„Die globale Vernetzung braucht den offenen Weltbürger“

Die Internationalisierung unserer Welt bedarf einer zukünftigen Generation, die andere Kulturen respektiert, anerkennt und versteht, sagt die Bildungsexpertin Rebecca Stromeyer. Bildung kann dabei Wissen vermitteln und Demokratisierungsprozesse fördern. Doch die Globalisierung birgt auch Risiken.

Deutsch Türkische Nachrichten: Seit vielen Jahren veranstalten Sie nun schon die Online-Educa – wie hat sich das Verhältnis der Schulen zum E-Learning entwickelt?

Rebecca Stromeyer: Als wir 1995 mit der ONLINE EDUCA BERLIN anfingen, gab es das Wort „E-Learning“ noch gar nicht. Die Hochschulen und die Zuständigen für die Weiterbildung in Betrieben hatten – je nach Fortschrittlichkeit und finanzieller Lage – in den 70er und 80er Jahren damit begonnen, Computer-basiertes Lernen (CBL) einzuführen, um dann Ende der 90er Jahre Learning Management Systeme (LMS) zu verwenden. Fernuniversitäten brachten letztendlich den Durchbruch für das „Online-Lernen“.

Dank der Entwicklungen der letzten Jahre sind Technologien und vor allem die Nutzung des Internets im Alltag zum Standard geworden. Im Vergleich zu den Universitäten und der betrieblichen Weiterbildung hinken die Schulen allerdings hinterher. Die schulische Ausbildung von Medienkompetenz und die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der digitalen Technologien und deren Nutzen für die Lehre waren bislang nachrangig.

Erst langsam sehen Schulen, Eltern und Lehrer das Potential im E-Learning-Bereich sowie die Notwendigkeit, den Umgang mit Medien auch im Unterricht zu behandeln und sich gemeinsam mit den Schülern dazu zusammen und auseinander zu setzen. Um diese Entwicklungen zu fördern, haben wir das School Forum ins Leben gerufen – eine Vorkonferenz zur Online Educa Berlin, deren Teilnahme für Lehrer und Schulleiter kostenlos ist.

Deutsch Türkische Nachrichten: Altgediente Pädagogen sagen, dass Schule und Internet nicht zusammenpassen. Kann man die überzeugen?

Rebecca Stromeyer: Das gehört mittlerweile genauso zu unserem Alltag wie Waschmaschinen, Autos und TV. Für manche Angehörigen der Generation X und älter mag es noch eine Neuerung sein, aber für die Generationen Y&Z, die sogenannten „digital natives“, die von klein auf mit E-Mail, Online-Computerspielen, Mobiltelefonen etc. aufgewachsen sind, ist das Internet schon immer ein integraler Bestandteil ihres Lebens gewesen.

Deshalb sollten wir die Vorteile und Chancen für das Lernen nutzen und sie in den Schulalltag integrieren. Eine natürliche Folge der Smartphone-Verbreitung ist das informelle Lernen. Anstatt Nachschlagwerke in Buchform zu konsultieren, können Schüler ihr Wissen sofort durch Apps, Google und Wikipedia erweitern. Eine Entwicklung, die viele Lehrer noch etwas argwöhnisch betrachten, aber dies wird sich nicht aufhalten lassen.

Die Rolle der Schulen und Lehrer wird durch E-Learning nicht in Frage gestellt, denn die Fülle des Internets ist auch eine große Herausforderung an die Schüler – wie sollen sie entscheiden, welche Informationen relevant und richtig sind und welche nicht? Die Schüler hierbei zu unterstützen ist die Aufgabe der Eltern und Lehrer. Aber das Internet birgt auch Gefahren in sich, die Eltern und Lehrer sich noch deutlicher bewusst machen müssen wie Cybermobbing, rechtliche Hinweise in sozialen Netzwerken oder auch das Urheberrecht. Jedes technologische Gerät lässt sich kindersicher gestalten, dafür müssen die Erwachsenen es nur in die Hand nehmen und aktiv werden. Studien haben auch gezeigt, dass mit der Vielfalt an digitalen Geräten, die zur Verfügung stehen und permanent online sind, die Konzentrationsfähigkeit der Schüler stark abnimmt.

