Turkish Wind Energie Conference 2012: Erneuerbare Energien trotzen staatlicher Verzögerungstaktik

Während die türkische Regierung strikt an ihrem Atomkurs festhält und in den nächsten Jahren gleich mehrere Kernkraftwerke errichten will, formiert sich auf der anderen Seite eine immer größer werdende Schar an Anhängern Erneuerbarer Energien. Im Rahmen der Turkish Wind Energie Conference 2012 wurde nun der derzeitige Stand der Entwicklung und künftige Ziele besprochen. Das Fazit: Bisher läuft es erstaunlich gut, trotz staatlicher Hindernisse.

Überrascht blickte Eröffnungsredner Hasan Köktaş am vergangenen Mittwoch in die Runde der Teilnehmer an der Turkish Wind Energie Conference 2012 in Istanbul. Statt der erwarteten Hundertschaft fand er sich vor Tausenden, internationalen Zuhörern wieder. Hätte ihm das jemand vor einigen Jahren gesagt, zitiert die türkische Zeitung Zaman den Vorstand der türkischen Regulierungsbehörde für den Energiemarkt (EPDK), hätte er einen solchen Zuspruch nicht für realistisch gehalten.

Investoren schrecken vor allem bürokratische Hürden

Doch für Köktaş geht es hier nicht nur um prall gefüllte Reihen. Für ihn spiegelt sich im Zuge der Konferenz das wieder, was sich in den vergangenen Jahren auf dem türkischen Markt für Erneuerbare Energien insgesamt getan hat. Die hiesige Windenergiebranche, so fasst das Medium zusammen, sei noch jung. Ihr rasantes Wachstum dafür aber umso überraschender. Und das trotz hoher „regulatorischer Hürden“, Netzproblemen und nur unzureichenden europäischen Zuschüssen.

„Die Türkei kann in Anbetracht ihres Zugangs zu natürlichem Sonnenlicht und Wind in Sachen Erneuerbaren Energien zu den Top 10 Nationen weltweit gehören. Doch um dies zu ermöglichen, müssen die Beschwerden der Investoren über bestimmte Vorschriften und Netz-Angelegenheiten ausgeräumt werden“, ist sich auch der türkische Energieminiser Taner Yıldız der aktuellen Problematik bewusst. Immerhin sei dieser Industriezweig seit 2005 um jährlich 60 bis 80 Prozent gewachsen (in einer neuen Industriezone in Karapınar, in der Provinz Konya konzentriert man sich derzeit auf den Ausbau von Solarenergie – mehr hier).

Doch dieses immense Wachstum vollzog sich trotz strikter Lizenzbestimmungen von Seiten der türkischen Regierung. Immerhin, so heißt es weiter, müssten sowohl das Militär als auch zahlreiche staatliche Behörden ihr Einverständnis geben, bevor eine Windkraftanlage tatsächlich gebaut werden könnte. „Gut 80 Prozent der Anträge an die Regierung warten derzeit noch auf eine Genehmigung. Es ist eine frustrierende Situation“, erläutert ein Konferenzteilnehmer die aktuelle Lage. Dass nun auch Yıldız darüber spreche, zeige jedoch, dass das Problem mittlerweile erkannt wurde und man daran arbeite.

20 GW Produktionsmenge bis zum Jahr 2023

In der Tat hat es den Anschein, als sei die Zeit für derartige Investitionen in der Türkei gerade günstig. Bis zum Ende des Jahres 2012, umreißt die Zaman, sollen gut zwei Prozent des türkischen Energiebedarfs aus Windanlagen gespeist werden. Zwei Jahre zuvor waren es übrigens erst 0,8 Prozent. „Bis 2023 könnte sich die Produktionsmenge um das Zehnfache erhöhen“, glaubt auch Taner Yıldız in Anbetracht von Plänen, das Ergebnis bis zur Hundertjahrfeier auf 20 GW zu steigern (insgesamt soll die türkische Wirtschaft umweltfreundlicher werden – mehr hier).

Allerdings gibt es neben der Bürokratie auch noch andere Hürden, die bis dahin überwunden werden müssen. Yıldız und seinen Kollegen, so fährt die Zaman fort, sei sehr wohl bewusst, dass es eines schnellen Ausbaus des türkischen Stromnetzes bedarf. Darüber hinaus identifizerte Köktaş eine weitere Baustelle: Der Preis. Bisher seien Erneuerbare Energien eine ziemlich teure Angelegenheit. Das bis 2023 anvisierte Ziel würde rund 58 Milliarden Euro öffentliche und private Investitionen erfordern. Auf der anderen Seite stünden jedoch die Verbraucher, die sehr sensible auf jegliche Preiserhöhung reagieren würden.

Türkei hat die besten Voraussetzungen in ganz Europa

Doch gibt es für die Türkei, die derzeit zu ganzen 70 Prozent vom ausländischen Energietropf abhängt, überhaupt eine Alternative? Immerhin klettern derzeit auch die bisher gut subventionierten Gaspreise stetig in die Höhe – zuletzt um 9,8 Prozent im vergangenen September. Während die Verluste für Energieunternehmen wie BOTAŞ bestehen bleiben und in Zukunft wahrscheinlich sogar noch größer werden. „Die Verbraucherpreise steigen und es gibt kein Halten mehr“, mahnt auch Rob van de Veerdonk, vom niederländischen Windturbinenhersteller EWT. „In der Zwischenzeit gehen unsere Preise nach unten.“

Die türkischen Verbraucher mag das im Augenblick wenig beruhigen, meint Erol Kaya, Vorstand der Parlamentarischen Umweltkommission. Dennoch sollte es optimistisch stimmen. „Die Türkei ist in ganz Europa eines der attraktivsten Länder für Erneuerbare Energien. Es verfügt über 8300 Kilometer windiger Küste und ist das sonnenreichste Land des Kontinents. Das sind große Chancen.“

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