Israel beschließt Bodenoffensive: 75.000 Reservisten einberufen

Tausende israelische Soldaten wurden bereits an der Grenze zum Gaza-Streifen zusammengezogen. Am Freitagabend beschloss das Kabinett eine große Mobilmachung. Nach den ersten Raketen auf Jerusalem wird die israelische Armee nun in Gaza einmarschieren.

Der Krieg im Nahen Osten hat eine neue Dimension erreicht: Am Freitagabend stimmte das Kabinett dem Vorschlag von Verteidigungsminister Ehud Barack zu, 75.000 Reservisten einzuberufen. Damit ist klar: Die IDF werden im Gaza-Streifen einmarschieren.

Am Freitag hielt der Raketenbeschuss von Israel unvermindert an. Erstmals schlug eine Rakete in der Nähe von Jerusalem ein. Auch andere Städte waren betroffen. Der Angriff auf Jerusalem dürfte die Entscheidung zu einer Bodenoffensive beschleunigt haben (schon am Nachmittag rechneten Beobachter damit – mehr hier). Beobachter verweisen darauf, dass selbst Saddam Hussein davor zurückgeschreckt hatte, seine Scud-Raketen auf die Stadt zu schießen, die Christen, Juden und Muslimen gleichermaßen als Heilige Stadt gilt. Die Hamas sprach im Hinblick auf die Rakete gegen Jerusalem von einer „Überraschung“. Diese Terminologie entspricht der Ideologie der Hisbollah, deren Taktik seit jeher in einem unerbittlichen Kampf auch gegen die Zivilbevölkerung besteht. Die Rakete wurde wegen ihrer Reichweite als eine Waffe bezeichnet, die iranische Fajr 5-Sprengköpfe trägt. Es gab noch weitere Einschläge, die in Jerusalem zu hören waren. Ein Militärsprecher sagte, man könne noch nicht lokalisieren, woher die Treffer kamen und welche Wirkung sie gehabt hätten.

Premier Benjamin Netanjahu sagte am Freitag, dass die Armee nun bereit sei, in Gaza einzumarschieren. Man wolle die „terroristische Infrastruktur in Gaza zerstören“ und werde gleichzeitig „alles Mögliche tun, um keine Zivilisten zu verletzen“.

In Israel heulten während des ganzen Tages die Sirenen, die Menschen brachten sich in Luftschutzbunkern in Sicherheit (die USA bat die Türkei um Vermittlung im Konflikt – mehr hier).

„Wir haben panische Angst, wenn unsere Kinder nicht bei uns sind“

Mehrere israelische Zeugen bestätigten den Deutschen Wirtschafts Nachrichten, dass im Land eine dramatische Stimmung der Angst herrsche. Auch wenn die Hamas-Raketen bisher wenige Israelis verletzt oder getötet hätten, verfehlten sie doch nicht die psychologische Wirkung auf die Bevölkerung: „Es ist nicht entscheidend, dass eine Rakete ihr Ziel verfehlt. Entscheidend ist das Gefühl, dass man jederzeit ums Leben kommen könne, wenn man auf die Straße geht. Wir haben panische Angst, wenn unsere Kinder nicht bei uns sind, weil sich niemand gegen den wahllosen Beschuss aus der Luft schützen kann“, sagte ein israelischer Journalist.

Eine Bodenoffensive könnte zu einem bitteren Guerilla-Krieg ausarten, fürchten Beobachter. Auch die überlegenen Waffensysteme der Israelis können nicht verhindern, dass die Hamas einen Kampf aus dem Hinterhalt führt. Ein traditioneller Krieg mit der Trennung von Soldaten und Zivilisten ist unter diesen Umständen nicht zu führen. Dass eine schnelle Offensive gegen die Hamas daher ein Ende der Gewalt bewirken kann, erwartet niemand.

Im Bemühen um Deeskalation hatte die USA gestern Länder wie die Türkei, Ägypten und andere europäische Partner dazu aufgefordert, im Konflikt zu vermitteln. Die Türkei bietet sich als Vermittler indes nur bedingt an. Außenminister Ahmet Davutoğlu verurteilte Israel in scharfen Worten und sagte bei der Organisation der Islamischen Kooperation (OIC) in Dschibuti, Israel bedrohe durch seine Siedlungspolitik permanent den Frieden im Nahen Osten. Er forderte die UN auf, Israel zu stoppen. Auf die Attacken der Hamas ging Davutoğlu nicht ein (die Stimmung zwischen der Türkei und Israel ist bereits seit Mai 2010 mehr als eisig – mehr hier).

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