Integration gescheitert? Ein Lehrstück wie Schule in Deutschland nicht sein sollte

Ein achtjähriger türkischstämmiger Junge aus Köln sitzt zuhause und bangt um seine Zukunft. Der Bub steckt in einer verfahrenen Situation. In seine alte Grundschule kann er nicht gehen. Eine von den Eltern gefundene neue Einrichtung lehnt das Schulamt ab. Davor und dazwischen liegen nicht nur ein verbaler wie körperlicher Schlagabtausch, sondern vor allem die Bemühungen einer Mutter, die für ihr Kind alle Hebel in Bewegung setzt.

Die Email, die die Redaktion der Deutsch Türkischen Nachrichten vor einiger Zeit erreicht, klingt verzweifelt. „Gegen unseren Sohn wird in der Grundschule Mobbing betrieben. Elternbeirat und das Schulamt schauen (…) tatenlos zu“, schreibt da eine türkischstämmige Mutter aus dem Kölner Norden. Man habe als Eltern und Schüler überhaupt keine Lobby, klagt Frau B.* Hilflos sei man der Willkür ausgesetzt. Anstatt einem Achtjährigen Geborgenheit zu geben, würden Lehrer handgreiflich, mobben Schüler. „Wach auf Deutschland (…) bitte helfen sie uns“, appelliert sie eindringlich. Die ganze Sache, so schildert die Frau weiter, sei bereits bei einer Rechtsanwältin. Leichter, das erfährt die Redaktion sehr schnell, wird die Situation dadurch allerdings nicht. Denn die Lage ist festgefahren. Der kleine Junge, bei dem früh festgestellt wurde, dass er Unterstützung in Konfliktsituation benötigt und somit einen sogenannten GU-Platz in der Schule braucht, ist in einem psychisch desolaten Zustand. Seine Eltern und auch seine nächsten Angehörigen, die sich ebenfalls für ihn engagieren, wissen nicht mehr weiter.

Doch von vorne. Die Vorwürfe der dreifachen Mutter, ihre zwei älteren Kinder besuchten beide ebenfalls die betreffende Schule und nun ein Gymnasium, sind heftig und werfen viele Fragen auf. Was ist konkret vorgefallen? Was musste eigentlich passieren, dass die Angelegenheit am Ende sogar per Eilantrag bei einem Gericht anhängig ist? Was sagt eigentlich die Schule? Und schließlich: Was kann getan werden, um das Ruder herumzureißen?

Schulamt für die Stadt Köln hält sich bedeckt

Sowohl die von der Mutter genannte Anwältin, eine ausgewiesene Spezialistin für Schulrecht mit viel Erfahrung auf diesem Gebiet, als auch die angegebene Gemeinschaftsgrundschule wurden kontaktiert. Letztere leiten die Anfrage der Deutsch Türkischen Nachrichten direkt ans zuständige Schulamt für die Stadt Köln weiter. Auskunftsfreudig ist man dort allerdings nicht. Es heißt: „Wir befinden uns derzeit in diesem Fall in einem schwebenden gerichtlichen Verfahren mit der Familie und bitten daher um Verständnis, dass wir in dieser Angelegenheit keine Auskunft geben, um der Ermittlung durch das Gericht nicht vorzugreifen.“ Man bemühe sich aber, so schnell wie möglich eine gute Lösung für den Jungen zu finden. Hierzu stünde das Schulamt im Kontakt mit allen Beteiligten. Mehr ist nicht zu erfahren.

Ganz anders die „Gegenseite“: „Dem Jungen wird seitens der Lehrerinnen vorgeworfen, dass er aggressiv sei und im Rahmen eines Streites zwischen ihm und einem anderen Jungen die Sonderschulpädagogin heftig getreten habe. Einem Jungen habe er in einem Streit einen Stein an den Kopf geworfen“, schildert die Juristin. Beides hätten die Eltern erstaunlicherweise erst viel später erfahren, so dass diese nicht entsprechend reagieren konnten. Nun würden sie bestreiten, dass das Ganze tatsächlich so vorgefallen sei. Ihrer Ansicht nach wurden ihrem Jungen zu Unrecht Ordnungsmaßnahmen aufgegeben. Der Gang zur Anwältin sei erfolgt, weil sie sich nicht mehr anders zu erwehren gewusst hätten.