Je größer der Zugang zu Informationen ist, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass der Fokus auf die eigentliche Aufgabe verschwimmt. Wie wir einen „gesunden“ Umgang mit dem Internet lernen und lehren können und den richtigen Weg dazu finden, wird uns noch viel Forschung und Arbeit kosten. Aber den Weg zurück ins Vor-digitale-Zeitalter wird es nicht geben.

Deutsch Türkische Nachrichten: Junge Lehrer klagen: Die technische Ausstattung in den Schulen ist so schlecht, dass man E-Learning kaum verwenden kann. Wie kann dieses Problem gelöst werden?

Rebecca Stromeyer: Das ist richtig. Die technische Ausstattung in Schulen ist oft auf einem veralteten Stand. Die technische Ausstattung in den meisten Haushalten ist hingegen häufig sehr gut. Dies lässt sich auch in den Schulen nutzen, beispielsweise durch Flipped Learning – anstelle von Frontalunterricht können die Schüler Zuhause ausgewählte Vorträge schauen und die Hausaufgaben dazu in der Schule unter Aufsicht des Lehrers anfertigen und sich gegenseitig unterstützen. Gute Beispiele für die Anwendung von E-Learning und Flipped Learning sind die Khan Academy und Sugata Mitra Bildungsprojekte. Mitra’s Bildungsansatz beruht auf der Annahme, dass Kinder neugierig sind, kollaborativ arbeiten und sich so gegenseitig helfen. Bei seiner minimal invasiven Ausbildung („minimalistic invasive education“), sind die Lehrer vor allem dazu da, die richtige Umgebung zu schaffen, in der die Schüler eigenständig lernen können. Wenn die Kinder zuhause die technischen Möglichkeiten haben, um sich Wissen anzueignen und den Unterrichtsstoff multimedial aufzunehmen. können sie sich in der Schule gegenseitig ihre Ergebnisse präsentieren und dazu Übungen machen, um die Kenntnisse zu festigen. Der ehemals Frontalunterricht wird so umgekehrt. Die Aufgabe des Lehrers bleibt nach wie vor, die natürliche Neugier der Kinder in die richtige Richtung zu lenken.

Deutsch Türkische Nachrichten: Welche Unterschiede gibt es bei den Kontinenten?

Rebecca Stromeyer: Hier gibt es riesige Unterschiede: Die Kontinente oder Länder, denen es besser geht, bieten Zugang zu schnellem, stabilem Internet und oft besitzen die Menschen Heim-PCs, Tablets und Smartphones. Damit ist der Zugang zu Wissen gesichert und die privilegierte Bevölkerung kann sich zu einer „knowledge society“, einer Wissensgesellschaft entwickeln. Finnland hat Breitbandinternet als Grundrecht in seine Verfassung aufgenommen, Kalifornien diskutiert die Abschaffung der Schulbücher zugunsten der Anschaffung von Tablets. Ein Kopenhagener Gymnasium hat seinen Unterricht bereits komplett digitalisiert und arbeitet ausschließlich mit Laptops. In weniger reichen Ländern oder Kontinenten wie Afrika kann Bildung oft nur unzureichend vermittelt werden, häufig fehlen nicht nur Lehrer und herkömmliche Schulmaterialien sondern auch ganz grundlegenden Einrichtungen wie Toiletten und Schulmobiliar. Dazu kommt, dass die Möglichkeiten, sich selbst zu schulen, durch begrenzte Finanzierung oder Elektrizität noch weiter limitiert sind. Doch das ist ein anderes Thema.

