Informationsflut im Internet: „Lehrer müssen Schülern richtigen Umgang lehren“

Technik wird Lehrer nie ersetzen können, meint die australische Bildungsexpertin Carol Skyring. Lediglich als Unterrichtsergänzung kann diese dienen. Eine der wichtigsten Aufgaben des Lehrers des 21. Jahrhunderst ist, den Schülern beizubringen, wie sie mit den neuen Möglichkeiten sinnvoll umgehen und vor allem auf welche Weise sie die Informationsflut des Internets meistern können.

Deutsche Bildungs Nachrichten: Viele Lehrer greifen heutzutage auf digitale Informationen für ihren Unterricht zu. Werden Lehrer damit nur noch zu “Inhalte Verwaltern” (content curators)?

Carol Skyring: Ich bin der Meinung, dass einige Lehrer mehr auf digitale Informationen und Inhalte zurückgreifen und andere weniger. Ich glaube auch, dass Lehrer keine “Inhalte Verwalter” sind und hoffentlich auch niemals sein werden. Inhalte und Materialien sind überall und zu jeder Zeit im Internet verfügbar und abrufbar und die Rolle der Lehrer ist nicht jene, Schüler mit Inhalten zu füttern, sondern diese Inhalte mit praxisbezogenen Beispielen und ihren Erfahrungen darzulegen, in anderen Worten – die Inhalte zum Leben zu erwecken.

Ich glaube, der neueste Trend ist, dass Lehrer ihre Schüler dazu auffordern, Informationen zu Hause zu recherchieren und die Lehrer diese Inhalte im Unterricht dann aufarbeiten und mit ihrem Wissen bereichern. Das ist eine Herausforderung für die  Schüler, die heutzutage so schnell und einfachen Zugang zu einer Fülle an Informationen haben.

In diesem Zusammenhang liegt es an den Lehrern, den Schülern zu vermitteln und ihnen beizubringen, wie sie aus dieser Fülle die passenden Informationen effektiv herausfiltern und sicher sein können, dass es sich hierbei um verlässliche Informationen handelt. Lehrer und auch Schüler werden – beziehungsweise müssen – zu digitalen Informationsverwaltern werden.

Es gibt mittlerweile eine Menge an digitalen Informationsverwaltungs-Werkzeugen, die es ermöglichen, Inhalte zu markieren, zu verwalten und dann mit anderen zu teilen. Lehrer und Schüler greifen auf solche Werkzeuge zurück, um ihre Informationen zu verwalten und auf Informationen, die von anderen zur Verfügung gestellt werden, zuzugreifen und sich somit auch viel Zeit mit mühseliger Suche zu ersparen.

Deutsche Bildungs Nachrichten: Was sind die größten Herausforderungen, mit denen Lehrer heutzutage zu kämpfen haben?

Das größte Problem von Lehrer war es schon immer, herauszufinden wie sie Schüler motivieren können und dazu zu bringen, sich zu engagieren und zu lernen. Das ist noch immer eine Herausforderung, jedoch eine etwas andere. Die Aufnahme- und Konzentrationsfähigkeit hat aufgrund der Reizüberflutung der Schüler heutzutage nachgelassen. Schüler leben in einer Welt voller Bilder, Geräusche und Bewegung sowie einer rund um die Uhr Erreichbarkeit durch Mobilgeräte. Es ist daher eine Herausforderung, Lernerlebnisse zu schaffen, die die Verwendung von mobilen Geräten sowie Level des Engagements außerhalb schulischer Aktivitäten berücksichtigen.

Technologie, im allgemeinen, kann für Lehrer auf unterschiedlichsten Levels eine Herausforderung darstellen. Erstens: Sie müssen mit den neuesten Trends mithalten und festlegen wie diese im Unterricht eingesetzt werden können. Zweitens: Sie müssen Lernaktivitäten in neuen Umfeldern erarbeiten, zum Beispiel, virtuelle Welten und „augmented reality“, beide werden zunehmend wichtiger im Unterricht. Drittens: Sie bewegt die Frage wie viel Freiheiten Schülern gegeben werden sollte und könnte, eigene Geräte im Unterricht zu verwenden.

