Internet-Boom: Online-Games und Shoppingportale kurbeln türkische Industrie mächtig an

Dass die junge türkische Online-Generation vielen ihrer europäischen Altersgenossen in Sachen Technologie-Begeisterung und Internetkonsum weit voraus ist, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Für die Türkei sind sie mittlerweile sogar eine echte Stütze. Denn mit ihrer Affinität für Online-Games und Shopping sind sie zum Rückgrat für einen ganzen Industriezweig avanciert.

Muslimische Bauern halten keine Schweine. Dieser Umstand gilt sowohl für die virtuellen als auch für die realen Landwirte. Dass die arabische Version von „Happy Farm“ des in Istanbul ansässigen Unternehmens Peak Games auf diese Besonderheit eingeht, versteht sich von selbst. Aus diesem Grund finden sich hier auch keine Weinberge und weibliche Bedienste auf dem Hof tragen selbstverständlich ein Kopftuch. Und das Konzept geht auf.

Peak Games, so konstatiert „The Economist“, ist mit diesem speziell auf muslimische Nutzer ausgerichten Spiel auf fruchtbaren Boden gestoßen. Mittlerweile beschäftigt das Unternehmen am Bosporus 200 Mitarbeiter, daneben zahlreiche Entwickler in Jordanien und Saudi-Arabien sowie in Istanbul und Ankara. Gut 35 Millionen User würden das Spiel mindestens einmal im Monat spielen. Viele von ihnen greifen über Facebook zu. Die Hälfte der Spieler käme übrigens aus der Türkei. Der Rest stammt aus dem Nahen Osten und Nordafrika.

Internet-Games mit „regionalen Touch“

Rina Onur, eine der Erfinderinnen des Spiels, und ihre Kolleginnen und Kollegen haben sich eine Lücke im aktuellen Online-Gaming-Markt zunutze gemacht. Sie bieten ihren Kunden schlicht das, was westliche Entwickler nicht bedenken: Den „regionalen Touch“, den die User nicht nur bei „Happy Farm“, sondern auch bei traditionellen Spielen, wie etwa Okey finden, die die Mitarbeiter von Peak Games in eine ansprechende Online-Version verwandeln.

In der Türkei schießen die Internetunternehmen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Die fokussierte Zielgruppe sind vor allem die jungen, Internet affinen Türken (selbst die Spitze der türkischen Politik ist in Sachen Online-Begeisterung kaum zu bremsen – mehr hier). Warum, das ist nicht schwer zu erkennen: Die Türkei ist groß, hat ein niedriges Durchschnittsalter und dafür eine umso größere Internetbegeisterung. Die Hälfte der gut 75 Millionen Einwohner ist unter 30 Jahren. Gut 44 Prozent der Türken nutzen heute das Internet. Zum Vergleich: Im Jahr 2006 waren es gerade einmal 16 Prozent, zur Jahrtausendwende gar nur drei Prozent. Auf Facebook stellen die türkischen User derzeit die siebtgrößte Gruppe.

Und auch sonst lieben die Türken den Fortschritt. Kreditkarten gehören zu ihrem Alltag. Jeder Fünfte besitzt nach Angaben der Investmentbank GP Bullhound im Schnitt mindestens drei. Das ist weit mehr als der europäische Durchschnitt. Der Einkauf im Web wird da natürlich umso leichter. Und das Wachstumspotential ist noch lange nicht ausgeschöpft.

Ausländische Kapitalgeber investieren in türkische Firmen

Erfolgreich seien die türkischen Firmen dem Blatt zufolge jedoch nicht nur mit ihren Ideen, sondern auch wenn es darum ginge, ausländisches Kapital an Land zu ziehen. So konnte allein Peak Games 20 Millionen Dollar generieren. Erst im vergangenen September pumpten General Atlantic, eine US-amerikanische Investmentgesellschaft, und andere Unternehmen ganze 44 Millionen Dollar in Yemeksepeti, eine Plattform, über die Türken Bestellungen an lokale Restaurants aufgeben. 2011 zahlte Naspers, ein südafrikanisches Medien-Unternehmen, 86 Millionen Dollar für 68 Prozent von Markafoni, einem Online-Fashion-Shop. Auch eBay erhöhte seine Beteiligung an GittiGidiyor, einer Auktions-Website, auf 93 Prozent. Ein weiteres Beispiel: Kleiner Perkins Caulfield & Byers und Tiger Global Management,  beide in den USA zuhause, investierten 26 Millionen Dollar in Trendyol, eine weitere Mode-Website.