Durch eine kluge Regierung können jedenfalls auch diese Länder an der digitalen Revolution teilnehmen, denn oftmals ist die Entscheidung für Bildung eher eine Frage der Ressourcenverteilung (leider wird noch viel zu oft zugunsten der Verteidigung anstelle von Gesundheit und Bildung entschieden), als eine Frage des absoluten Budgets. Ein Beispiel ist Uruguay, das allen Schulkindern Laptops auf Staatskosten zur Verfügung stellt, die meisten mit Internetzugang, die auch zuhause genutzt werden dürfen. Zu allen Zeiten war eine exzellente Bildung ein kostbares und kostspieliges Gut – das Internet brauchen wir dafür nicht, nur passionierte Lehrer. Aber dort, wo es zu wenig Lehrer und Lehrmittel gibt, kann E-Learning eine Unterstützung sein. Schlussendlich dürfen wir auch nicht vergessen, dass die Jobs der Zukunft im ICT-Bereich liegen. Der Umgang mit digitalen Technologien ist in vielen Teilen der Welt fast schon eine Grundvoraussetzung, um weiter zu kommen.

Deutsch Türkische Nachrichten: Welche Länder sind führend beim unverkrampften Umgang mit Technologie – und warum?

Rebecca Stromeyer: Wie man an den eben genannten Beispielen schon sehen kann, liegt Skandinavien vorne. Der Globale Kreativitäts-Index (GCI) führt Finnland im Bereich Technologie an erster Stelle, basierend auf den Innovationen, Investitionen und Forschungen des Landes. Dies kann damit zusammenhängen, dass Finnland mit Nokia schon lange stark im Bereich Kommunikationstechnologie war. Aber auch die Nachbarländer, Schweden, Dänemark und Norwegen sind technologisch kreativ und produktiv. Warum? Skandinavien hat eine lange Tradition in Forschung und Innovation, dazu kommt ein funktionierendes Sozialsystem, das eine gute Schulbildung für alle ermöglicht. Skandinavien hat die Möglichkeiten, die Technologie bieten kann, offensichtlich früh erkannt und gefördert.

Deutsch Türkische Nachrichten: Man hat den Eindruck, dass in den jungen Gesellschaften eine höhere Bereitschaft besteht, für Bildung auch einmal selbst zu bezahlen, während in Europa die Haltung herrscht: Dafür gibt es den Staat. Stimmt dieser Eindruck?

Rebecca Stromeyer: Ja, weil wir die meisten von uns in Europa es gewohnt waren, dass der Staat für die Bildung zuständig ist. Durch die sozialen und demografischen Veränderungen in den letzten zwanzig Jahren stehen Unternehmen und Arbeitnehmer vor einer neuen Herausforderung. Der Anspruch an zukünftige Arbeitnehmer wird immer höher, es gibt mehr Bewerber um eine immer begrenztere Anzahl an Studienplätzen. „Normale“ Lebensläufe, in denen ein Unternehmen unverändert in der Familie weitergeführt wird und seine Angestellten auf Lebenszeit beschäftigt, gibt es nicht mehr.

Die Bereitschaft der Eltern für die Ausbildung ihrer Kinder zu zahlen, um deren Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten, wird deshalb immer höher. In Asien ist dies schon lange gang und gebe, dort sind die Kinder und nicht der Staat die Altersvorsorge. Damit sich jeder Bildung leisten kann und im Anschluss auch Arbeit findet, müssen Veränderungen stattfinden – die hohe Jugendarbeitslosigkeit in den südlichen Ländern Europas liegt zumindest nicht an der schlechten Ausbildung.

Deutsch Türkische Nachrichten: Welche Rolle spielt die globale Kollaboration, etwa zwischen Schulen? Gibt es die wirklich, oder ist es eher ein frommer Wunsch?

Rebecca Stromeyer: Eine globale Kollaboration zwischen Schulen gibt es dank des Systems der Partnerschulen schon lange. Früher haben die Schulen sich gegenseitig besucht und es wurden Briefe hin und her geschickt, heute können Schüler und Lehrer gemeinsame Projekte online erarbeiten und Videokonferenzen mit der Partnerschule per Skype halten. Wichtig ist auch, dass die Lehrer sich vernetzen und einen anderen Anspruch an die Lehre schaffen, um ein globales Verständnis in ihren Schülern zu wecken.

