Kinderbräute in der Türkei: Schutz der Kleinen muss in die Verfassung

Alle vier Parteien im Verfassungsausschuss des türkischen Parlaments sind sich im Grundsatz einig, dass die neue Verfassung so ausgestaltet sein sollte, dass es künftig keine Kinderbräute mehr geben kann. Mit dem ersten internationalen Weltmädchentag am 11. Oktober rückte das Thema erst kürzlich erneut in den weltweiten Fokus.

Der Konsens, so berichtet der türkische Journalist Göksel Bozkurt für die Zeitung Hürriyet, habe sich während einer Sitzung am 8. November ergeben, als die Parlamentarier über den Artikel zum Thema Heirat und das Recht auf Gründung einer Familie debattierten.

Eingegangen war zuvor ein Vorschlag der Oppositionspartei CHP, Ehen unter dem in der Türkei geltenden Mündigkeitsalter von 18 Jahren nicht mehr zuzulassen.

Parteien wollen auch Recht auf Heirat definieren

Die regierende AKP, so Bozkurt, habe zunächst Einspruch gegen den Vorschlag eingelegt und bot stattdessen an, Kinderehen per Gesetz zu verbieten. Nach eingehender Debatte seien sich AKP, CHP, BDP und MHP schließlich einig geworden, das Thema in die neu entstehende türkische Verfassung einzubringen. Für die entsprechende Klausel gebe es nun folgenden Entwurf: „Der Staat wird Vorsorge treffen, um mit Gewalt geschlossene oder in zu frühen Jahren eingegangene Ehen von Mädchen zu verhindern.“ (auch das Thema Gewalt gegen Frauen wird nun verstärkt angegangen – mehr hier)

Inspiriert durch die Europäische Konvention zum Schutz der Menschenrechte, die das Recht zu heiraten und eine Familie zu gründen abdeckt, beschlossen die Mitglieder der Kommission, in die neue Verfassung sollte auch das Recht zu heiraten eingehen. Die CHP schlug hierzu einen Artikel vor, der sich folgendermaßen liest: „Jeder hat das Recht im heiratsfähigen Alter eine Ehe einzugehen und eine Familie zu gründen.“ Die BDP unterstützte den Vorschlag. Doch weder die AKP noch die MHP zeigten sich damit einverstanden. Anstoß nahmen die Parteien am Wort „Jeder“, was denden Weg für gleichgeschlechtliche Ehen ebnen würde, die ihrer Ansicht im Gegensatz zur türkischen Familienstruktur stünden. In ihren Augen besser: „Männer und Frauen im heiratsfähigen Alter haben das Recht zu heiraten und eine Familie zu gründen.“

Ban Ki-moon: Eine Hochzeit im Kindesalter raubt Chancen

Weltweite Aufmerksamkeit erfuhr das Thema erst am 11. Oktober dieses Jahres mit dem ersten internationalen Weltmädchentag der Vereinten Nationen. Ziel war es, die Aufmerksamkeit auf all jene Mädchen zu lenken, die in vielen Teilen der Welt immer noch starken Benachteiligungen ausgesetzt werden. Im Fokus stand, neben Gesundheit und Bildung, auch das Thema Kinderheirat. In seiner Botschaft zum Weltmädchentag stellte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon heraus: „An diesem ersten Internationalen Tag des Mädchens richtet sich der Blick der Vereinten Nationen vor allem auf das Problem der Kinderheirat. Jede dritte Frau, die heute zwischen 20 und 24 Jahre alt ist, hat vor ihrem 18. Lebensjahr geheiratet. Das sind allein in dieser Altersgruppe mehr als 70 Millionen Frauen. Obwohl die Anzahl minderjähriger Bräute in den letzten 30 Jahren zurückgegangen ist, ist der Kampf gegen Kinderheirat weiterhin eine Herausforderung, insbesondere in den ländlichen und armen Regionen der Welt.“

Eine Hochzeit im Kindesalter raube Mädchen Chancen. Sie schade ihrer Gesundheit und setze sie einem erhöhten Risiko aus, Opfer von Gewalt und Misshandlung zu werden. Oft komme es zu verfrühten und ungewollten Schwangerschaften, die wiederum ein tödliches Risiko darstellten. Wenn eine Mutter jünger als 18 Jahre alt sei, sei die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Neugeborenes innerhalb seines ersten Lebensjahres sterbe, 60 Mal so hoch wie bei einer Mutter, die älter als 19 Jahre alt sei (eine Studie zur Zwangsverheiratung sorgte kürzlich in Deutschland für Aufsehen – mehr hier).

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