Neu erfunden haben die Türken das Online-Geschäft natürlich nicht. Auch sie bedienen sich an Geschäftsmodellen aus dem Ausland. Das Erfolgsrezept besteht ganz klar im regionalen Dreh. Doch dieser geht weiter als bei oben beschriebenen Online-Games. So erklärt etwa Mustafa Say, dessen iLab Ventures sieben Prozent von GittiGidiyor hält, dass die Käufer auf ein Treuhandkonto zahlten, von denen aus das Geld nur an den Verkäufer gehe, wenn auch die Ware geliefert würde. Ein solcher Service, so Say, schaffe Vertrauen. Ein anderes Beispiel ist Yemeksepeti. Hier zahlen die Kunden keine Liefergebühren, können dafür aber bar an der Haustür zahlen. So liefen 37 Prozent aller Geschäfte ab, meint auch Nevzat Aydin, Gründer und Chief Executive. Doch nicht nur Modelle und Ideen kommen aus dem Ausland. Das Land profitiert auch von gut ausgebildeten jungen Türken, die etwa in den USA studiert hätten und nun in die Heimat zurück kämen (ein Studium im Ausland ist ihnen jährlich gut vier Milliarden Dollar wert – mehr hier).

Türkische Serien und Kultur als echte Exportschlager

Die Größe des türkischen Marktes, ist jedoch ein „zweischneidiges Schwert“, sagt Numan Numan, ein ehemaliger Goldman Sachs Banker. Eine solchen Größenordnung sei ein Segen, aber Start-ups in den kleineren Ländern wie Estland oder Israel hätten mehr Anreize von Anfang an mehr über den eigenen Tellerrand zu blicken. Türkische Internetfirmen seien der Meinung, sie hätten mit der Türkei einen guten Standort, um von dort vor allem in den Nahen Osten und Nordafrika zu expandieren. Peak Games, so „The Economist“ weiter, sei das beste Beispiel dafür. Doch auch andere hätten entsprechende Ambitionen. Man blicke nur einmal auf die türkische TV-Industrie. Die Serien sind in der gesamten Region ausgesprochen beliebt (sie gelten als die neue diplomatische Kraft der Türkei – mehr hier). Überhaupt sei die gesamte türkische Kultur etwas, was in den arabischen Ländern sehr gut ankäme. Türkische Schauspieler als Werbeträger seien da geradezu ideal. So werde das bereits erwähnte Geld von General Atlantic dazu eingesetzt, um Yemeksepeti auch im Ausland voranzubringen.

Viele Jungunternehmen blicken voller Bewunderung auf die aktuellen Erfolge. Sie alle wünschen sich, an diese in nicht allzu ferner Zukunft anknüpfen zu können. Sie präsentieren ihre Ideen an Universitäten und zahlreichen anderen Veranstaltungen, die in der Türkei mittlerweile zum Business-Alltag gehören und hoffen dort einen geeigneten Investor zu finden. Die Chancen stünden nach Ansicht des Wirtschaftsmediums jedenfalls gut. Denn auch die Mentalität der Geldgeber habe sich geändert. Nicht wenige der ersten Gründer verstünden sich heute als Mentoren für die kommende Generation. Auch die türkische Regierung habe die Bedürfnisse mittlerweile erkannt und versorge junge Unternehmen mit Zuschüssen für Forschung und Marketing (allein 2011 wurden mehr als sechs Milliarden Dollar in Forschung und Entwicklung investiert – mehr hier). Diejenigen, die sich in so genannten Technologie-Parks ansiedeln, hätten zudem erhebliche steuerliche Vorteile.

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