Migranten bei der Bundeswehr: Alles ist möglich – außer dem Kopftuch

Deutsch-Türken bei der Bundeswehr: Es gibt erstaunlich viele, die sich für diesen Arbeitgeber entschieden haben. Überraschend für die meisten: Sogar ihren Glauben dürfen sie praktizieren – solange es nicht um das Kopftuch geht.

Zeynep Ince ist alleinerziehende Mutter zweier Kinder. Zu Hause ist sie eine liebevolle Mutter, und nur in besonderen Stress-Situationen greift sie auf ihr Know-How aus dem Job zurück – etwa wenn die Kinder zu laut werden. Da hört man dann manchmal, dass Ince gewohnt ist, als Autorität zu agieren. In ihrem Beruf ist sie nämlich Oberfeldwebel bei der Bundeswehr.

1979 kam die junge Frau in Deutschland zur Welt und verbrachte nur wenige Jahre ihrer Kindheit in der Türkei. Der mittleren Reife folgte eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten. 2008 dann der Schnitt: Sie wird als Nachschubunteroffizier mit dem Dienstgrad Stabsunteroffizier bei der Bundeswehr eingestellt. Wenig später dann der Wechsel in die Laufbahn der Feldwebel.

Heute ist Zeynep Ince im Zentrum für Nachwuchsgewinnung als Karriereberaterin eingesetzt, wo sie sich um künftige Soldatinnen und Soldaten kümmert. Ob diese auch ein Schlüsselerlebnis wie sie hatten, um sich zu verpflichten? Vielleicht. Für die junge Zeynep gab jedenfalls eine Begegnung im Bus mit einer Soldatin in Ausgehuniform den Ausschlag – doch nicht sofort. Das war, so erzählt sie, noch während ihrer Schulzeit. Erst Jahre später, nachdem sie nach ihrer Elternzeit nicht mehr zurück in den alten Beruf wollte, forcierte sie einen Wechsel: „Ich wollte einen Beruf ausüben, der mit meinem Hobby verbunden ist. Ich bin von klein auf eine sehr sportlich aktive Person. Ich erinnerte mich an die Soldatin im Bus. So entschloss ich, mich bei der Bundeswehr zu bewerben.“

Deutsche Freunde zeigen sich positiv überrascht

Ihre Familie habe ihr Vorhaben mit großer Begeisterung, Stolz, aber natürlich auch Skepsis aufgenommen. Alleinerziehend und Soldatin? Würde das klappen? Letztlich war das für sie keine Frage: „Meine türkischen Freunde und meine Familie unterstützten mich dabei immer“, resümiert Frau Ince. Für ihre deutschen Freunde stand damals, anders als für ihre Familie, eher ihr türkischer Migrationshintergrund und natürlich auch ihr islamischer Glauben im Vordergrund. „Meine deutschen Freunde und meine Kameraden waren darüber positiv überrascht“, erinnert sie sich. Vielmehr hätten diese, so berichtet sie weiter, nicht glauben können, dass ihr von ihrem türkischen Umfeld „erlaubt“ worden sei, für ihr Vaterland zu dienen. Bereut hat Zeynap Ince die Entscheidung offenbar nicht: „In der Truppe habe ich bis jetzt nichts Negatives erlebt. Im Gegenteil ich sehe immer eine Begeisterung in den Gesichtern von meinem Kameraden und Kameradinnen.“

Natürlich brächte das Berufsbild „Soldatin“ auch Herausforderungen mit sich. Diese, so wird deutlich, liegen für Frau Ince jedoch eher im Privaten. Denn mehrmonatige Lehrgänge, Aufenthalte auf dem Truppenübungsplatz und nicht zuletzt Auslandseinsätze haben für sie eine schwerwiegende Konsequenz. Die lange Trennung von ihren Kindern. Missen möchte sie ihn aber trotzdem nicht: „Am wichtigsten ist, dass mein Beruf mir Spaß macht. Es ist sehr abwechslungsreich, herausfordernd, strukturiert und führt mich an meine körperlichen und geistigen Grenzen. Die Zusammenarbeit im Team. Eine von denen zu sein oder auch mal in der Verantwortung zustehen und ein Team führen zu können.“

