Flucht in die EU: Istanbul ist die Hauptstadt der Menschenschmuggler

Sie tummeln sich in den Migranten-Vierteln der Millionenmetropole, um Flüchtlinge für teures Geld nach Europa zu schmuggeln. Obschon die Türkei in den letzten Jahren immer weniger als Transitland gilt, ist Istanbul nach wie vor das Pflaster Nummer eins für jene, die aus der Verzweiflung der Menschen Kapital schlagen.

62 Prozent der Einwanderer wollen über die Türkei nach Europa, während mittlerweile ganze 28 Prozent in der Türkei bleiben wollen. Und diese Zahl steigt rasant, so das Ergebnis einer Studie des Internationalen Zentrums für Terrorismus und grenzüberschreitende Kriminalität (UTSAM) (Istanbul oder Izmir ist bei Illegalen besonders beliebt – mehr hier). Noch will die Mehrheit aber eben doch in den gelobten Westen. Das Geschäft der professionellen Schmuggler in der Millionenstadt am Bosporus ist also alles andere als gefährdet.

Für das Portal euobserver.com hat Autor Nikolaj Nielsen einen Blick in Gegenden wie etwa Kumkapi im Istanbuler Bezirk Fatih an der Marmara-Küste geworfen. Es ist die Heimat der Französisch sprechenden afrikanischen Gemeinschaften und der Somalier. Aber auch weiter westlich nach Zeytinburnu, wo sich vor allem Afghanen und Iraner niedergelassen haben, hat er sich umgesehen. Iraker und Nigerianer bevorzugen hingegen eher Kurtulus ganz in der Nähe des bekannten Taksim Platzes, während sich Syrier vor allem in Kucukcekmece bewegen. Und genau hier gelte es, die Augen besonders offen zu halten. So gäbe es etwa in Kumkapi einen Schmuggler-Hotspot in einer Straße, die parallel zur Katip Kasim Moschee verlaufe. Das Leben pulsiert, die Preise in den Läden sind meist in Türkisch und Russisch angegeben.

Die dort agierenden Schmuggler würden von den Einheimischen „kacakci“ genannt. Es sei ein Begriff, der überwiegend von kurdischen, türkischen und asiatischen Personen benutzt würde, die Migranten über die Türkei nach Europa bringen würden. Und jede Gruppe, so Nielsen weiter, habe ihr eigenes „kacakci“-Netzwerk – die großen sogar mit eigenen Zellen in Europa, die kaum mit der Türkei in Verbindung gebracht werden könnten, selbst wenn sie durch Polizei oder Geheimdienste inflitriert würden.

Ohne Zweifel seien hier korrupte Beamte mit im Spiel

Die Schmuggler, fährt Nielsen fort, arbeiten in verschiedenen Abteilungen – jede von ihnen hochgradig spezialisiert. Während etwa die einen sich voll auf den Drogenhandel konzentrierten, obläge anderen der Menschenschmuggel. Ob hier wohl die türkische oder die russische Mafia ihre Finger im Spiel hat? Die Meinungen hierüber gehen durchaus auseinander. Für Anna Triandafyllidou vom Robert-Schuman-Zentrum des Europäischen Hochschulinstituts (EUI) in Florenz und Co-Autorin eines Buches über Menschenschmuggel, gibt es zum Beispiel keine Beweise dafür, dass hier die Mafia aktiv sei. Zudem würden die Schmuggler in der Regel derselben Ethnie angehören, wie die Menschen, die sie nach Europa bringen würden. Ihrer Ansicht nach gebe es hier keine internationale übergreifende Struktur, die etwa von Afghanistan bis Griechenland reiche.

Ganz anders sieht das wiederum Michel Koutouzis, ein in Paris ansässiger Experte griechischer Abstammung. Seiner Ansicht nach sei das Geschäft vor allem von türkischen Mafiafamilien dominiert. Und diese würden damit Jahr für Jahr mehr als zehn Millionen Euro verdienen. Organisiert seien diese wie die Armee – mit einem „baba“ an der Spitze. Selbst würden sie sich zwar nicht direkt an den Schmuggel-Aktionen beteiligen, hätten aber die vollständige Überwachung inne und würden auch die nötige Infrastruktur zur Verfügung stellen. Schon bevor die Flüchtlige in Istanbul einträfen, so Koutouzis wüssten die Familien alles über sie und seien bestens vorbereitet. Gleichzeitig zeigt er sich überzeugt, dass nicht-türkische „kacakci“ lokale Unterstützung erhalten würden, um die türkischen Behörden erfolgreich zu bestechen. Ohne Zweifel seien hier korrupte Beamte mit im Spiel.

Kabul – Athen: für 5000 bis 8500 Euro

Und wie werden die Menschen am Ende in die EU geschafft? Nach Angaben von Triandafyllidou sei die Reise der Migranten in mehrere Etappen unterteilt. „kacakci“-Zellen würden die Leute von einer Station zur nächsten durchreichen. Dafür würden sie unter anderem Einweg-Handys benutzen. An jeder neuen Station hätten die Migranten bar zu bezahlen. Nicht selten muss ein Teil im Voraus beglichen werden, meist 50:50. So hätten Schmuggler aus Zeytinburnu etwa im vergangenen November 1500 Euro dafür verlangt, einen Afghanen nach Griechenland zu bringen. Vertrauen, so die Fachfrau, spiele hierbei eine entscheidende Rolle. Zuvor würden die Leute über den Iran in die Türkei geschafft. Nach einigen Tagen in Istanbul ginge es dann weiter nach Izmir, wo man auf ein Boot umsteige. Die ganze Reise von Kabul bis Athen käme am Ende insgesamt auf gut und gerne 5000 bis 8500 Euro. Je nach Qualität und der Hindernisse, die sich während der Reise ergäben.

Das Research Institute for European and American Studies in Athen, so schließt der Autor, schätzt, dass derzeit einer von vier illegalen Migranten Verbindungen zu einem Schmuggler-Netzwerk in der Türkei habe. Frontex, die EU-Grenzschutzagentur in Warschau, habe zudem angegeben, dass im dritten Quartal 2011 rund 18,000 Menschen beim illegalen Grenzübertritt erfasst wurden, von denen fast 50 Prozent afghanische Staatsangehörige waren. Sollten also die geschätzten Preise stimmen, dann bedeute das, dass das afghanische Schmuggler-Netzwerk in Istanbul allein in diesen drei Monaten gut 3.5 Millionen Euro eingenommen hätte. Bestrebungen, wie etwa die Errichtung eines Grenzzauns, würden das Geschäft also nur noch mehr anheizen. Denn mit zunehmender Schwierigkeit, stiegen auch die Preise (im Dezember wurde ein zehn Kilometer langer Grenzwall fertiggestellt – mehr hier).

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