Hungerstreik in türkischen Gefängnissen: Hunderten von Häftlingen drohen schwere körperliche Schäden

Seit nunmehr 43 Tagen befinden sich gut 600 politische Gefangene in der gesamten Türkei im Hungerstreik. Die Sorge wächst mittlerweile stündlich, dass die Häftlinge durch ihren Protest dauerhafte körperliche Schäden davontragen könnten. Auch Amnesty International hat sich bereits eingeschaltet.

Hunderte Gefangene, so berichtet die türkische Zeitung Hürriyet, würden sich seit 43 Tagen in einem unbefristeten Hungerstreik befinden. Einige Demonstrierende befänden sich mittlerweile in einem desolaten Zustand. Die öffentliche Empörung über die Situation wächst, während die BDP sich offenbar völlig mit den Streikenden solidarisiert: „Selbst eine Minute oder eine Sekunde ist sehr wichtig für uns. Die Menschen in der Türkei sollten alles stehen und liegen lassen und sich den Demonstrationen anschließen. Hunderttausende sollten zusammenkommen. Entweder stoppen wir das oder wir sterben mit unseren inhaftierten Kollegen“, so BDP-Vorsitzender Selahattin Demirtaş am vergangenen Dienstag vor dem Gefängnis in Diyarbakır, wo einige der im Hungerstreik befindlichen Personen inhaftiert sind (derweil ruft der türkische Premier die Kurden auf, sich von der PKK zu distanzieren – mehr hier).

Begonnen hatte der Hungerstreik am 12. September unter 63 Gefangenen. Die Protestierenden forderten eine Ende der Isolation des inhaftierten PKK-Führers Abdullah Öcalan, der auf der Insel İmralı eine lebenslange Haftstrafe verbüßt. Mittlerweile haben sich dieser Forderung nach Angaben des Justizministeriums rund 600 Inhaftierte angeschlossen und seien in den Hungerstreik getreten. Die meisten von ihnen seien im Zuge der laufenden KCK-Untersuchungen festgenommen worden. Daneben würden sie auch ein Ende der Beschränkung des Gebrauchs des Kurdischen in öffentlichen Zonen verlangen, speziell gehe es um das Recht der Angeklagten auf Verteidigung in kurdischer Sprache während ihres Prozesses (vehement wird auch Unterricht in Kurdischer Sprache von Seiten der Regierung ausgeschlossen – mehr hier).

Wie das Medium weiter schreibt, sei es Öcalans Anwalt nun seit mehr als einem Jahr nicht gestattet worden, seinen Mandanten auf İmralı zu besuchen. Das letzte Treffen der beiden soll am 14. Oktober 2011 stattgefunden haben. Seinen Bruder Mehmet Öcalan habe er im vergangenen Jahr zwei Mal gesehen. Dieser habe sich nun an das Justizministerium gewandt, um seinen Bruder während des anstehenden Opferfestes zu besuchen. Bisher, so schreibt die Taraf, soll er allerdings noch keine Antwort erhalten haben.

Häftlinge verweigern Aufnahme von Vitamin B1

Vor gut einer Woche, am 18. Oktober, schlossen sich dann der inhaftierte BDP-Anwalt Faysal Sarıyıldız sowie der Bürgermeister von Van, Bekir Kaya, dem Hungerstreik an. Mittlerweile, so schreibt die Hürriyet unter Berufung auf die  Türkische ÄrztInnenvereinigung (TTB), befänden sich diejenigen, die den Streik schon im September begonnen hätten, in kritischer Verfassung. So habe die TTB Informationen erhalten, dass sich einige der Streikenden weigern würden, Salz, Zucker und das überlebensnotwendige Vitamin B1 zu sich zu nehmen, um so irreperablen Schäden vorzubeugen. Auf der anderen Seite gäbe es auch Vollzugsbeamte, die den Demonstrierenden das nicht einmal anbieten würden. Noch einmal habe sich die Vereinigung deshalb an das Ministerium gewandt und darum gebeten, dass Ärzte zu den Streikenden gelassen würden. Eine Anfrage vom 15. Oktober blieb bisher ebenfalls unbeantwortet.

Rund 500 Demonstranten in Berlin

Erst am 23. Oktober veröffentlichte Amnesty International eine Erklärung, in der sie die türkischen Behörden dazu aufrief, dass es keine Strafmaßnahmen gegen Gefangene unternimmt, die sich dem Hungerstreik angeschlossen haben. Die in London ansäßige Menschenrechtsorganisation äußerte auch seine Bedenken über Berichte über Gefangene in Silivri und Şakran, die auf Grund ihrer Teilnahme am Hungerstreik in Einzelhaft gesteckt wurden.

Auch im Ausland erregt der Hungerstreik mittlerweile Aufmerksamkeit. So haben sich etwa am vergangenen Sonntag knapp 500 Menschen in Berlin zu einer Demonstration gegen die Politik der türkischen AKP-Regierung im Umgang mit den Menschenrechten gegenüber Kurden sowie kritischen Journalisten zusammengefunden. Veranstaltet wurde die Demonstration vom Kurdischen Volksrat Berlin. Die Demonstration wurde von einem Großaufgebot der Polizei begleitet und verlief bis zum Ende friedlich und ohne Zwischenfälle.

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