7,5 Millionen Deutsche können selbst einfache Texte nicht lesen

14 Prozent aller Deutschen im erwerbsfähigen Alter können selbst einfache Texte nicht lesen. In einer gemeinsamen Initiative wollen Bund und Länder nun gegen diese bedrohliche Entwicklung ankämpfen.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (KMK) und die Jugend- und Familienministerkonferenz der Länder (JFMK) haben am 18. Oktober 2012 eine gemeinsame Initiative zur Verbesserung der Sprachförderung, Sprachdiagnostik und Leseförderung vereinbart.

„Das sichere Beherrschen der deutschen Sprache ist der Schlüssel zum Bildungserfolg. Mit der gemeinsamen Initiative sorgen wir dafür, dass die bereits bestehenden vielfältigen Maßnahmen der Länder zur sprachlichen Bildung in Deutschland evaluiert und weiterentwickelt werden, damit alle Kinder von Anfang an eine noch bessere individuelle Sprach- und Leseförderung in den Kindertageseinrichtungen und Schulen erhalten“, erklärten die Vertreterinnen und Vertreter von Bund und Ländern am Rande des KMK-Plenums in Hamburg.

Mit der Initiative “Bildung durch Sprache und Schrift (BISS)“ wird ein fünfjähriges Forschungs- und Entwicklungsprogramm auf den Weg gebracht, das die sprachliche Bildung von Kindern sowie die in den Ländern eingeführten zahlreichen Angebote zur Sprachförderung, Sprachdiagnostik und Leseförderung im Hinblick auf ihre Wirksamkeit und Effizienz wissenschaftlich überprüft und weiterentwickelt. Darüber hinaus unterstützt das Programm die erforderliche Fort- und Weiterqualifizierung der Erzieherinnen und Erzieher sowie der Lehrkräfte in diesem Bereich.

Im Programm BISS werden Verbünde von Kindertageseinrichtungen bzw. Schulen eng zusammenarbeiten, um ihre Erfahrungen auszutauschen und abgestimmte Maßnahmen der Sprachbildung umzusetzen. Die Arbeit dieser Verbünde wird durch eine wissenschaftliche Begleitung unterstützt.

Die Initiative basiert auf den Empfehlungen einer vom BMBF in Abstimmung mit dem BMFSFJ und den Ländern in Auftrag gegebenen wissenschaftlichen Expertise und wird im Herbst 2013 in den Kindertageseinrichtungen und Schulen starten.

Ein erster Schritt zur Umsetzung des Programms wird die in Kürze vorgesehene Bekanntmachung des BMBF zur Förderung des Trägerkonsortiums sein, das die Gesamtkoordination und den wissenschaftlichen Teil des Programms verantworten wird.

In einer Expertise umreißt Bildungsministerium die Zielsetzung: “Sprache und sprachliche Bildung sind für das Individuum wie für die Gesellschaft von zentraler Bedeutung. Ohne die Fähigkeit zur mündlichen und schriftlichen Verständigung, ohne ausreichende Lese- und Schreibkompetenz sind weder ein qualifizierter Schulabschluss noch eine zukunftsfähige Berufsausbildung zu erreichen. Das bedeutet für die Betroffenen nicht nur eine erhebliche Einschränkung ihrer gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten – beruflich, privat und öffentlich –, sondern auch ihrer allgemeinen Lebensqualität. Wenn ein nennenswerter Teil der Absolventen und Absolventinnen der allgemeinbildenden und beruflichen Schule das in modernen Gesellschaften notwendige Niveau sprachlicher Bildung nicht oder nicht zuverlässig erreicht, hat dies auch langfristige Folgen für das System der sozialen Wohlfahrt, die Volkswirtschaft und für die Integration des Gemeinwesens insgesamt. Dass dies in Deutschland der Fall sein könnte, ist eine zunehmende Sorge vieler Menschen.

Zieht man „funktionalen Analphabetismus“, wie er von der UNESCO definierte wurde, als gesellschaftlichen Risikoindikator heran, ist diese Sorge nicht unbegründet. Schon heute sind etwa 7,5 Millionen Erwachsene in Deutschland (das sind mehr als 14 Prozent der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter) nicht in der Lage, den Sinn einfachster deutscher Texte zu erschließen. Nachlernen ist zwar auch im Erwachsenenalter mit großer Anstrengung möglich. Aber die Grundlagen der Sprachbildung und damit auch die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Bildungsbiografie werden in der Kindheit gelegt.”

Auch in der Türkei gehört das Buch nicht unbedingt zum Alltag der Bürgerinnen und Bürger. TV und Internet werden in der Regel der Literatur aus dem Regal vorgezogen. Mancherorts wird sogar zu exotischen Methoden gegriffen, um Männer, Frauen und Kindern das Lesen schmackhaft zu machen. So wurde kürzlich der Fall eines türkischen Cafés bekannt, dass tatsächlich Freigetränke servierte, wenn die Gäste dafür zu einem Buch griffen.

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