Finanzkrise: Viele Deutsche verzichteten 2011 auf Arztbesuch

Laut einer Umfrage des französischen Versicherungskonzerns Europe Assistance zum Gesundheitswesen hat im Jahr 2011 fast ein Drittel der befragten Deutschen aus Geldmangel auf eine medizinische Behandlung verzichtet.

Die Zahl der Deutschen, die bei ihrer Gesundheit sparen, hat sich innerhalb nur eines Jahres  verdoppelt: Vom Jahr 2010 auf das Jahr 2011 stieg der Anteil von 15 auf 30 Prozent. Der europäische Durchschnitt liegt mit 19 Prozent weit niedriger. Mehr als die Hälfte der Deutschen verzichteten aus Kostengründen insbesondere auf den Gang zum Zahnarzt. 42 Prozent versagten sich den Erwerb von Brillen oder Kontaktlinsen und ein Drittel verzichtete aus Kostengründen darauf, Medikamente zu kaufen.

Nach Ansicht des Europe Assistance-Konzerns liegt dies auch an der aktuellen Krise: „Die Zahlungsbereitschaft der Deutschen für medizinische Leistungen zeigt sich von der europäischen Finanz- und Wirtschaftskrise offensichtlich beeindruckt“, stellt die Studie fest.

Frank Donner, Pressesprecher des in der deutschen Niederlassung in München ansässigen Unternehmens, welches die Befragung durchgeführt hat, sieht das Ergebnis nüchtern: „Vor dem Hintergrund gestiegener Gesundheitskosten, steigender Beiträge für die Krankenversicherungen und immer noch 137.000 Personen ohne Krankenversicherungs-Schutz – trotz der seit 2009 eingeführten Krankenversicherungspflicht für alle Bürgerinnen und Bürger – hat uns die gesunkene Zahlungsbereitschaft der Deutschen für medizinische Leistungen nicht wirklich überrascht.“

Die Europe Assistance vergleicht europäische und US-amerikanische Ergebnisse. Sie hat Daten über die Gesundheitsausgaben von Bürgern aus Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien, Tschechien, Polen, Schweden, Österreich sowie den USA erhoben. Die Erhebung wurde zwischen Mai und Juni 2012 im Rahmen einer telefonischen Befragung durchgeführt. Der Ländervergleich zeigt: Nur die Polen waren mit 41 Prozent noch sparsamer als die Deutschen, wenn es um die Finanzierung ihrer Gesundheit ging.

Ann Marini, stellvertretende Pressesprecherin des GKV-Spitzenverbandes, sagte auf Nachfrage der Deutschen Gesundheits Nachrichten: „Die Leistungspflicht der gesetzlichen Krankenversicherung“ sei „durch eine Entscheidung des Gesetzgebers bei Sehhilfen und Zahnersatz eingeschränkt worden“. Zu „versorgungsrelevanten Auswirkungen der Umstellung auf den befundorientierten Festzuschuss bei Zahnersatz“ werde es „eine Untersuchung des Gemeinsamen Bundesausschuss geben.“

Die Studie weist auch auf ein weiteres Problem hin: In Deutschland lässt sich die Gesellschaft in zwei Schichten unterteilen. So gebe es laut Donner mit 30 Prozent „zum einen die wachsende Gruppe der Menschen, die an ihrer Gesundheit sparen“ und „zum anderen die vorsorgebereiten Bürger, die durchaus zahlungsbereit sind und private Zusatzversicherungen als geeignete Lösung zur Finanzierung des Gesundheitswesens erachten“. Letztere Gruppe mache 39 Prozent aus. Der Europe Assistance-Pressesprecher führt weiter aus: „Lediglich für 31Prozent der Deutschen ist eine Chancengleichheit für alle Bundesbürger beim Zugang zu Gesundheitsleistungen unabhängig von Einkommen und Status gegeben. Der überwiegende Teil der Deutschen ist demnach davon überzeugt, dass die Qualität der Gesundheitsversorgung vom finanziellen oder gesellschaftlichen Status abhängig ist.“

Die Türkei, so scheint es, ist hingegen in Sachen Gesundheitsversorgung ihrer Bürger auf einem guten Weg. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Türkei während ihrer 65. Weltgesundheitsversammlung, die vom 21. bis 26. Mai in Genf stattfand, als eine beispielhafte Nation hinsichtlich ihrer Gesundheitsreformen vorgestellt. Entgegen landläufiger Überzeugung, so stellteder türkische Gesundheitsminister Recep Akdağ heraus, brauche es eben keine exorbitanten finanziellen Mittel, um ein gut funktionierendes und faires nationales Gesundheitssystem zu implementieren. In der Türkei hätte es lediglich 550 Dollar pro Kopf bedurft, um ein Gesundheitssystem einzurichten, das teils sogar besser funktionieren würde als in entwickelteren Ländern.

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