Massaker von Sivas: Präsident Gül ordnet Untersuchung an

Der türkische Präsident Abdullah Gül ordnete an diesem Freitag eine Untersuchung des Massakers von Sivas durch die Präsidialamts-Untersuchungskommission DDK an. Bei dem Hotelbrand im Jahre 1993 kamen 37 Menschen ums Leben. Bis heute gibt es Ungereimtheiten.

Am 2. Juli 1993 starben insgesamt 37 Menschen im Madımak Hotel in Sivas, wo 33 von ihnen an einer Konferenz über den alevitischen Dichter Pir Sultan Abdal teilgenommen hatten. Das Gebäude wurde damals von einem wütenden Mob in Brand gesetzt, der gegen die Anwesenheit des Schriftstellers und selbsternannten Atheisten Aziz Nesin protestierte. In einer Erklärung des Präsidentenbüros wird nun mitgeteilt, dass Abdullah Gül die DDK beauftragt habe, die Ereignisse von damals in ihrer Gesamtheit – also mit Hinblick auf den Vorfall, die Ziele, Ergebnisse und Auswirkungen, aber auch im Hinblick auf ihre Verbindung zu einigen anderen Vorfällen – zu untersuchen. „Wie allgemein bekannt ist, sind die Ergebnisse des Sivas Vorfalls, der sich am 1. und 2. Juli [1993] ereignete, und seine Auswirkungen auf alle, die von der Tat betroffen waren, noch immer immens“, zitiert die türkische Zeitung Zaman die entsprechende Erklärung.

Unter den 51 Menschen, die dem Feuer damals entkommen konnten, war auch Autor Aziz Nesin. Unter den Getöteten waren jedoch der Schriftsteller Asim Bezirci, der Dichter und Sänger Nesimi Çimen, der Dichter Metin Altiok und der Folk-Sänger Hasret Gültekin. Seit den Ereignissen von damals wurden dutzende vor Gericht gestellt. Doch auf Grund von Verjährung wurden die Anklagen wieder fallen gelassen. Eine Entscheidung, die landesweit für Empörung sorgte (auch in Deutschland gab es Reaktionen – mehr hier).

Delegation wendet sich direkt an Präsident Abdullah Gül

Güls jetziger Schritt, so schreibt das Blatt weiter, stehe in direktem Zusammenhang mit einem Besuch einer Gruppe von 18 Vertretern alevitischer und sunnitischer Verbände im Çankaya Präsidentenpalast in Ankara zu Beginn dieser Woche. Die Delegation habe den Präsidenten dabei um eine präsidiale Untersuchung der Todesfälle gebeten. Gegenüber der Presse erklärten die Besucher nach ihrer Zusammenkunft, dass sie Gül dazu aufgefordert hätten, die DDK einzuschalten. „Die Vorfälle im Madımak Hotel ziehen noch immer tiefe Unklarheiten und Zweifel für alle Beteiligten nach sich“, so ihre Erklärung. Im Übrigen seien sie nicht die ersten gewesen, die eine neue Untersuchung einforderten. Vor ihnen hätten sich bereits 114 Nichtregierungsorganisationen mit dieser Bitte an Gül gewandt (an Deutschland erging die Forderung, die Brandstifter auszuliefern – mehr hier).

In der Tat, so heißt es, in dem entsprechenden Beitrag, gebe es Hinweise darauf, dass das Madimak Massaker von illegalen Gruppen innerhalb des Staates instrumentiert worden sei. Viele würden behaupten, dass das kriminelle Netzwerk Ergenekon hinter den Vorfällen stecke. In einer der Anklagen gegen Ergenekon habe die Staatsanwaltschaft die kriminelle Gruppe sogar beschuldigt, das Massaker in Sivas organisiert zu haben. Laut Anklageschrift sollte das soziale Chaos, das sich nach dem Massaker ergeben würde, dem Militär behilflich sein, die Regierung zu stürzen.

DDK-Untersuchung: Große Zustimmung aus Sivas

Die jetzige Entscheidung des Präsidenten die DDK einzuschalten sei entsprechend auf große Zustimmung gestoßen. So habe der Bürgermeister von Sivas, Doğan Ürgüp, der Presse erklärt, dass ihn das Ganze zwar überrascht, aber zugleich erfreut hätte. Er hofft, dass die DDK-Untersuchung Aufschluss über bisher unbekannte Aspekte des Madimak Massakers liefern kann. Die Arbeit der Kommission sei hinreichend bekannt. Sie könne die Wahrheit ans Licht bringen. Auch unter vielen alevitischen Verbänden, so Ürgüp weiter, habe Güls Vorstoß für Begeisterung gesorgt. Nachdem diese davon erfahren hätten, habe er viele Telefonanrufe erhalten.

Die DDK war in der Vergangenheit bereits mit mehreren Untersuchungen betraut. Darunter etwa der Tod des ehemaligen Präsidenten Turgut Özal (sein Leichnam wurde exhumiert – mehr hier) und die Kontroverse um einen Hubschrauberabsturz, der im Jahr 2009 den einstigen Vorsitzenden der BDP, Muhsin Yazıcıoğlu,  sowie fünf weitere Passagiere getötet hatte. Auch im Fall des 2007 ermordeten türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink war die Kommission involviert.

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