Sexuelle Gewalt gegen Frauen: Fälle in der Türkei sind dramatisch angestiegen

Aufnahmen von geschundenen Frauen ins Zeugenschutzprogramm, spezielle Panic Buttons für Opfer häuslicher Gewalt: Langsam aber sicher scheinen die türkischen Behörden aufzuwachen. Doch kommen sie damit reichlich spät. Denn die Entwicklungen der letzten Jahre sind dramatisch. Um satte 400 Prozent ist die Zahl der Sexualdelikte in der Türkei in den vergangenen neun Jahren gestiegen. Darauf wies der türkische Staatsanwalt Veli San im Rahmen einer Konferenz an der Bülent Ecevit Universität in der Schwarzmeer-Provinz Zonguldak hin.

Auf einer Konferenz zum Thema „Gewalt gegen Frauen“ hat der türkische Staatsanwalt Veli San verlautbart, dass sich die Anzahl der Sexualdelikte in der Türkei in den letzten neun Jahren vervierfacht habe. Während im Jahr 2002 8.146 Vergehen verzeichnet worden seien, habe man im Jahre 2011 ganze 32,988 Delikte registrieren müssen. Das berichtet die Nachrichtenagentur Doğan.

Diskriminierung von Frauen schlimmer als Rassismus

Erst Anfang November zeigte sich die türkische Familienministerin Fatma Șahin alarmiert. Häusliche Gewalt sei schlimmer als Rassismus, warnte die türkische Familienministerin während des 30. Kongresses über die Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau in der Türkei (CEDAW) in Istanbul. „Es ist für uns von größter Bedeutung sicherzustellen, dass alle Bürger der Türkei gleichermaßen von ihren Rechten als Staatsbürger profitieren, unabhängig von ihrer Religion, Sprache, Geschlecht oder Konfession. So sehen wir das Thema Frauenrechten. Dementsprechend haben wir unsere internationalen Strategien geformt. Genau wie unser Ministerpräsident sagte, ist die Diskriminierung von Frauen schlimmer als Rassismus.“ (Istanbul ist für Frauen mittlerweile ein gefährlicheres Pflaster als Anatolien – mehr hier)

Wie ernst das Problem tatsächlich ist, hat die türkische Obrigkeit offenbar erst in jüngster Zeit wirklich erkannt. Erst im vergangenen Juli wurde von einem Gericht in Istanbul entschieden, dass weibliche Opfer von häuslicher Gewalt und ihre Kinder künftig neue Identitäten im Rahmen des türkischen Zeugenschutzprogrammes erhalten können. Ausgangspunkt war der Fall einer Frau, die von ihrem Ehemann misshandelt wurde und sich deshalb auch mehrmals an die Polizei gewandt hatte. Geschehen war jedoch nichts. Und genau das befürchten Frauenrechtsgruppen nun auch mit Blick die neue Regelung, da selbst bisherige Vorschriften zum Thema häusliche Gewalt nicht adäquat umgesetzt werden. Denn nicht einmal die Polizei, so ihr Vorwurf, halte sich an richterliche Weisungen (selbst Amnesty International zeigte sich über die Situation in der Türkei besorgt – mehr hier). Und ob hier die neuen Panic Buttons helfen können, die derzeit zunächst in den Regionen Bursa und Adana getestet werden, etwas ausrichten können, scheint ebenfalls fraglich.

Gewalt unabhängig vom Einkommens- und Bildungsniveau

Immer wieder wird das Thema auch von internationaler Seite angeprangert. Besonders in Erinnerung ist hier etwa der 58 Seiten starke Bericht von Human Rights Watch „‘He Loves You, He Beats You‘: Family Violence in Turkey and Access to Protection“ aus dem Jahr 2011. Gauri van Gulik, Expertin für Frauenrechte von Human Rights Watch, dokumentiert darin die brutale und lange andauernde Gewalt von Ehemännern, Partnern und Familienmitgliedern gegen Frauen und Mädchen und deren Kampf um Schutz, wenn sie die Angriffe überlebt haben. „Angesichts der starken Gesetze ist es unentschuldbar, dass die türkischen Behörden Betroffenen von häuslicher Gewalt grundlegenden Schutz vorenthalten“, klagt van Gulik an. Auf dem Papier habe die Türkei vorbildliche Reformen bei Frauenrechten durchgeführt. Nun müssten Polizei, Staatsanwälte, Richter und Sozialarbeiter dafür sorgen, dass das System auch in der Praxis beispielhaft werde, und eben nicht nur auf dem Papier.

Human Rights Watch befragte damals Frauen und Mädchen im Alter von 14 bis 65 Jahren. „Sie wurden vergewaltigt, mit Messern angegriffen, während der Schwangerschaft in den Bauch getreten, mit Hämmern, Stangen, Stöckern und Schläuchen verprügelt, mit Hunden oder anderen Tieren eingeschlossen, ausgehungert, mit Elektroschockpistolen angegriffen, von Hausdächern gestoßen und massiver psychischer Gewalt ausgesetzt.“ Gewalt, so die Menschenrechtsorganisation, trete in allen Bereichen auf, in denen Befragungen durchgeführt wurden, unabhängig vom Einkommens- und Bildungsniveau.

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