Türkei: Erste Schritte in Richtung mehr sozialer Sicherheit?

Von einem sozialen Netz wie in Deutschland können so gut wie alle Staaten der Welt nur träumen. Hierfür fehlt es den meisten Nationen nicht nur an Verständnis, sondern vor allem an Geld. In der Türkei scheint sich das Blatt nun langsam zu wenden. Die Wirtschaft boomt und so dreht das Land nun auch in Sachen Gesundheit an den Rädchen in Richtung mehr Sozialstaat.

Die Türkei hat damit begonnen, für mehr soziale Sicherheit ihrer Bürgerinnen und Bürger zu sorgen. Von den jüngsten Reformen, so berichtet derzeit die türkische Zeitung Sabah, würden nun gut 4,5 Millionen Menschen profitieren.

Zugang zu medizinischer Versorgung und Umschuldung

Unter anderem würden rund 500.000 türkische Abiturienten, die noch im Jahr ihres Schulabschlusses mit einem Studium begännen, 120 Tage lang Zugang zu medizinischer Versorgung bekommen. Daneben würde Nachsicht für jene gelten, die sich bisher über fremde Versicherungen bedient hätten. So wären etwa selbstständige Bağ-Kur-Mitglieder, die bei früheren Arztbesuchen die Krankenversicherung eines nahen Verwandten vorgaben, nun nicht mehr zur nachträglichen Zahlung verpflichtet (auch Ausländer brauchen seit einiger Zeit eine Pflichtversicherung – mehr hier). Darüber hinaus könnten 600 000 Handwerker von einer Umschuldung ihrer Prämien profitieren. Hintergrund ist ein erst Ende der vergangenen Woche von der parlamentarischen Vollversammlung verabschiedetes neues Gesetz für soziale Sicherheit und allgemeine Krankenversicherung.

Vorgesehen, so berichtet das Blatt weiter, sei unter anderem auch ein Anspruch auf ein privates Krankenhaus für Opfer von Terroristen. So würden diejenigen, die beim Versuch, die öffentliche Sicherheit und Ordnung im Kampf gegen den Terrorismus wieder herzustellen versehrt wurden, als auch ihre Frauen, ohne Überweisung und ohne weitere Kosten Zugang zu privaten Krankenhäusern erhalten (Türken bevorzugen in der Regel eine Behandlung in privaten Krankenhäusern – mehr hier).

Jeder dritte Türke gilt als arm

Noch immer gilt statistisch betrachtet jeder dritte türkische Bürger als arm. Wie Zahlen zum Durchschnittsverdienst des Statistikinstituts der Türkei (TÜKİK) von Ende 2011 aufzeigen, leben 34,9 Prozent der Türken knapp an der Armutsgrenze oder sogar darunter. Einem wohlhabenden Haushalt steht demnach acht Mal mehr Geld zu Verfügung als einem armen. Nach Angaben des TÜKİK läge der durchschnittliche Pro-Kopf-Verdienst eines Haushalts in der Türkei bei 22.630 Lira, also knapp 9.000 Euro pro Jahr. Zum Vergleich: In Deutschland sind es nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben etwa 32.000 Euro im Jahr. Das Statistikinstitut teilte zudem mit, dass 43,7 Prozent des Durchschnittseinkommens das Gehalt ausmacht, 20,5 Prozent sind Sozialleistungen und 20.2 Prozent aus selbstständigen Einnahmen.

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