FES-Studie: DITIB mahnt zur breiten Aufklärung bezüglich Islamfeindlichkeit

Für die die Türkisch Islamische Union (DITIB) bergen die Ergebnisse der aktuell veröffentlichten Studie der Friedrich-Ebert Stiftung „Die Mitte im Umbruch. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2012“ großen Anlass zur Sorge. Zwar mögen die Entwicklungen nicht neu sein, doch diese müssten endlich die Solidarisierung der Politik, Medien, Gesellschaft und Kirchen mit den muslimischen Bürgerinnen und Bürgern hervorbringen. Das Gebot der Stunde: Breite gesellschaftliche Aufklärung.

Auf knapp eine Seite hat die Friedrich-Ebert-Stiftung in der vergangenen Woche die wesentlichsten Ergebnisse ihrer aktuellen Studie unter rund 2400 Staatsangehörigen zusammengefasst. Die eindringliche Botschaft der Verfasser Oliver Decker, Johannes Kiess und Elmar Brähler: Trotz großer Zustimmung zur Demokratie als Staatsform herrsche nach wie vor eine weite Verbreitung rechtsextremen Denkens. Zudem sei Ausländerfeindlichkeit die am weitesten verbreitete rechtsextreme Einstellung (Migrationsforscher Klaus J. Bade verwies im Gespräch mit den DTN auch auf die Gefahren im Internet – mehr hier).

Nun hat auch die Türkisch Islamische Union (DITIB) die Resulate der im Sommer 2012 gewonnenen Erkenntnisse kommentiert. In einer Erklärung weist sie darauf hin, dass die FES-Studie die bedenklichen Entwicklungen des letzten Jahres nachgezeichnet habe. Denn: Ähnlich hätten sich in den letzten Jahren bereits verschiedene muslimische Verbände und muslimische Einrichtungen, aber auch Migranten und Migrantenvertretungen geäußert. Sie stellten im Lebensalltag eine Zunahme von Ressentiments, Pauschalisierungen, An- und Übergriffen fest, die sich nun einmal mehr auch statistisch in Zahlen niederschlagen würden.

„Komplexe Einstellungen von Individuen oder gar ganzen Gesellschaften“, mahnt die DITIB an, „sind grundsätzlich nicht in exakten Zahlen zu messen, wohl aber gewisse Trends und Entwicklungen nachzuzeichnen.“ Interessant innerhalb der Studie sei daher der wissenschaftliche Ansatz, Unterschiede der Islamkritik und –feindschaft zu definieren und zu messen. Wie wichtig der gesellschaftliche Diskurs um die fließenden Grenzen sei, werde daran deutlich, dass nur 30 Prozent der Menschen mit islamkritischen Einstellungen keine Ressentiments gegenüber dem Islam hätten. Im Umkehrschluss hieße das, dass 70 Prozent der Kritik sich zusätzlich aus vorurteilsbehafteter, kulturalistischer und überheblicher (chauvinistisch) Annäherung speise. „Sozialpsychologische Erklärungsansätze innerhalb dieser Studie legen nahe, dass es dabei ebenfalls um Abstiegsängste, Ressourcenkämpfe und gleichberechtigte Partizipation verschiedener Gruppen geht. Dies bleibt weiter zu erforschen.“

Sorgen der Muslime sind nicht unbegründet

Schon jetzt würden die Zahlen allerdings anschaulich belegen, dass die Sorge der Muslime und Migranten in der Bundesrepublik um ihre öffentliche Wahrnehmung nicht unbegründet gewesen wäre. „Die tendenziell zunehmend rechten, antisemitischen und islamfeindlichen Argumentations- und Handlungsmuster“, so fasst der Dachverband zusammen, „sind über verschiedene gesellschaftliche Mechanismen und Akteure längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen, ohne dass dem wirksam Einhalt geboten wurde.“

„Zu verschiedenen Ereignissen haben die DITIB und Muslime in Deutschland die Politik davor gewarnt, vor islam- und muslimfeindlichen Tendenzen die Augen zu verschließen“, weist Bekir Alboğa, Sprecher des DITIB-Dachverband, noch einmal darauf hin, dass hier keinesfalls Überraschungen verkündet wurden. Das Ruder noch herumzureißen, dafür ist es seiner Ansicht nach offenbar noch nicht zu spät: Denn angesichts dieser Entwicklungen und vielen Leiderfahrungen der Muslime und Migranten, so Alboğa weiter, seien nun alle Akteure und Verantwortlichen der Politik, Parteien, Kirchen und Medien aufgefordert, sich Ihrer Verantwortung zu stellen und notwendige Schritte und Maßnahmen zu unternehmen, damit dies nicht zu einem Charakteristikum der Deutschen Gesellschaft werde.

Medien tragen durch pauschale Berichterstattung Mitschuld

Die jetzige Situation so gibt der Sprecher des DITIB-Dachverbands zu bedenken, ist allerdings hausgemacht: Eine pauschalisierende Berichterstattung über Islam und Muslime, defizitorientierte Diskussionen und problemzentrierte Politik hätten in den letzten Jahren verhindert, dass die Öffentlichkeit ein differenziertes Bild von muslimischen Mitbürgern und ihrer Religion gewinnen könne (der jüngste Integrationsbericht ist zudem eine schallende Ohrfeige für die Verfechter einer gescheiterten Integration – mehr hier).

„Diese beängstigenden Entwicklungen und Zahlen müssen endlich die Solidarität und Solidarisierung der Politik, Medien, Gesellschaft und Kirchen mit den muslimischen Bürgerinnen und Bürgern hervorbringen“, so sein Schluss-Appell. Eine breite gesellschaftliche Aufklärung sei notwendig, um die menschenfeindlichen Komponenten der Islamkritik gesellschaftlich zu entlarven und nicht als „Kollateralschäden der Meinungsfreiheit“ abzutun.

Hier der Link zur kompletten Studie.

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