Die Türkei in der SOZ: Reicht Putin Erdoğan die Hand?

Die jüngste Ankündigung des türkischen Premiers Recep Tayyip Erdoğan, dass die Türkei offenbar ernsthaft über einen Beitritt in der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) nachdenke, spaltet die Gemüter. Während türkische Analysten eher irritiert sind, würde Russland die Türkei wahrscheinlich mit offenen Armen empfangen. Wenn es da nicht den ein oder anderen Haken gebe.

Mit großer Verwunderung wurde vor wenigen Tagen die Äußerung Erdoğans aufgenommen, dass man sich nach Alternativen zur EU umsehe und ernsthaft über einen Beitritt in die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) nachdenke (mehr hier). Während türkische Analysten eher an Bluff dachten, um die EU unter Druck zu setzen, sehen russische Fachleute das offenbar ganz anders.

Bereits seit dem 7. Juni 2012 ist die Türkei offiziell Dialogpartner der SOZ. Eine Mitgliedschaft der Türkei in der Sechs-Nationen-Organisation sei russischen Analysten zufolge wahrscheinlich. Das berichtet die türkische Zeitung Zaman. Von der russischen Regierung gibt es zu diesem Thema bisher allerdings noch keine offizielle Erklärung.

SOZ bereits seit Sommer 2012 im Gespräch

In der vergangenen Woche hatte der türkische Premier mit seinen SOZ-Gedanken eine breite Debatte darüber ausgelöst, ob die Türkei nach zermürbenden und letztlich eingefrorenen EU-Beitrittsverhandlungen ihren Fokus tatsächlich vom Westen gen Osten verlagern könnte. Thema ist die Organisation bereits seit vergangenen Sommer (mehr hier). Damals machte Erdoğan eine überraschende Ansage im türkischen TV. Er erklärte, dass er den russischen Präsidenten Wladimir Putin im Scherz gefragt habe, ob man die Türkei nicht aufnehmen könne. Schon hier beschwerte er sich, dass einige Länder der Europäischen Union eine negative Haltung gegenüber der Türkei hätten. Bereits zuvor soll Putin mit türkischen Beamten gescherzt habe, dass die EU nicht der richtige Platz für die Türkei wäre. „Warum erlauben Sie dann nicht, dass die Türkei den Shanghai Five beitritt? Dann wären wir gerüstet, um der EU Leb wohl zu sagen“, so Erdoğan scherzhaft in Richtung des russischen Kollegen.

Noch vor fünf Jahren, so fasst die türkische Zeitung zusammen, hätten russische Analysten eine solche Annäherung für nicht möglich gehalten. Damals habe man sich ja noch nicht einmal die Aufhebung der Visumspflicht vorstellen können. Und nun? Jetzt denke Erdoğan ernsthaft über einen Beitritt in die SOZ nach. Einer Organisation, die in naher Zukunft an Stärke gewinnen werde.

Mögliche Einwände könnten ihrer Ansicht nach hingegen aus China kommen. Hintergrund sei hier die Haltung Ankaras zum Thema Uiguren. Mit Hilfe Russlands könnte ein solcher Einwand jedoch überwunden werden.

SOZ ist vielfältiger als die homogene EU

Nach Ansicht von Aslanbek Mozloyev, Analyst bei der Diplomatischen Akademie des russischen Außenministeriums, propagiere die EU eine homogene Kultur. Das sei auch der Grund, warum der 27-Staaten-Block die Türkei hinhalte. Ganz anders sei da die SOZ, die sich durch die kulturelle Vielfalt ihrer Mitglieder auszeichne. „Die kulturelle Vielfalt unter den SOZ-Mitgliedsstaaten ist offensichtlich. Chinesische, slawische und türkische Kulturen sind alle in der SOZ vertreten. Auch Indien und Pakistan – obwohl sie keine Mitglieder sind – sind auch in die Organisation involviert. Ein Beitritt der Türkei in die SOZ mag schwierig sein. Aber er ist möglich“, so Mozloyev. Wahrscheinlich, da ist er sich sicher, werde Russland zu einer solchen Anfrage nicht Nein sagen.

Mozloyev, so schreibt das Blatt weiter, sei davon überzeugt, dass ein Beitritt zu einer solchen internationalen Organisation – trotz der herrschenden Krisen – nach wie vor unabdingbar sei. „Allein zu überleben ist unmöglich. Bisher ist die SOZ noch keine Alternative zur EU. Doch in der Tat wird der Erfolg der SOZ in Zukunft größer sein als der der EU. Erdoğan sieht sich nach einem weiteren Horizont um, als die EU ihm anbieten kann. “ Für die EU, so fährt er fort, sei die Türkei nach wie vor eine Art Außerirdischer.  Die jetzige Ankündigung bezüglich eines möglichen SOZ-Beitritts und die Erklärung der Bereitschaft auf höchster Ebene sei hingegen eine sehr positive Entwicklung für Russland. Er sieht die türkisch-russischen Beziehungen sich in Richtung einer strategischen Partnerschaft bewegen.

Schließlich, so Mozloyev, hätte auch die SOZ etwas von einem Beitritt der Türkei. Würde die Organisation durch ihr neues Mitglied wesentlich an Einfluss gewinnen und das regionale Gleichgewicht klar verschieben.

SOZ-Mitgliedschaft: Türkei müsste USA und NATO aufgeben

Doch es gebe auch Stimmen, so schließt die Zaman, die das Ganze nicht ganz so euphorisch betrachten und einen Beitritt der Türkei in die SOZ für eher unwahrscheinlich halten. Immerhin sei die Türkei NATO-Mitglied und Verbündeter der USA. Dies gibt etwa Sergey Markov zu bedenken. Der ehemalige russische Parlamentarier weißt darauf hin, dass es in der Tat einige Fakten gebe, die nicht vergessen werden dürften. Ein entscheidender Punkt sei demnach, dass es kein Land gebe, das vollwertiges Mitglied der SOZ und gleichzeitig Verbündeter der Vereinigten Staaten sei.  „Die SOZ ist keine pro-amerikanische Organisation. Sie verfolgt nicht unbedingt eine Politik, die im Einklang mit den US-Prioritäten ist. Die Türkei auf der anderen Seite ist ein NATO-Mitglied und US-Verbündeter. Die Türkei müsste die NATO und die USA aufgeben, um SOZ-Mitglied zu werden. Doch dafür ist die Türkei noch nicht bereit.“

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