Deutsch Türkische Nachrichten: Die Globalisierung ist in allen Lebensbereichen zu beobachten. Werden wir irgendwann auch den globalen Schüler sehen?

Rebecca Stromeyer: Unsere Kinder sind bereits global interessiert, allein durch die extreme Verbreitung von internationalen Medieninhalten durch Musik, TV und Film. Natürlich spielen auch globale Schul-Kollaborationen sowie soziale Netzwerke wie Facebook eine Rolle, denn sie ermöglichen die Verbindung zu Freunden, Familie und auch Fremden auf der ganzen Welt zu halten und weltweite Trends direkt mitzuerleben.

Im Übrigen reisen wir alle viel mehr als noch vor zwanzig oder dreißig Jahren und besonders in einer multikulturellen Stadt wie Berlin ist das Interesse der Schüler am Rest der Welt größer und die Berührungsängste sind geringer als es bei älteren Generationen der Fall ist, Das ist allein schon deshalb der Fall, weil Berlin mit jedem Jahr internationaler wird und von jeher ein Anziehungspunkt für die verschiedensten Menschen und Kulturen war.

Deutsch Türkische Nachrichten: Ist das ein Schreckbild (im Sinn der Gleichmacherei) oder ein Wunsch (im Sinne des Abbaus von Vorurteilen)?

Rebecca Stromeyer: In Bezug auf unsere Kinder ist das für mich ganz klar ein Wunsch. Wir brauchen offene Weltbürger, die auch andere Kulturen anerkennen und verstehen. Aber Globalisierung bringt auch echte Probleme mit sich, das lässt sich am Beispiel EU immer wieder sehen: Wir freuen uns, dass wir ungehindert reisen und arbeiten dürfen, billiges Gemüse zu jeder Jahreszeit bekommen, aber wenn ein Land, wie gerade Griechenland in der finanziellen Krise steckt, wollen wir lieber auf Abstand gehen und die Konsequenzen nicht mit tragen. Wie stark wir mittlerweile vernetzt sind, zeigt übrigens auch der Film „Connected“, der in diesem Jahr auf der ONLINE EDUCA BERLIN exklusiv gezeigt wird.

Deutsch Türkische Nachrichten: Kann Bildung Kriege verhindern?

Rebecca Stromeyer: Sicher nicht vollständig, aber Kriege werden nicht von den Bürgern begonnen sondern von Regierungen, deren politische Beweggründe oft mit Ressourcenverteilung oder dem Wunsch nach Macht zusammenhängen. Aber Bildung kann helfen, denn sie fördert vor allem auch Demokratie und das Verständnis für andere Menschen und Kulturen. Bildung soll nicht nur Wissensvermittlung sein sondern uns dazu bewegen, Regierungen und Entscheidungen zu hinterfragen, uns selbst zu informieren und nicht bestimmte Sachverhalte einfach anzunehmen. Das Internet hat einerseits diese demokratisierende Wirkung, denn es stellt alle Informationen (solange sie nicht zensiert sind) nebeneinander.

Andererseits zeigt Andrew Keen, Redner auf der ONLINE EDUCA BERLIN 2007, genau dies als Schwachpunkt des Internets auf. Amateurinhalte trivialisieren die Kultur und die meisten Internetnutzer haben nicht das nötige Misstrauen demgegenüber. Bildung muss dazu führen, dass wir die Informationsflut zu filtern lernen. Die Fähigkeit zum kritisches Denken und Entscheiden kann unseren Kindern nur durch ihre Eltern und Lehrer beigebracht werden.

Rebecca Stromeyer ist Managing Director der ICWE GmbH in Berlin. Sie ist Initiatorin der Online-Educa, der weltweit größten internationalen Konferenz zum Thema eLearning.

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