Die Zensur schlägt wieder zu: Türkei will zwei echte Literaturklassiker verbieten

Im Zuge der wirren 60er und 70er Jahre wurden in der Türkei eine Reihe von Büchern verboten. Ihren Höhepunkt erreichte der Schlag gegen die Meinungs-und Pressefreiheit nach dem Putsch von 1980. Die AKP Regierung hebt nun all jene Verbote auf und läuft Gefahr neue Verbote einzuführen.

Erneute Bücherverbote wären fatal für das Ansehen der Türkei. (Foto: shutterhacks/flickr)

Erneute Bücherverbote wären fatal für das Ansehen der Türkei. (Foto: shutterhacks/flickr)

Kaum wurden Bücherverbote für rund 453 Bücher und 645 Zeitschriften aufgehoben, schon rufen Stimmen in der Türkei danach, zwei weitere Bücher in die Analen der Verbannung zu schicken oder zumindest Textstellen streichen zu lassen. Die Rede ist von John Steinbecks Roman  „Von Mäusen und Menschen“ (erschienen 1937) und Jose Mauro de Vasconcelos  „Mein kleiner Orangenbaum“ (erschienen 2010) (seit 1834 wurden um die 20.000 Bücher verboten – mehr hier).

Schulkommission und Eltern reichen Beschwerde ein

Eine Schulkommission aus Izmir möchte einige Passagen von Steinbecks Roman streichen lassen. Die Begründung hierfür findet die Kommission in angeblich vulgären Stellen. Ein Antrag an das Bildungsministerium wurde gestellt. Auch gegen de Vasconcelos Werk wurde schon ein Antrag gestellt. Hier berichtet die Hurriyet, dass ein Elternteil eines Kindes empört zum Bildungsministerium gelaufen sei, woraufhin ein Disziplinarverfahren gegen den Lehrer, der das Werk im Unterricht genutzt hatte, eröffnet wurde. Die Anklageschrift beinhalte den Vorwurf, dass das Buch Obszönitäten und einen Straßen-Jargon beinhalte. Ferner verstoße das Buch im Allgemeinen gegen türkische Moralvorstellungen und Werte. Die Ironie der Geschichte sei, dass beide Werke in der vom Bildungsministerium selbst erstellten Listen der wichtigsten Bücher und Texte stehen.

„Von Mäusen und Menschen “ auch in den USA umstritten

Der Roman John Steinbecks gehört der American Library Association zu Folge zu den angfechtbarsten und untersagtesten Werken des 21. Jahrhunderts. Seit seiner Erscheinung im Jahre 1937, wurde es insgesamt 54 mal gerichtlich angefechtet und ist an mehreren US-Schulen und Bibliotheken verboten worden, weil es die Sterbehilfe preise, rassistische Verunglimpfungen stillschweigend hinnehme und anti-kapitalistisch sei. Doch die Einwände der türkischen Eltern und der Schulkommission aus Izmir sind rein sexueller Natur.

Als das umstrittenste Buch des 21. Jahrhunderts wird übrigens Harry Potter angesehen. Hier erfolgten Verbote in England und den USA durch einige Schulen. Ein umfassendes Verbot konnte durch protestierende Eltern nicht durchgesetzt werden. Es bleibt abzuwarten, ob das türkische Bildungsministerium dem Beispiel einiger Schulen und Eltern aus den USA folgen wird. Jedenfalls wäre eine derartige Zensur mehr als bedauerlich für die Meinungs-und Pressefreiheit. Bedauerlich auch deshalb, weil derzeit 50 Journalisten in türkischen Gefängnissen sitzen und die Türkei sich im Ranking für Pressefreiheit von 178 Plätzen auf Platz 148 befindet (die letzten Plätze der zehnten jährlichen Liste zur Pressefreiheit belegten Eritrea, Nordkorea und Turkmenistan. Spitzenreiter sind Finnland, Norwegen und Estland – mehr hier).

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