Gleiche Rechte auch im Tod: Nicht-Muslime fordern Ende der Diskriminierung bei der Bestattung

Mitglieder nicht-muslimischer Minderheiten in der Türkei wollen eine Gleichstellung mit der türkischen Mehrheitsbevölkerung auf dem Friedhof erreichen. Die hiesigen Gemeinden sollen wie bei muslimischem Begräbnissen nun auch hier ihren Beitrag leisten.

Bisher, so informiert die türkische Journalistin Vercihan Ziflioğlu, ist es ganz einfach: Die türkischen Gemeinden bieten nicht-muslimischen Bürgern im Todesfall keine kostenlosen Dienstleistungen wie etwa die Bereitstellung eines Leichenwagens an. Auch das Grab selbst sei für Muslime in Liegenschaften der Gemeinden relativ günstig zu erwerben. Anders jedoch für Mitglieder der nicht-muslimischen Minderheiten. Sie könne die letzte Ruhestätte durchaus ein Vermögen kosten.

Dabei sind sich die Behörden dieses Ungleichgewichts durchaus bewusst, wie Ziflioğlu weiter aufzeigt. So erklärten etwa Mitarbeiter der Istanbuler Stadtverwaltung, Abteilung Friedhofsdirektion, der türkischen Tageszeitung Hürriyet, dass sie wüssten, dass die Kosten für Gräber und Bestattung für Nicht-Muslime sehr hoch seien. Einschreiten wolle man jedoch nicht: „Nicht-Muslime können es sich leisten, eine Beerdigungszeremonie in Einklang mit ihrer Religion und Tradition zu organisieren. Wir greifen hier nicht ein, weil wir nichts über ihre Traditionen und Rituale wissen. Nur, wenn sie vor Zeugen zum Islam konvertieren, dann können wir für ihre Beerdigung aufkommen“, so die lapidare Antwort.

Amt für Religiöse Angelegenheiten soll Mittel bereitstellen

Ganz anders, berichtet sie weiter, sieht das jedoch Andon Parisyanos, Vertreter der griechischen Stiftungen in der Türkei. Seiner Ansicht nach müsse das Amt für Religiöse Angelegenheiten im Zuge der Gleichbehandlung auch für nicht-muslimische Bürger derartige Mittel bereitstellen. Und eigentlich gehe es ja noch viel weiter: „Vergessen Sie die Beerdigungen, wir bezahlen sogar die Stromrechnungen für die Kirchen von unseren eigenen Mitteln.“ Anders sei das im Fall der Moscheen, hier springe das Amt für Religiöse Angelegenheiten ein (ein muslimischer Kaplan forderte Anfang 2012 die Zerstörung aller Kirchen – mehr hier). Außerdem müssten seiner Meinung nach auch die Bestattungsunternehmen überwacht werden. Auch hier müsste Hilfe angeboten werden. Eine Beschneidung der eigenen Traditionen solle dabei allerdings nicht stattfinden.

Wie unerfahren man zudem im Umgang mit Verstorbenen anderer Glaubensrichtungen in der Türkei tatsächlich ist, schildert Parisyanos an einem persönlichen Fall: „In der letzten Woche verstarb ein Bekannter von mir im Istanbuler Medipol Krankenhaus. Die Angestellten dort erklärten mir, dass sie es zum ersten Mal mit einem verstorbenen Christen zu tun hätten und nicht wüssten, wie sie nun zu tun hätten.“

Bestatter bedienen sich an trauernden Kunden

Einen ähnlich gelagerten Vorschlag, wie Gleichbehandlung künftig erreicht werden könnte, macht auch Garo Paylan, ein Vertreter der armenischen Gemeinde der Türkei (er kritisierte bereits in der Vergangenheit, dass die Haltung des türkischen Staates gegenüber Nicht-Muslimen seit Jahrhunderten gleich wäre – mehr hier). Das Amt für Religiöse Angelegenheiten könnte seiner Ansicht nach Mittel bereitstellen, die den Eigentümern der Bestattungsunternehmen dann über das Patriarchat vermittelt würden.

Um welche Kosten es sich handelt, darüber gibt unterdessen Yeznik Bahçevanoğlu, Inhaber einer Gesellschaft, die sich um Beerdigungen von Nicht-Muslimen kümmert, Aufschluss. Diese lägen zwischen 2000 und 8000 Lira. Bestimmt würden diese jedoch in erster Linie durch die Preise der Parzellen. So gäbe es einen Standardpreis des Patriarchats. Särge und weiteres Zubehör trieben die Kosten jedoch in die Höhe. Auch er ist der Ansicht, dass ein Zuschuss durch das Amt für Religiöse Angelegenheite diese Kosten erheblich senken könnte. Gleichzeitig räumte er jedoch ein, dass einige aus seiner Zunft ihre Kunden durchaus aussnutzen würden.

Weitere Hinweise zu christlichen Beerdigungen in der Türkei finden sich hier.

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