Gespräche zwischen Eltern und Schule scheiterten

Fakt sei, erklärt die Fachfrau weiter, dass der Junge auch von anderen Schülern derart gereizt wurde, dass er „überreagierte“. Das ergehe aus der Schulakte. Doch die gibt offenbar nur die eine Seite der Medaille wider. „Was mich betroffen macht ist, dass es sich nicht aus dem Akteninhalt ergibt, dass die Lehrerin in der Situation, in der L. verbal attackiert oder ‚blöde angeguckt‘ wird, nicht den ‚Schutz‘ erhält, den er vor den anderen Kindern benötigte. Es ist überhaupt nicht klar, ob die Schule auch die anderen die Eskalationen mitverursachenden Kinder ebenfalls zur Ordnung ruft und L. vor diesen schützt.“ Sie jedenfalls habe nicht feststellen können, dass die Lehrer versuchten in der Klasse diese Eskalationen zu vermeiden. Gespräche mit der Kindesmutter und deren Bruder seien zwar geführt worden. Von Erfolg gekrönt waren die aber nicht.

Ganz im Gegenteil reagiert die Schule nach Ansicht der Anwältin ausgesprochen harsch. Ihre Erwartung, dass der Achtjährige vielleicht zunächst einmal nur „umgesetzt“ wird oder vielleicht die Klasse wechselt, um weiter am Unterricht teilnehmen zu können, wurde nicht erfüllt. „Nach gescheiterten Gesprächen mit den Eltern wurde eine Anordnung nach der anderen raus geschickt. Zunächst ‚Ausschluss‘, dann Kurzbeschulung, welche verlängert wurde, dann Kurzbeschulung und Ausschluss gleichzeitig etc. wir mussten gegen alles Widerspruch einlegen und haben einen Eilantrag eingereicht“, schildert sie in knappen Worten den Alptraum für Eltern und Kind, dessen Anfang nach Angaben des Onkels des Kleinen bereits im vergangenen Sommer zu suchen ist. Als ein zweiter Bub in die Klasse kommt, der ebenfalls mit emotionalen Problemen zu kämpfen hat, kommt es zwischen den beiden immer wieder zu Konflikten. Chronischer Personalmangel und eine neue, seines Erachtens überforderte Sonderpädagogin tun ihr Übriges, um am Ende die Situation zwischen Schule und Eltern vollständig zu vergiften und das Vertrauen komplett zu zerstören.

Eltern suchen für Achtjährigen eine neue Schule – ohne Erfolg

Zu Ende war der juristische Spießrutenlauf in dessen Zentrum ein gerade einmal achtjähriger Junge steht, damit allerdings nicht. Schule, Schulamt und Eltern kamen noch einmal zusammen. Dabei einigten sich die Parteien auf die Begleitung durch einen Integrationshelfer. Ein eigentlich guter Plan. Und dieser wurde nach Auskunft der Anwältin auch schon bewilligt. Der neuerliche Haken: Die Schule möchte L. nun aber nicht mehr ohne Integrationshelfer beschulen, daher erging die letzte Verfügung dergestalt, dass er erst wieder mit Integrationshelfer „voll“ beschult werden soll. Und auch das ging so nicht auf. Denn die Schule regte für die Übergangszeit die Beschulung an einer Förderschule an. „Davon habe ich aber abgeraten und die Eltern wehren sich ebenfalls hiergegen. L. hat die Situation an der Schule nicht mehr ‚ausgehalten‘ und wollte nicht mehr an die Schule gehen. Ich habe den Eltern dazu geraten, den Kinderpsychologen dazu zu befragen, ob L. wegen der ganzen Situation überhaupt derzeit in der Lage sei in seine Stammschule zu gehen. Wenn nicht möge er ihn krankschreiben“, fährt die Anwältin fort. Nach Rücksprache mit dem Kinderpsychologen halte nun auch dieser die jetzige Situation „auch in einer Kurzbeschulung“ und erst recht nicht „an der Förderschule“ für ratsam.

