Minderheiten in der Türkei: Menschen fühlen sich noch immer bedroht

Obschon systematische Drohungen und Angriffe gegen Minderheiten in der Türkei mittlerweile in geringerem Ausmaß stattfinden als noch vor einigen Jahren, fühlen sich diese Menschen noch immer bedroht. Das wurde auf einen zweitägigen Symposium, das von Freunden des verstorbenen Journalisten Hrant Dink organisiert wurde, deutlich. Mitschuld daran trage auch der türkische Staat.

Hayko Bağdat, Mitglied der armenischen Gemeinde und Moderator einer TV-Show, stellte am vergangenen Wochenende auf einem Symposium mit dem Titel „Hrant Dink Operasyonu 6. yil“ heraus, dass es vor dem Tod des Journalisten und eines der Herausgeber der in Istanbul erscheinenden zweisprachigen Wochenzeitung Agos, Hrant Dink, im Jahr 2007, systematische Drohungen und Angriffe gegen Minderheiten gegeben habe. Auch jetzt gäbe es ähnliche Angriffe, wenn auch auf einem niedrigeren Niveau. Das berichtet die türkische Zeitung Zaman.

Bağdat, so heißt es weiter, gab in der Folge einige Beispiele, die in der armenischen Gemeinde in der Türkei jüngst für Angst gesorgt hätten: so seien eine ältere armenische Frau in Samatya und ein Lehrer, der noch nicht einmal Armenier gewesen sei, sondern an einer armenischen Schule unterrichtete, getötet worden. „Sind das Einzelfälle?“, fragte Bağdat in die Runde. „Vielleicht in großen Städten, in denen jeden Tag Morde geschehen. Aber wenn wir Zweifel haben, bedeutet dies, dass sie es ernst meinen.“ Zur Sprache brachte er in diesem Zusammenhang auch den Mord an Sevag Balıkçı, ein junger Mann armenischer Abstammung, der während des Dienstes bei den türkischen Streitkräften (TSK) ums Leben kam. Ursprünglich war man davon ausgegangen, dass es sich hierbei um einen Unfall gehandelt habe. Doch mittlerweile glaubt man auf Grund von Zeugenaussagen, so Bağdat weiter, dass der junge Mann einem Hassverbrechen auf Grund seines ethnischen Hintergrundes zum Opfer gefallen sei. Balıkçı wurde am 24. April 2011 erschossen, der Tag, an dem die Armenier den Ereignissen von 1915 gedenken.

Cage Operation Action Plan gescheitert – TUSHAD weiter aktiv

Während seines Vortrags kam Bağdat auch auf den so genannten Cage Operation Action Plan („Kafes Operasyonu Eylem Plani”, dt. „Aktionsplan Käfig”), ein mutmaßliches Komplott von Teilen des türkischen Militärs, zu sprechen. Darin sollen auch die Morde an Dink, an dem katholischen Priester Andrea Santoro sowie drei Christen in Malatya als „Operationen” bezeichnet worden sein. Die Initiatoren sollen versucht haben, die Türkei mit diesen Taten ins Chaos zu stürzen. Der Plan scheiterte jedoch und es kam stattdessen zu Massendemonstrationen.

Allerdings, so Orhan Kemal Cengiz, Anwalt und weiterer Redner während der Veranstaltung, würden von all diesen Fällen nur bruchstückhafte Informationen an die Öffentlichkeit gelangen. Es sei schwer, sie zusammenzufügen und das ganze Bild sehen. Auch er selbst habe in Zusammenhang mit dem Mord an den drei christlichen Publizisten leidvolle Erfahrungen gemacht. Plötzlich galt er als Verdächtiger und wurde ins Gefängnis gesteckt. Das Ganze, so der Jurist, hätte eine abschreckende Wirkung auf die anderen Anwälte des Falles gehabt. Noch einmal wies er darauf hin, dass ein Verdächtiger im Zusammenhang mit dem Massaker im Verlagshaus von Zirve vor Gericht in Malatya ausgesagt hätte, dass die „Abteilung für Nationale Strategien und Operationen der Türkei“ (TUSHAD), wie sich der bewaffnete Arm des kriminellen Netzwerks „Ergenekon“ nannte, immer noch aktiv wäre und Komplotte gegen Nichtmuslime schmieden würde. Die klandestine Organisation innerhalb der Türkischen Streitkräfte (TSK), würde dessen Angaben zufolge auch hinter den Übergriffen auf nichtmuslimische Minderheiten und Christen stecken (der Zentralrat der Armenier in Deutschland (ZAD) fürchtet eine zunehmende Islamisierung in der Türkei – mehr hier).

Der Journalist İsmail Saymaz, Autor des Buches „Nefret/Malatya: Bir Milli Mutabakat Cinayeti“ appellierte im Rahmen der Veranstaltung, dass die Leute dem „tiefen Staat“ nicht für alles die Schuld geben sollten. Denn da gäbe es auch noch die regierende AKP, die nicht genügend politischen Willen bei den Untersuchungen dieser Morde an den Tag legen würde. Auch sie sei also ein Teil des großen Gesamtbildes (Präsident Abdullah Gül ordnete kürzlich die Untersuchung des Massakers von Sivas an – mehr hier).

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