PKK-Mord in Paris: Terrorismusexperten mahnen Friedensgespräch-Teilnehmer zur Zurückhaltung

Das Timing, mit dem in der Nacht zum vergangenen Donnerstag drei kurdische Aktivistinnen in Paris ermordet wurden, ist für nicht wenige Beobachter signifikant. Nach Ansicht von Terrorismusexperten stünde es definitiv im Zusammenhang mit den gerade begonnenen Friedensgesprächen zwischen der türkischen Regierung und der PKK. Nun gelte es, von Seiten beider Parteien, Zurückhaltung zu üben, um den Friedensprozess nicht zu gefährden.

Die Leichen von Sakine Cansız, eine der Mitbegründerinnen der PKK im Jahr 1978, Fidan Doğan, Verteterin der Konferenz nationaler Kultureinrichtungen (KNK) in Paris und Leyla Söylemez wurden in der Nacht auf vergangenen Donnerstag tot in den Büroräumen in der Nähe der Gare du Nord Station im zehnten Bezirk der französischen Hauptstadt aufgefunden (die Frauen waren zum Tatzeitpunkt allein im Büro – mehr hier). Die Tatsache, dass die Morde zu einem Zeitpunkt stattfanden, zu dem die Türkei mit der Terrororganisation PKK Gespräche aufgenommen hat, um endlich die langjährige Kurdenfrage zu lösen, wirft nun auch in den türkischen Medien die Frage auf, ob die Morde an den kurdischen Frauen nicht vielleicht ein Versuch sind, den gerade begonnenen Friedensprozess zu sabotieren.

Wer ist der Täter? Ermittlungen müssen abgewartet werden

Nur einen Tag nach der Tat hat die türkische Zeitung Zaman Terrorismusexperten um ihre Einschätzung der Lage gebeten. Zu Wort kommt etwa  Professor Sedat Laçiner. Seiner Ansicht nach spiele es gar keine Rolle, von wem oder aus welchem Grund die Morde stattfanden, allein der Zeitpunkt sei von entscheidender Bedeutung. „Diese Morde sind wie eine Antwort auf den Schritt der Regierung, die Kurdenfrage zu lösen“, so der Fachmann zum Blatt. Laçiner rät dringend, dass kurdische Politiker, die türkische Regierung und die PKK ihre Friedensbemühungen unbedingt aufrecht erhalten sollten. Denn genau solche Attentante seien während des Verhandlungsprozesses höchst wahrscheinlich. Zum jetzigen Ermittlungsstand, so der Fachmann, gäbe es allerdings noch nicht genügend Beweise, um über mögliche Drahtzieher der Morde zu spekulieren. Er geht jedoch davon aus, dass es sich in Paris entweder um einen internen PKK-Konflikt oder um die „Arbeit“ eines internationalen Machtzirkels gehandelt habe (die türkische Regierung baut bei ihrem Dialog ganz auf Öcalan – mehr hier).

Gibt es einen internen Konflikt innerhalb der PKK?

Ebenfalls befragt wurde Professor Mehmet Özcan. Er glaubt derzeit nicht, dass die Morde im Kurdischen Informationsbüro in Paris die aktuellen Friedensgespräche aus dem Tritt bringen könnten, dass sie einen gewissen Einfluss auf den Friedensprozess haben werden, hingegen schon. Mit Aussagen bezüglich eines möglichen Architekten des Mordes an den drei Frauen, gibt er sich allerdings etwas offener als sein Kollege und verweist auf Spannungen zwischen Bahoz Erdal, einem führenden PKK-Mitglied und Cansız. „Ich kenne Cansız‘ Haltung zu den Friedensgesprächen nicht, aber wir wissen, dass Bahoz Erdal ein Befürworter von Gewalt ist. Der Mord könnte also auf Grund einer Uneinigkeit über die Unterstützung des Friedensprozesses geschehen sein.“ Nach Angaben von Özcan sei es möglich, die Terrororganisation in drei Gruppen einzuteilen: die ideologische PKK, die PKK, die ihre Einnahmen durch illegale Aktivitäten verdient und die PKK, die von ausländischen Geheimdiensten gesteuert wird. Vor allem die beiden Letztgenannten würden die derzeitigen Friedensverhandlungen nicht unterstützten. Denn ein möglicher Frieden wäre konträr zu ihren eigenen Interessen.

Sabotageakt: Friedensgespräche nicht nachhaltig gefährdet

Spekulationen kurdischer Gruppen, der Mord an den drei Frauen, sei vom „tiefen Staat“ ausgegangen, hält Professor Özcan für relativ unwahrscheinlich, da alle staatlichen Institutionen in der Türkei diese Friedensgespräche unterstützen würden. Der türkische Geheimdienst sei noch nicht einmal gegen die Top-PKK-Kräfte vorgegangen. Dass der „tiefe Staat“ ausgerechnet die drei Frauen töte, halte er daher für nahezu ausgeschlossen. In der Vergangenheit wurden in der Türkei viele Kurden durch illegale Organisationen innerhalb des Staates oder des Militärs getötet, informiert hierzu die Zaman. Doch das Land habe bedeutende Schritte in den letzten Jahren unternommen, die illegale Gruppen aus Staat und Militär zu beseitigen.

Der dritte Terrorismusexperte im Bunde ist Ali Nihat Özcan. Auch er vermutet hinter den Mordfällen einen Konflikt innerhalb der Terrororganisation. Es sei ein Versuch, die Aufmerksamkeit der Nation von den Friedensgesprächen abzulenken. Seiner Ansicht nach würde die Tat die Friedensgespräche zwar kurz durchschütteln. An ein Scheitern glaubt allerdings auch er nicht. Professor Mahmut Akpınar, der ebenfalls von der Zaman befragt wurde, sieht in den Vorfällen der vorletzten Nacht und der Art, wie sie ausgeführt wurden, ebenfalls einen Sabotageakt. Der Dozent an der Universität von Turgut Özal erinnerte in diesem Zusammenhang an ähnliche Vorfälle im Jahr 1993. Schon damals habe es Friedensgespräche gegeben, die dann ins Gegenteil umschlugen. Bei einem PKK-Angriff in Bingöl kamen damals 33 Soldaten ums Leben. Diese brachten die Friedensgespräche zum Erliegen und ließen die türkische Regierung fortan einen härteren Kurs einschlagen.

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