Doch das Kind einfach zuhause lassen ging natürlich nicht. Die Schulpflicht besteht und die Eltern suchten auf ihr Anraten eine neue Schule – mit Erfolg. Doch das Schulamt macht der Sache kurzerhand einen Strich durch die Rechnung. Dort ist man der Auffassung, dass über die GU-Plätze, hier sind ein oder zwei förderbedürftige Kinder in einer Regelschulklasse und neben dem Regelschullehrer kommt regelmäßig der Förderschullehrer zur Unterstützung dieser Kinder dazu, das Schulamt selbst entscheidet. Daher könne dies auch nicht von der Schule entschieden werden. Hinnehmen will die Familie das nicht. „Ich werde mich noch einmal mit dem Schulamt in Verbindung setzen, um diese Schule für L. durchzusetzen“, schildert die Anwältin ihre nächsten Schritte. Denn für sie steht fest: Auch wenn ihr Eilantrag vor Gericht Erfolg hat, die aufschiebende Wirkung der diversen Widersprüche wiederhergestellt werde und der Junge dann bis zum Abschluss der Hauptsacheentscheidung in die Schule gehen könnte, wäre damit eigentlich nichts gewonnen. „Ich halte es für das Beste, wenn L. in einer neuen Schule einen neuen ‚möglichst unbelasteten‘ Anfang macht.“

Einrichtungen und Eltern müssen Hand in Hand arbeiten

Bis dahin sitzt der kleine Junge mit seiner Mutter, die für ihn mittlerweile ihren Job gekündigt hat, zuhause. Was um ihn herum geschieht, das wird er in seiner ganzen Tragweite wahrscheinlich nur bedingt begreifen. Das Problem wird dadurch allerdings bleiben: Die Kommunikation war offenbar, wie nicht nur in seinem Fall, von Anfang an gestört: Zwischen Erziehern in der Krippe oder Kita und den Lehrern in der Schule, Fördereinrichtungen, Jugendzentren, Horten und Eltern. Die Einrichtungen untereinander müssen sich austauschen und Hand in Hand mit den Eltern zusammenarbeiten. Denn: Das Verhalten der Kinder wechselt mit ihrem jeweiligen Umfeld. Oftmals geben sie sich zuhause ganz anders als in den verschiedenen Einrichtungen. Schon früh müssen Fördermaßnahmen angesetzt werden, die Eltern von Anfang an mit ins Boot geholt und umfassend über diese aufgeklärt werden. Ein Vertrauensverhältnis muss entstehen, das eine Eskalation, wie sie zuvor beschrieben wurde, von vorneherein ausschließt.

Für den Achtjährigen scheint jedenfalls noch nichts verloren. Wichtig erscheint erst einmal, dass seine Eltern akzeptieren, dass ihr Sohn unter Umständen einen besonderen Förderbedarf hat. Es gilt, sich auf Angebote einzulassen und sich selbst, auch an anderen Stellen, über die verschiedenen Möglichkeiten zu informieren. Nur, wenn Eltern mit den entsprechenden Einrichtungen langfristig und Einrichtungs übergreifend an einem Strang ziehen, nur dann und nur dann, ist eine erfolgreiche Förderung überhaupt machbar.

Wie die Deutsch Türkischen Nachrichten inzwischen erfahren haben, teilte das Schulamt mittlerweile mit, dass es hofft, kurzfristig eine Schule benennen zu können. Der Eilantrag ist allerdings noch nicht entschieden.

* Name und Wohnort sind der Redaktion bekannt.

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