Ich bin der Meinung, dass der Ansatz „bring’ dein eigenes Gerät mit“ der richtige und unumgängliche Weg in Schulen ist, da es keinen Sinn macht Telefone und andere mobile Geräte aus der Schule zu verbannen. Diese Geräte ermöglichen den Schülern Zugang zu wertvollen Informationen, daher sollte dieser Ansatz angenommen und im Unterricht eingesetzt werden.

Das berufliche Lernen ist heute eine Herausforderung jedoch zugleich eine Chance für Lehrer, da viele unterschiedliche Möglichkeiten herangezogen werden können. In vielen Schulen und Ländern wurde das Budget für berufliche Weiterbildung gekürzt und daher haben Lehrer keinen Zugang zu den traditionellen Workshops mehr, die sie in der Vergangenheit besucht haben. Aus diesem Grund greifen Lehrer auf Technologie zurück, um sich ihr eigenes berufliches Lern-Netzwerk (professional learning networks PLNs) aufzubauen. Mit Hilfe von sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter, können sich Lehrer mit Experten aus der ganzen Welt vernetzten und somit ihr Wissen bereichern und ein eigenes Lernumfeld schaffen.

Deutsche Bildungs Nachrichten: Was halten Sie von Bildungsplattformen und Netzwerken wie eTwinning, ePals, iEarn, TES,…?

Ich begrüße jede Plattform, die es Lehrern und Schülern ermöglicht in einem sicheren Netzwerk miteinander zu kommunizieren und sich auszutauschen. Es liegt jedoch am jeweiligen Lehrer, was er aus der Plattform machen und herausholen kann und inwieweit sich Lern- und Austauschmöglichkeiten ergeben.

Klassenräume sind heutzutage nicht innerhalb ihrer vier Wände begrenzt, sondern Lehrer und Schüler brauchen alle denkbaren Möglichkeiten, sich mit anderen Klassen zu vernetzen. Große Lerneffekte entstehen, wenn Schüler aus unterschiedlichen Ländern Gemeinsamkeiten und Unterschiede vergleichen können – natürlich mit dem Fokus auf Gemeinsamkeiten. Schüler haben dabei die Möglichkeit, mehr über Geographie, Kultur, Umwelt und vieles mehr voneinander zu erfahren, viel mehr als wenn sie nur Bücher oder Videos sehen würden.

Deutsche Bildungs Nachrichten: Wie würden Sie den typischen Lehrer und Schüler des 21. Jahrhunderts beschreiben?

Ich glaube nicht, dass es einen typischen Lehrer des 21. Jahrhunderts gibt. Wir hätten wohl gerne, dass alle Lehrer und Schüler das Web 2.0 begreifen, sich immer fort vernetzen und austauschen – nur ist das bestimmt nicht immer der Fall. Ich kenne Schüler, die in derselben Stadt leben und die eine Hälfte von ihnen lebt umgeben von der digitalen Welt, die andere ist gar nicht vernetzt. Und das gleiche kann man bei Lehrern erkennen. Zudem besteht ein großer Länderunterschied – in meiner Heimat Australien bestehen beispielsweise große Unterschiede zwischen den städtischen und den ländlichen Schulen aufgrund mangelnder Internetverbindungen. Das Einzige was immer gleich bleibt und Lehrer und Schüler ausmacht, ist dass Lehrer mit Leidenschaft unterrichten und versuchen, ihren Schülern so viel und so gut wie möglich Informationen zu vermitteln.

Carol Skyring ist Bildungsexpertin und beschäftigt sich seit 1986 mit dem Einsatz von Technologie im Unterricht- und allgemeinen Bildungssektor. Mehr Infos zu Skyring unter www.carolskyring.com

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