EU-Beitritt: Die türkischen Bürger sagen leise „güle güle!“

Die Türkei ist hin- und hergerissen: Nach wie vor ist weiten Teilen der politischen Führung ein EU-Beitritt enorm wichtig. Der in den Augen vieler viel zu lange Beitrittsprozess hat jedoch nicht nur sie, sondern vor allem die Bürger zermürbt. Bereits seit einiger Zeit verabschieden sie sich in Gedanken von einer EU-Mitgliedschaft. Jüngste Zahlen der Boğaziçi Universität manifestieren diesen Trend.

Wie eine aktuelle Umfrage der Boğaziçi Universität zeigt, würden sich die türkischen Bürgerinnen und Bürger derzeit zunehmend von der EU distanzieren. Die Geduld der Menschen, so fasst die türkische Zeitung Zaman zusammen, würde auf Grund des langen und vor allem holprigen EU-Beitrittsprozesses zur Neige gehen. Ihrer Ansicht nach zeige die Europäische Union einer Vollmitgliedschaft der Türkei mit ihrer Politik geradezu die kalte Schulter (bestes Zeugnis hierfür ist der jüngste EU-Fortschrittsbericht, der in der Türkei mit viel Enttäuschung aufgenommen wurde – mehr hier).

Negatives Bild der EU ist auf dem Vormarsch

Die in der Zeitung Vatan veröffentlichte Umfrage zeigt auf, dass die Zahl der Türken, die glauben, dass die Türkei kein EU-Mitglied wird oder dass eine Mitgliedschaft in dem 27-köpfigen Staatenverbund negative Auswirkungen haben könnte ansteige. Aktuell gaben nur 47,1 Prozent der Befragten an, dass sie ein positives Bild von der EU hätten. Das entspricht einem Rückgang von mehr als 20 Prozent seit 2003, als der Wert noch bei satten 69,3 Prozent gelegen hat. Befragt wurden 1200 Personen in 16 Provinzen.

Seit der Machtübernahme durch die AKP im Jahre 2002 wurden die Hoffnungen der Türkei auf einen EU-Beitritt neu belebt. Sowohl Ankara als auch Brüssel waren guter Dinge, dass das Land binnen zehn Jahren und nach erfolgreichem Abschluss der Verhandlungskapitel Teil der Europäischen Union werden würde. Doch es kam anders: Die anhaltenden Probleme mit Zypern und der Widerstand einiger Mitgliedstaaten, darunter vor allem Frankreich, zogen den Verhandlungsprozess in die Länge. Aktuell sind die Gespräche auf Grund der Ratspräsidentschaft von Türkisch-Zypern sogar gänzlich eingefroren. Seit Juli herrscht totale Funkstille (die Türkei fühlt sich von der EU mittlerweile sogar fallen gelassen – mehr hier). Einzig die Ankündigung des türkischen EU-Ministers Egemen Bağış, schon im Januar mit Irland neue Verhandlungskapitel öffnen zu wollen oder Zusicherungen von Recep Tayyip Erdogan, Ali Babacan und Co., bis 2023 in der EU sein zu wollen, lassen derzeit wieder zarte Hoffnungen aufflammen.

Nur noch 46 Prozent fühlen sich Europa zugehörig

Nichtsdestotrotz ist die Stimmung in der Bevölkerung auf dem sprichwörtlichen absteigenden Ast: So sei den Erkenntnissen der Boğaziçi Universität zufolge auch der Anteil derjenigen Türkinnen und Türken zurückgegangen, die sich überhaupt als Europa zugehörig betrachten. Waren das im Jahr 2003 noch 70 Prozent, sind es heute gerade einmal 46 Prozent. Doch dem nicht genug: So sei in den vergangenen zehn Jahren auch die Zahl derjenigen gestiegen, die durch eine EU-Mitgliedschaft die eigenen religiösen Werte in Gefahr sehen. Derzeit beträgt ihr Anteil ganze 64 Prozent. Und während 2003 nur 41.8 Prozent der Ansicht waren, dass ein EU-Beitritt das Land spalten würde, glauben das mittlerweile ganze 54 Prozent (Vorschub leisten da aber auch Bestrebungen etwa von Premier Erdogan, die Todesstrafe wieder einführen zu wollen – mehr hier).

Ein Drittel aller Türken ist momentan sogar der Ansicht, dass die Türkei niemals Mitglied in der EU werde (32 Prozent). 21 Prozent sagen immerhin, dass dies nicht mehr in ihrem Leben geschehe. Als besonders schmerzvolle und diskriminierende Erfahrung wird von den türkischen Bürgerinnen und Bürgern die immer noch bestehenden strengen Visa-Regelungen empfunden. Auch die Behandlung in der Zypernfrage hängt dem Land nach (dass die EU nun den Friedensnobelpreis erhielt, empfanden einige Politiker als blanken Hohn – mehr hier). Vorschub für den negativen Trend leisten aber auch noch andere Faktoren. Während Europa nach wie vor ganz im Zeichen einer umfassenden Finanzkrise steht, hat sich die türkische Wirtschaft in den vergangenen Jahren erstaunlich gut entwickelt. Dass damit auch ein zunehmendes türkisches Selbstbewusstsein einher geht, steht außer Frage. Wie die Umfrage nun ergab, würden nur noch 51 Prozent der Menschen in einem Referendum zur EU-Mitgliedschaft mit „Ja“ stimmen , während diese Zahl vor zehn Jahren noch bei 74,4 Prozent lag.

Auch TAVAK-Umfrage zeigt ablehnende Haltung der Türken

Die jüngsten Ergebnisse bestätigen frühere Untersuchungen dieser Art. Während Fachleute dringend raten, eine EU-Mitgliedschaft weiter zu forcieren (sie sind der Meinung die Türkei könne nicht ohne die EU – mehr hier), ergab eine Untersuchung der Deutsch-Türkischen Stiftung für Bildung und wissenschaftliche Forschung (TAVAK), dass der Prozentsatz der Leute, die der Meinung sind, dass die Türkei eines Tages Teil der Europäischen Union werde, binnen eines Jahres von 34,8 auf nur noch 17 Prozent abgestürzt sei. Demgegenüber sind mittlerweile 28 Prozent der Meinung, dass die Türkei mit Brasilien, Russland, Indien und China (BRIC) kooperieren sollte. Die Umfrage von TAVAK fand in der Zeit von 20. bis 30. Juni dieses Jahres in Istanbul, Ankara, Izmir, Antalya, Kayseri, Gaziantep, Artvin und Trabzon unter 1,110 Personen statt.

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