Twitter-Trend #dershanemolmasaydı: Türkische User protestieren gegen Aufgabe der Uni-Vorbereitung

Sie twittern gegen einen Plan, der ihr berufliches Fortkommen massiv gefährden könnte: Türkische Twitter-Nutzer und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens haben an diesem Dienstag ihrem Unmut über das Vorhaben der Regierung Luft gemacht, Dershane zu schließen, die junge Leute auf eine Universitätsausbildung vorbereiten sollen. Mit unzähligen Tweets haben sie es zeitweise sogar geschafft, den Hashtag #dershanemolmasaydı zu einem weltweiten Trend Thema zu machen.

Um in der Türkei den Eintritt in eine Universität oder auf ein Elite-Gymnasium zu schaffen, ist für die meisten der Gang in eine spezielle Förderschule, die so genannte Dershane, obligatorisch.

Gegen eine Gebühr von gut 800 Euro monatlich, für eine gute Einrichtung, wird der Zusatzunterricht von türkischen Jugendlichen zumeist am Wochenende besucht, um das auszugleichen, was von öffentlichen Schulen unter der Woche nicht geleistet wurde und so letztlich die Aufnahmeprüfung für ein Studium oder für eine weiterführende Schule zu bestehen. Der Leistungsdruck und die Mehrbelastung für die Kinder ist enorm. Doch auch der finanzielle Mehraufwand ist für das Gros der Familien nur durch emsiges sparen zu meistern (für 50,805 Schüler ist die YGS-Prüfung in diesem Jahr zu einem regelrechten Totalausfall geworden – mehr hier).

Abschaffung der Dershane: Twitter-User malen Szenarien aus

Doch genau das soll sich nach Ansicht der Regierung nun offenbar ändern. Die Dershane, die derartigen Förderunterricht für Gymnasien und Universitäten anbieten, sollen geschlossen werden. Ein Anliegen, das jetzt unzählige türkische Twitter-User auf die virtuellen Barrikaden getrieben hat. Die versandten Tweets, so schreibt die türkische Zeitung Zaman, varriierten stark. Während einige mit rationalen Gründen aufwarteten, warum die Dershane nicht geschlossen werden sollten, hatten andere für derartige Pläne nur noch Spott übrig. Dritte versuchten wiederum zu veranschaulichen, was geschehe, wenn solche Anstalten künftig nicht mehr existieren würden (mit Spannung wurde im September auch der Schulanfang nach der 4+4+4-Reform beobachtet – mehr hier).

Hintergrund der Aufregung ist eine Aussage des türkischen Premiers Recep Tayyip Erdoğan vom vergangenen Sonntag. Er vertritt die Ansicht, dass diese Institutionen entweder geschlossen werden sollen oder aber in Privatschulen umgewandelt werden müssen. Damit, so konstatiert das Blatt, goss Erdoğan erneut Öl in eine ohnehin schon hitzige Debatte des Landes, ob die Abschaffung dieser Kurse denn wirklich ein Heilmittel für die Probleme des hiesigen Bildungssystems darstellen könnte.

Ohne Förderunterricht auch anderes Prüfungssystem?

Neu ist die Debatte in der Türkei allerdings nicht. Schon mehrmals kam das Thema auf den Tisch. Umgesetzt wurden Pläne, die Dershane abzuschaffen bisher allerdings nicht. Pädagogen sagen, dass das Ende solcher Einrichtungen wie eine Erleichterung für Eltern klingen mag, doch gleichzeitig brächten solche Pläne unweigerlich gleich mehrere Fragen auf. Zum Beispiel: Wird die türkische Regierung nach der Schließung der Förderschulen dann auch das Prüfungssystem ändern? Gleichzeitig glauben die Fachleute, dass Dershane auch eine entscheidende Rolle bei der Verringerung der sozioökonomischen Unterschiede spielen. Durch sie würde sichergestellt, dass auch Schüler und Studenten aus niedrigeren Einkommensschichten Stipendien etwa für ein Universitätsstudium erhalten könnten. Mit dem Wegfall dieser Klassen, würde die Kluft zwischen den verschiedenen sozioökonomischen Gruppen wieder sichtbarer werden.

Auswirkungen ergäben sich aber nicht nur auf der Seite von Schülern und Eltern. Nach sich ziehen würde das auch die Arbeitslosigkeit von Zehntausenden Lehrern, die derzeit an solchen Schulen unterrichten.

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