Muslime im Dienst: Fasten und Beten sind erlaubt

Und wie steht es um die Bedenken ihrer Freunde hinsichtlich ihres Glaubens? „Probleme hinsichtlich der Religionsausübung gibt es keine“, fasst Zeynap Ince zusammen. Das regelmäßige Beten fünf Mal am Tag sei ebenso gestattet wie das Fasten. Das würde, solange der Dienstbetrieb nicht gestört werde, jedem selbst überlassen. Einzig auf das Tragen des Kopftuches müsse eine muslimische Frau in der Truppe verzichten. Warum das so ist, begründet Maik Drews, Obertleutnant zur See und Karriereberatungsoffizier Berlin-SÜD mit einer schlichten Lücke in den aktuellen Vorschriften: „Es gibt bei der Bundeswehr eine Vorschrift zur ‚Anzugsordnung‚.

Dort ist das Kopftuch kein Bestandteil der Uniform“ Diese dient als nach dem Kriegsvölkerrecht vorgeschriebenes äußerliches Kennzeichen dazu, Kombattanten von Nichtkombattanten zu unterscheiden und sie je nach Aufgabe vor allem zweckmäßig zu kleiden. Als Kopfbedeckung aufgeführt werden darin bisher nur der Helm, das Barett bzw. die Berg- und Schirmmützen oder das Schiffchen.

Kopftuch beim Militär gestattet: Jüngster Vorstoß in Norwegen

Andernorts ist das Militär übrigens schon weiter: So geistert just in dieser Woche die Geschichte eines 25 Jahre alten praktizierenden Sikh aus London durch die Nachrichten. Der Jatenderpal Singh Bhullar trägt als Zeichen seines Glaubens nicht nur Vollbart, sondern auch einen Turban. In den Reihen der Leibwache von Queen Elisabeth II. offenbar kein Problem. Er darf – entgegen der 180-jährigen Tradition – diesen statt der traditionellen Bärenfellmütze tragen und Dienst vor dem königlichen Palast schieben. Das Kopftuch für Soldatinnen ist dort schon seit einiger Zeit erlaubt. Fortschrittlich gibt sich übrigens auch die britische Polizei. So wurden bereits 2009 Kopftücher mit Emblem für Polizistinnen hergestellt, die generell bei Einsätzen in einer Moschee getragen werden. Das Königreich ist jedoch kein Einzelfall. Durch die Welt gingen im September 2010 etwa die Bilder der ersten weiblichen Offiziere in Afghanistan. Mit Kopftuch und Parade-Uniform nahmen die jungen Damen, die von NATO-Soldaten ausgebildet wurden, seinerzeit ihre Urkunden entgegen. Selbst das iranische Militär und die hiesige Polizei kennen Soldatinnen bzw. Polizistinnen in Burka. Zuletzt gab es entsprechende Nachrichten aus Norwegen. Im August 2012 hat das Verteidigungsministerium hier grünes Licht für Kopftuch und Kippa gegeben. Einzige Bedingung: Sie müssen einfarbig und ohne Verzierungen sein. Religiöser Schmuck ist bereits seit den 80ern erlaubt.

Doch zurück nach Deutschland. Denn: Ganz anders verläuft die Geschichte von Onur Inay. Sein näheres Interesse für die Bundeswehr begann zwar auch in jungen Jahren. Er befand sich damals allerdings schon mitten in der Ausbildung zum Kommunikationselektroniker, als ihm und seinen Mitschülern eine Verpflichtung als Soldat auf Zeit nahelegt wurde. „Da mich schon immer militärische Kampfflugzeuge und deren Radarsysteme interessierten, kam für mich entweder die Marine in Tarp oder die Luftwaffe in Jagel Schleswig Holstein in Frage. Ich entschied mich für die Luftwaffe und durfte die Elektronikstaffel AG 51 ‚I‘ besuchen“, erinnert er sich heute zurück. Schließlich bekam er durch eine Truppenwerbung als Radaranlagenmechaniker beim Waffensystem Tornado die Möglichkeit, innerhalb des Termins bei der freiwilligen Annahmestelle Hannover seine Eignung unter Beweis zu stellen. Und alles klappte.

