.

Binnen elf Monaten 17,471 neue Wohneinheiten errichtet

Nun, ein Jahr später, hat sich die türkische Tageszeitung Zaman erneut in Van umgesehen. Die Bilanz, die das Medium hinsichtlich der Bewältigung der Katastrophe zieht, fällt, im Gegensatz zu manch außenstehender Meinung, durchaus positiv aus. Menschen aus dem ganzen Land hätten in der Folgezeit Erdbebenopfer bei sich aufgenommen – und das teils über Monate. Kontinuierlich hätten die Hilfsorganisationen Spenden geschickt, auch Kleidung und Lebensmittel (andere werfen der türkischen Regierung hingegen Versagen vor – mehr hier). Nichtsdestotrotz: Binnen elf Monaten seien in Van 17,471 neue Wohneinheiten errichtet und an ihre rechtmäßigen Eigentümer übergeben worden. Banken und die Regierung hätten insgesamt 270 Millionen Lira, rund 115 Millionen Euro, an Darlehen an gut 4000 lokale Unternehmen vergeben, um so die zerstörte Wirtschaft der Region wieder zu beleben. Zerstörte Schulen, so zählt das Blatt weiter auf, seien wieder aufgebaut worden und auf diese Weise 2,600 neue Klassenräume für die Provinz entstanden. Auch an neue Grünflächen habe man gedacht und 16,650 neue Bäume gepflanzt.

An diesem Dienstag, dem 23. Oktober, wird Van gemeinsam mit Erdoğan und sechs weiteren Ministern nun seiner Opfer von damals gedenken und gleichzeitig seinen Dank an die vielen Helfer aussprechen, die die Region binnen dieses Jahres wieder zum Leben erweckt haben. Nach Ansicht des Gouverneurs von Van, Münir Karaloğlu, sei die Krise jener Wochen und Monate, die ein Gebiet mit einem Durchmesser von 130 Kilometern erfasst habe, vorbildlich bewältigt worden. Dass jetzt, ein Jahr später, schon wieder neue Häuser errichten wären, finde er fantastisch. 15,341 seien bereits fertiggestellt und die ersten Besitzer bereits eingezogen.

30,242 Gebäude in Van und Umgebung stark beschädigt

Doch das kann nur der Anfang sein. Bereits kurz nach dem ersten Erdbeben wurde in Van der angerichtete Sachschaden durch Vertreter des Ministeriums für Umwelt und Stadtplanung, des türkischen Katastrophenschutzes (AFAD) sowie durch die Türkische Gewerkschaft der Ingenieure und Architekten (TMMOB) begutachtet. Die Fachleute stuften insgesamt 30,242 Gebäude in Van, im Distrikt Erciş und in zahlreichen umliegenden Dörfern als stark beschädigt ein. 19,206 wiesen mittlere, 90,819 leichtere Beschädigungen auf. 8,500 Häuser mussten abgerissen werden. Nur 65,085 Gebäude blieben unversehrt.

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