Segregation an Grundschulen: Elterliche Schulwahl verschärft Trennung von Kindern nach Herkunft

Der Forschungsbereich des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) hat ein Kurzdossier (Policy Brief) zum Einfluss der elterlichen Schulwahl auf die Segregation an Grundschulen vorgelegt. Demnach verschärfe der von Eltern aktiv betriebene Schulwechsel die Trennung der Schüler mit und ohne Migrationshintergrund bereits an den Grundschulen. Die Folge: Ungleiche Lernchancen von Anfang an. Der SVR-Forschungsbereich empfiehlt nun gezielte Verbesserung von Lernmöglichkeiten an segregierten Schulen.

„In vielen Großstädten Deutschlands ist eine Trennung der Schülerschaft nach Merkmalen wie sozialer Schicht oder Migrationshintergrund bereits an Grundschulen festzustellen. Dies ist nur zum Teil durch die Bevölkerungsstruktur der Schuleinzugsbereiche zu erklären. Die Segregation wird vielmehr durch die elterliche Schulwahl verschärft“, wird an diesem Mittwoch in einer vom Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) vorgelegten Erklärung zum 24-seitigen Policy Brief des SVR-Forschungsbereichs gewarnt.

Demnach, so heißt es weiter, hätten 21,3 Prozent der Grundschulen einen Zuwandereranteil, der mehr als doppelt so hoch sei wie der Anteil unter den sechs- bis Zwölfjährigen im dazugehörigen Schulbezirk. „Das zeigt, dass Segregation durch die elterliche Schulwahl verschärft wird“, so Dr. Gunilla Fincke, Direktorin des Forschungsbereichs beim Sachverständigenrat und gemeinsam mit Simon Lange Autorin des Policy Brief. „Gerade Eltern der Mittelschicht wollen das Beste für ihr Kind, verschlechtern dadurch aber ungewollt die Bedingungen für die verbleibenden Kinder vor allem mit Migrationshintergrund.“ (Bildung ist auch für türkischstämmige Unternehmer hierzulande ein Erfolgsgarant – mehr hier)

Eltern sollten sich vor Pauschalanteilen hüten

Doch wie kommt ein solch verzerrtes Bild zustande? Da die tatsächliche Qualität einer Schule häufig nicht in Erfahrung gebracht werden könnte, würden viele Eltern stattdessen den Zuwandereranteil als Indiz für das Lernumfeld und das Leistungsniveau hernehmen, erläutert Fincke weiter. „Dies“, heißt es in der Mitteilung des SVR,  „bestätigt auch die Auswertung von mehr als 900.000 Zugriffen auf Online-Schulportraits in Berlin und Sachsen, wonach der Zuwandereranteil die am häufigsten nachgefragte Information ist.“ Schulen mit hohem Zuwandereranteil würden oft gemieden, da die meisten Eltern diese mit mangelhaften Lernmöglichkeiten und einem problembelasteten Umfeld assoziierten. Darüber hinaus seine nationale und internationale Schulleistungstests, die das schlechte Abschneiden von Kindern mit Migrationshintergrund nachweisen, diesem Meinungsbild zuträglich.

Dabei ist die Realität, so der SVR, eine ganz andere: Zahlreiche Studien würden übereinstimmend belegen, dass die elterliche Zurückhaltung gegenüber segregierten Schulen nicht immer begründet sei: „Gemeinsames Lernen leistungsschwacher und leistungsstarker Schüler ist für letztere kein Nachteil.“ Das Appell von Dr. Fincke ist entsprechend: Eltern sollten sich vor Pauschalanteilen hüten. Entscheidend seien die konkreten Lernbedingungen an einer Schule.

Schlechtere Startchancen für Kinder mit Migrationshintergrund

„In Großstädten sorgen rund zehn Prozent der Eltern mit Erfolg dafür, dass ihre Kinder auf die bevorzugte Grundschule wechseln können“, stellt der SVR-Forschungsbereich fest. Mit schwerwiegenden Folgen:  „Die Segregation führt vom ersten Schultag an zu schlechteren Startchancen für Kinder mit Migrationshintergrund, die bereits in vielen Fällen auf Grund ihrer sozialen Herkunft benachteiligt sind“, so Fincke. „Es ist viel schwieriger, Deutsch zu lernen, wenn Kinder nichtdeutscher Herkunftssprachen weitgehend unter sich bleiben.“ Da die meisten Familien bei der Wahl der Sekundarschule der Übergangsempfehlung der Grundschule folgen, kommt den Grundschulen in Deutschland eine im internationalen Vergleich besonders richtungsweisende Bedeutung zu. „Segregierte Grundschulen beeinträchtigen daher die Bildungsmobilität junger Menschen mit Migrationshintergrund in hohem Maße“, warnt die Direktorin.

Eine erzwungene Mischung der Schülerschaft ist aber auch für sie nicht der Weisheit letzter Schluss. Eine weitaus bessere Lösung sei die gezielte Verbesserung von Lernmöglichkeiten an segregierten Schulen (einen wesentlichen Beitrag leistet hier bereits das Projekt HIPPY – mehr hier).

Der SVR-Forschungsbereich empfiehlt hier, neben strukturellen Veränderungen, drei wesentliche Maßnahmen, die von den Schulen selbst in die Wege geleitet werden können:

„(1) Kooperative Elternarbeit, um Eltern zur aktiven Unterstützung der Schullaufbahn ihrer Kinder zu befähigen;
(2) Vernetzung zwischen Schulen sowie mit externen Partnern wie Vereinen und Kultureinrichtungen, um die Schule auch für bildungsnahe Eltern attraktiver zu machen; (3) koordinierte und zielgerichtete Lehrerfortbildung für das gesamte Kollegium, z.B. bei der durchgängigen Sprachbildung oder der individuellen Förderung.“

Das Kurzdossier beruht auf deutschlandweiten Studien sowie einer eigenen Analyse von Berliner Schul- und Einwohnerdaten für 108 Grundschulen von vier Berliner Innenstadtbezirken.

Der Policy Brief kann hier heruntergeladen werden: 

http://www.svr-migration.de/content/wp-content/uploads/2012/11/Segregation_an_Grundschulen_SVR-FB_WEB.pdf

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