Kompaniefeldwebel hilft bei Einbürgerung

Oder etwa nicht? Nicht ganz, wie Onur Inay, der während seiner Laufbahn eine Zeit lang in New Mexico, USA war, heute erzählt: „Es gab noch ein Problem, welches meine Einberufung zur Grundausbildung und den Beginn der Eignungsübung hinderte. Die deutsche Staatsangehörigkeit. Obwohl ich in Flensburg geboren bin, hatte ich sie noch immer nicht beantragt.“ Durch die Hilfe seines Kompaniefeldwebels bekam das Innenministerium in Kiel häufige Anfragen für die Einbürgerung seiner Person. In der Luft hing der junge Mann allerdings nicht: Für diese Überbrückungszeit wurde ihm ein „Arbeitnehmer-Zeitvertrag“ für sechs Monate erstellt. Somit konnte er erste Arbeitserfahrungen als Helfer in seiner technischen Verwendung sammeln. Nachdem die Einbürgerung dann erfolgte, ging es sehr schnell mit der Grundausbildung und den technischen Ausbildungen voran.

Genau wie Zeynap Ince erlebt auch Onur Inay positive Reaktionen in seinem direkten Umfeld. „Meine Familie und der Freundeskreis waren sehr erfreut und stolz auf meinen Werdegang, da es in meinem Bekanntenkreis, für damalige Zeiten, gar nicht bekannt war, zur Bundeswehr zu gehen“, fasst er seine Erfahrungen zusammen. Ohnehin kenne er die Türkei kulturell wie ethisch nur aus dem Urlaub und von Erzählungen der Familie. Ein Wehrdienst dort wäre für ihn daher gar nicht in Betracht gekommen. Sein ganzes Leben habe er in zweiter Generation hier in Deutschland verbracht. Und auch jetzt, in der Truppe spielt seine Abstammung offenbar keine Rolle: „Innerhalb meines Kameradenkreises der Bundeswehr wurde ich stets voll integriert und in keinster Weise auf meinen Migrationshintergrund nachteilig behandelt“, stellt er mit Nachdruck heraus.

Truppe ja oder nein: Religion ist weniger ausschlaggebend als Auslandseinsätze

Gleiches gelte übrigens auch für die Religionsausübung. „Wenn man seine Gebetszeiten einhalten möchte, ist die Absprache mit dem Disziplinarvorgesetzten zur Orientierung der Arbeitszeiten von Wichtigkeit.“ Da er persönlich innerhalb der Dienstzeit die Ausübung der Gebetszeiten nicht in Anspruch genommen habe, hätte er jedoch keine persönlichen Erfahrungswerte. Schwierigkeiten sieht der Soldat, der seit Oktober 2011 als Sachbearbeiter im Bereich Objektmanagement beim Bundeswehrdienstleistungsmanagement eingesetzt ist, ebenso wie seine Kameradin Ince eher in der Vielzahl von Lehrgängen, die nicht zu Hause stattfänden und den langen Auslandseinsätzen.

Bereits 2007 hat das „Zentrum für Innere Führung“ in Koblenz ein Arbeitspapier für „Deutsche Staatsbürger muslimischen Glaubens in der Bundeswehr“ herausgegeben. Darin enthalten: Basiswissen und ein erster Überblick über die Religion Islam, das Akzeptanz fördern und Diskriminierung entgegenwirken soll. Zudem hat das Bundesverteidigungsministerium im Februar dieses Jahres, wie zuletzt das Bundesland Baden-Württemberg, die „Charta der Vielfalt“ unterzeichnet. Erst im Sommer äußerte Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière erneut den Wunsch nach mehr Bundeswehrsoldaten mit Migrationshintergrund. Wie viele Soldaten mit ausländischer Abstammung derzeit bei der Bundeswehr sind, ist allerdings nicht bekannt. Einen ungefähren Einblick gibt jedoch eine kürzliche Umfrage unter freiwillig Wehrdienstleistenden, die lässt darauf schließen, dass zumindest in den jungen Altersklassen die Gesamtbevölkerung bereits abgebildet wird. 26 Prozent gaben demnach an, ausländischer Abstammung zu sein, in der Gesamtbevölkerung sind es in diesem Alter rund 27 Prozent.

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