Der „Greisen-Export“ nach Osteuropa ist ein Armutszeugnis

Viele deutsche Politiker plädieren dafür, Pflegebedürftige in ausländischen Pflegeheimen in Osteuropa unterzubringen. In Deutschland werde aufgrund veralteter Bausubstanz bald jedes siebte Pflegeheim schließen, gleichzeitig aber würden pro Jahr 190 neue Pflegeheime benötigt.

Die zunehmende Alterung der Bevölkerung in Deutschland wird in den nächsten Jahren die Anzahl der Pflegebedürftigen in Deutschland ansteigen lassen. Nach einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung Ernst & Young („Stationärer Pflegemarkt im Wandel“, 2011) wird bis zum Jahr 2020 etwa jedes siebte Pflegeheim, zumeist aufgrund veralteter Bausubstanz, in Deutschland schließen. Gleichzeitig würden pro Jahr aber 190 neue Pflegeheime benötigt.

Pflege wird in Deutschland zudem immer teurer. Einige Politiker – so beispielsweise der Unions-Pflegeexperte Willi Zylaje – wollen deshalb Verträge mit Pflegeheimen in Osteuropa abschließen, um mehr Pflegebedürftige dorthin entsenden zu können. Das Unwort „Greisen-Export“ hat sich in diesem Zusammenhang aktuell bereits in die Medienberichterstattung eingeschlichen.

Adolf Bauer, Präsident des Sozialverbandes Deutschland (SoVD), findet den Vorschlag beschämend. Den Deutschen Gesundheits Nachrichten sagte er: „Diese Idee ist ein Armutszeugnis. Die Politik darf pflegebedürftige Menschen nicht länger mit solchen Meldungen verängstigen. Statt Furcht zu säen, müssen vernünftige Konzepte auf den Tisch, damit sich die Situation für die betroffenen Menschen in Deutschland verbessert.“ Seiner Ansicht nach wird mit dem Vorhaben „eine rote Linie übertreten“. Auf die Nachfrage, ob dieses Rückschlüsse auf unsere Gesellschaft zulasse, erklärt er: „Der Vorschlag sagt weniger etwas über unsere Gesellschaft aus als über vereinzelte Positionen. Diese gehen an der Lebensrealität vorbei. Denn die überwiegende Mehrheit pflegebedürftiger Menschen will in den eigenen vier Wänden alt werden.“

Laut Ernst & Young sind mit 70 Prozent fast drei Viertel der 2,34 Millionen pflegebedürftigen Menschen in Deutschland nicht stationär untergebracht, während etwas über 700.000 Senioren in Pflegeheimen einen Platz haben. Von den nicht stationär Versorgten wird mit 46 Prozent fast die Hälfte – ungefähr 1,07 Millionen –  von ihren Angehörigen betreut. Über eine halbe Million pflegebedürftige Personen werden gemeinsam mit Angehörigen oder allein ambulant durch Pflegepersonal versorgt. Im Jahr 2020 soll die Zahl der Pflegebedürftigen schon bei 2,9 Millionen liegen und 2050, so die Prognose, werden es bereits 4,7 Millionen sein. Konträr dazu entwickelt sich allerdings die Pflegesituation. Diese nämlich wächst nicht mit der Zahl der zu betreuenden Menschen, sondern wird sowohl in der stationären als auch in der ambulanten und der Angehörigen-Pflege in etwa stagnieren.

Die Arbeitsmarkt- und Rentenpolitik muss den geänderten Rahmenbedingungen durch den demografischen Wandel entsprechend angepasst werden. Damit Pflege auch hier in Deutschland bezahlbar bleibt, muss zukünftig mehr Wert auf den Ausbau eines kostengünstigeren ambulanten Pflegesystems gelegt werden. Für Adolf Bauer vom SoVD ist „an erster Stelle eine sozial gerecht finanzierte Pflegeversicherung erforderlich. Zudem brauchen wir ein wirksames Rentenkonzept gegen Altersarmut. Drittens können ambulante und wohnortnahe Versorgungsstrukturen helfen.“ Und zu der Frage, wie dem Mangel an bezahlbaren Pflegeheimen begegnet werden kann, empfiehlt er: „Dazu gehören neben der Stärkung der ambulanten Betreuung zum Beispiel auch Förderprogramme für Umbaumaßnahmen privater Wohnungen.“

Auf das Thema Pflege lenkte kürzlich auch die niedersächsische Ministerin für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit Aygül Özkan den Fokus. Während der Eröffnung eines Pflegedienstes in Hannover mahnte sie an, mehr Interesse für Pflegebedürftige aufzubringen. Sie rief die türkische Gemeinde dazu auf, seinen Senioren mehr Zuwendung zukommen zu lassen. Häufig wird besonders auf die Bedürfnisse muslimischer Pflegefälle nicht ausreichend eingegangen. Muslimische Alte oder Kranken benötigen mehr Pfleger, die einen gleichen kulturellen und religiösen Hintergrund haben und auch ihre Muttersprache, Türkisch, beherrschen. Nicht ohne Grund wies Özkan daher auch auf den Beruf des Altenpflegers hin, der auf jeden Fall Zukunft habe (mehr interkulturelle Wohngruppen und geschultes Pflegepersonal könnten Senioren mit muslimischem Hintergrund entlasten – mehr hier).

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