6-Jähriger ist HIV positiv: Schule in Şanlıurfa verweigert die Aufnahme

Kurz nach dem internationalen Welt-Aids-Tag wird in der Türkei ein schockierender Fall von Diskriminierung bekannt. Eine Schule in Şanlıurfa soll sich geweigert haben, einen sechsjährigen Schüler aufzunehmen. Der Grund: Der Kleine ist HIV positiv. Die jetzige Ablehnung ist jedoch nur das Ende der Fahnenstange. Die Familie wird seit der Diagnose von den Bewohnern ihres Dorfes ausgegrenzt.

Der kleine Y.Ç., so berichtet derzeit die türkische Zeitung Zaman, habe sich vor vier Jahren im Krankenhaus von Şanlıurfa mit dem HIV-Virus angesteckt. Dort war er wegen schwerer Verbrennungen behandelt worden, nachdem sich bei einem Unfall im Haus kochendes Teewasser über ihn ergossen hatte. Im Zuge der Therapie hatte der Junge kontaminiertes Blut erhalten. Eine Transfusion, die sein Leben für immer veränderte (im Frühjahr sorgte ein ähnlicher Fall in der Türkei für Aufsehen – mehr hier).

Seinem Vater, Mehmet Ç. (43), sei in der Folge auf Geheiß von Gesundheitsminister Recep Akdağ ein Job in einem lokalen Gesundheitszentrum angeboten worden. Darüber hinaus, so die Ansicht der Familie, hätten die Beamten jedoch fahrlässig gehandelt und seien wenig hilfreich gewesen. Niemand sei wegen der verunreinigten Bluttransfusion zur Rechenschaft gezogen worden. Nur eine Krankenschwester habe man suspendiert.

Grundschule verlangt medizinisches Gutachten

Nun sei dem Buben, so berichtet der Vater weiter, von den Lehrern der Ulucanlar Grundschule erklärt worden, dass er durchaus zur Schule gehen könne. Doch die Verwaltung stellte sich quer. Sie gaben an, nicht zu wissen, wie sie mit der Sache umgehen sollten, falls mit Y.Ç. in der Einrichtung doch etwas passiere. Wer würde verantwortlich sein, so die Sorge der Schule, falls der Sechsjährige jemanden anstecke?

„Sie verlangten von mir ein medizinisches Gutachten von einem Krankenhaus vorzulegen. Ich arbeite daran ein solches zu kriegen. Bisher hat das aber noch nicht geklappt. Die Schullaufbahn meines Sohnes endete, bevor sie überhaupt begonnen hat“, so der Vater. Um den Anschluss nicht zu verpassen, geht die Familie jetzt andere Wege. Lesen und Schreiben wird Y.Ç. im Augenblick von seinen Brüdern beigebracht. Alle drei Monate muss er darüber hinaus mit seiner Familie nach Ankara zur Behandlung. Die Ausgaben dafür, so berichtet das Blatt weiter, übernehme der Staat. In Ulucanlar, wo man zuvor lebte, konnten sie allerdings nicht bleiben. Die HIV-Erkrankung des Sohnes wurde dort alles andere als positiv aufgenommen. Es blieb nur der Umzug.

Gut 50.000 HIV positive Menschen in der Türkei vermutet

Wie das in Istanbul ansäßige gemeinnützige Projekt “Positive-Life-Association” (PYD) der Zaman erläutert, seien HIV-Patienten in der Türkei nach wie vor einer immensen Stigmatisierung ausgesetzt. Auch der Fall des kleinen Y.Ç. sei ihnen bekannt. „Das ist ein Hohn. Es ist ja nicht so, dass der Sechsjährige ungeschützten Geschlechtsverkehr mit einer Klassenkameradin haben würde. Wie soll er das Virus also in der Schule weitergeben?“, so ein Mitarbeiter des Projekts zur Zeitung. Doch genau diese Art von Diskriminierung sei in der Türkei weit verbreitet. Und das in einem Land, wo es zwar offiziellen Zahlen zufolge nur etwa 5200 HIV positive Menschen gibt, die Dunkelziffer aber wahrscheinlich zehn Mal so hoch liege, da sich viele ihrer Erkrankung gar nicht bewusst wären und entsprechend auch keine Behandlung bekämen. Die Chancen, dass genau sie das Virus weitergeben, seien äußerst hoch.

Antiretrovirale Therapien (ARV) für Menschen mit HIV werden von der staatlichen Versicherung in der Türkei abgedeckt (Allein im Jahr 2011 haben 144 HIV-positive Mütter in der Türkei gesunde Babys zur Welt gebracht – mehr hier).

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