Fast 2 Mrd. Dollar für Bogazici EDAS: Türkische Privatisierungspläne schreiten voran

Das ins Stottern geratene türkische Privatisierungsprogramm hat am vergangenen Freitag einen neuerlichen Schub erfahren. Mit dem Verkauf des größten regionalen Stromversorgers des Landes wurden fast zwei Milliarden US-Dollar umgesetzt. Beobachter sehen nun rosigen Zeiten voraus. 2013 könnte sogar zu einem neuen Rekordjahr werden.

Bogazici EDAS, Stromlieferant für rund 4,2 Millionen Menschen auf der europäischen Seite der Bosporus-Metropole Istanbul, wurde, so berichtet die Financial Times, für 1.96 Milliarden US-Dollar an Cengiz-Kolin-Limak Ortak Girisim Grubu, ein Konsortium bestehend aus drei türkischen Bauunternehmen mit fest etablierten Energiegewinnungs-Portfolios, verkauft (auch E.ON zieht es derzeit in die Türkei – mehr hier).

Konsortium versorgt 24.5 % der türkischen Gesamtbevölkerung

Bogazici bringe demnach nicht nur einen immensen Kundenstamm mit, sondern auch eine 30-Jahres-Lizenz für das staatliche Verteilnetz in Istanbul und ein Monopol über den Stromabsatz bis zur Einführung eines Drittanbieter-Einzelhandels, der für das Jahr 2015 geplant sei. Das Cengiz-Kolin-Limak-Konsortium besitze auf der anderen Seite bereits 21 regionale Stromversorgungsunternehmen. Mit dem Kauf von Bogazici versorgt man nun 8.2 Millionen Kunden – etwa 24.5 Prozent der türkischen Gesamtbevölkerung. Bogazici EDAS ist bereits der zweite regionale Händler, der in den vergangenen zwei Monaten verkauft wurden. Derzeit, so informiert FT weiter, befänden sich somit noch sechs in staatlicher Hand.

Für Bogazici ist es hingegen bereits der zweite Verkaufsanlauf gewesen. Schon im Jahr 2010 schien das Vorhaben so gut wie unter Dach und Fach. In der damaligen Ausschreibungsrunde wurden 2.99 Milliarden Dollar geboten. Doch das Geschäft platzte ebenso wie der Verkauf von sechs weiteren Verteilern, weil sich die Verkäufer nicht an die festgesetzten Fristen hielten, um den Deal gänzlich abzuschließen und am Ende auch die anderen Bieter ausstiegen. Analysten, erläutert Autor David O’Byrne, seien sich einig, dass der Deal platzte, weil die Bieter den Wert der Vertriebsgesellschaften überschätzten und auf der anderen Seite die Wirkkraft der Finanzkrise in der Eurozone unteschätzten und so ihre Suche nach internationalen Kapitalgebern erschwerte (derzweil sind Erneuerbare Energien auf dem Vormarsch – mehr hier).

Liberalisierung des türkischen Energiemarkts

Nun hat sich der Wind gedreht: Neben Bogazici steht ein weiteres Geschäft kurz vor dem Abschluss. Bereits in diesem Monat soll der Verkauf von einem der sechs verbliebenen, Gediz EDAS, abgeschlossen sein. Gediz EDAS liefert Energie in die wohl wichtigste Hafenregion der Türkei, nach Izmir. Die Ausschreibung für die restlichen fünf, so der Bericht weiter, würde voraussichtlich bis Ende des Jahres eröffnet werden.

„Der Abschluss der Privatisierung der regionalen Stromversorgungsunternehmen ist ein wichtiger Schritt in der geplanten Liberalisierung des türkischen Energiemarkts“, konstatiert das Blatt. Es werde erwartet, dass diesem nun der Verkauf des größten Teils der 46 Prozent dr türkischen Kraftwerkskapazitäten folgen, die noch in staatlichen Händen lägen. Augenblicklich seien noch Angebote für drei große thermische Anlagen offen. Auch deren Verkauf werde voraussichtlich Anfang 2013 abgeschlossen. Die restlichen 41 Anlagen sollen in den neun Portfolios verkauft werden. Diese Ausschreibungen würden voraussichtlich in der ersten Hälfte des Jahres 2013 eröffnet werden.

Privatisierungserlöse: 2013 könnte Rekordjahr werden

Die ehrgeizigen Privatisierungspläne der Türkei wurden in den vergangenen zehn Jahren immer wieder zurückgeworfen. Sowohl die globale als auch die europäische Finanzkrise haben auch hier ihre Spuren hinterlassen. Daneben, so umreißt die FT die Situation, hätten auch inländische Unsicherheiten ihren Teil beigetragen. 2006 erreichte der Umsatz mit 8.1 Milliarden US-Dollar einen Höchststand. Darauf hin fielen die Privatisierungserlöse stetig bis auf 1.4 Milliarden im Jahr 2011. In diesem Jahr werde nun mit rund drei Milliarden gerechnet. Die Zahlungen für Bogazici EDAS werden voraussichtlich 2013 abgeschlossen. Zusammen mit dem Verkauf der anderen Distributoren oder zumindest einigen der staatlichen Kraftwerke könnte 2013 noch ein neuer Rekord aufgestellt werden.

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