„Unüberbrückbare Differenzen“: Immer mehr Türken lassen sich scheiden

Das wird der türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan gar nicht gerne hören: Während er sich unnachgiebig für mehr Kinder ausspricht, entwickeln sich seine Landsleute konsequent in die ganz andere Richtung. Derzeit geht nicht nur die Zahl der Eheschließungen zurück, gleichzeitig sind auch Scheidungen unter türkischen Ehepaaren auf dem Vormarsch.

Nach Angaben der türkischen Statistik-Institut (TurkStat) kam es im Jahr 2011 in der Türkei zu insgesamt 120,117 Scheidungen. Zum Vergleich: 2001 waren es nur 91,994 Fälle. Das berichtet die türkische Zeitung Zaman. Obschon man die Zunahme der Bevölkerung hier nicht außer Acht lassen dürfe, so das Blatt weiter, sei es offensichtlich, dass die Türken sich die Entscheidung für eine Scheidung leichter und häufiger als früher machten.

Doch warum lassen sich türkische Ehepaare mittlerweile öfter scheiden als früher? Der mit Abstand am häufigsten angegebene Grund sei nach Angaben der Zeitung die so genannten „Unüberbrückbaren Differenzen“. An zweiter und dritter Stelle würden Ehebruch und vorsätzliches Verlassen stehen.

Falsche Erwartungen, Ehebruch und Gewalt

Nach Ansicht von Ehetherapeut Erhan Özden könnten die angegebenen Gründe als eine Art „Black Box“ verstanden werden, die die wahren Probleme in der Ehe verberge. Dahinter verstecke sich „ein Mangel an Liebe und Akzeptanz als Individuum“. Etwas, was seiner Ansicht nach schon die Eltern versäumten zu pflegen. Mit einer Heirat hoffe man in eine Person zu investieren, die einen so akzeptiert, wie man sei. Gleichzeitig wäre man selbst dazu aber nicht imstande und so werde die Ehe als Ganzes zu einer echten Enttäuschung.

Der auf Scheidungen spezialisierte Jurist Cengiz Hortoğlu beobachtet unterdessen, dass die türkischen Paare häufiger generische Gründe für eine Scheidung heranziehen. Etwa, um ihre Kinder zu schützen oder sozialem Druck zu entgehen. Ehebruch oder Gewalt, das solle möglichst nirgends auftauchen, deshalb würde als Grund nicht selten schlicht „unüberbrückbare Differenzen“ angegeben. Auf der anderen Seite stelle er fest, dass gerade Ehebruch immer häufiger werde und auch Gewalt ein immer wichtigerer Grund für eine Trennung sei (mehr hier). „Da Frauen zusehends wirtschaftlich unabhängiger werden, schweigen sie auch nicht länger, wenn sie häuslicher Gewalt ausgesetzt sind“, so Hortoğlu. In gut 70 Prozent der Fälle könne die Scheidung über einen Dialog gelöst werden. Anders sähe das jedoch bei Ehebruch, übermäßiger Einbeziehung der Familien der Ehepartner und Gewalt aus. Doch dem Juristen kommen nicht nur drastische Fälle unter. Häufig sei auch Kommunkation das eigentliche Problem. Im Laufe der Zeit würden sich die Paare immer weniger umeinander kümmern, sich vernachlässigen und verstärkt die Fehler des anderen wahrnehmen. Genau deshalb habe das türkische Familienministerium auch mit entsprechenden Kursen für Eheleute begonnen (mehr hier).

Die Ehe steckt weltweit in der Krise

Nach Ansicht des Therapeuten Özden stecke die Ehe jedoch nicht nur in der Türkei, sondern auch international betrachtet, in der Krise. Obschon es auch in früheren Generationen unglückliche Beziehungen gab, endeten diese nicht zwangsläufig mit einer Scheidung. Heute sehe das ganz anders aus: Schnelllebigkeit liege vor inneren Werten.

Auch die „Betroffenen-Seite“ lässt das Blatt zu Wort kommen. Befragt wurde eine junge Frau aus Istanbul Anfang 30, die genau das jetzt erlebt. Für das Scheitern ihrer Ehe macht sie vor allem ihre zu schnelle Heirat verantwortlich. In den wenigen Verabredungen, die es davor gegeben habe, hätte man sich kaum kennen lernen können. Heute stelle sie fest, dass sie eigentlich nur wenig gemeinsam hätten und ihr Mann vorgegeben habe etwas zu sein, was er gar nicht wäre. Schon kurz nach der Hochzeit hätten sie sich nichts mehr zu sagen gehabt. Zudem habe sie einem 40-Jährigen das Ja-Wort gegeben, der keinerlei Interesse an sozialen Kontakten habe. Leichter mache ihr die Entscheidung aber auch ihre finanzielle Unabhängigkeit. Sie ist Inhaberin eines Ladens. Zudem hätte sie die Unterstützung ihrer Familie.

„Angesichts der rasanten Veränderungen in der türkischen Gesellschaft“, konstatiert am Ende auch die Zeitung „und die Individualisierung von Männern und Frauen, wird der Anstieg der Scheidungsraten auch weiterhin ein Problem darstellen. Die Menschen sind weniger tolerant zueinander und sie entfernen sich voneinander in Ermangelung echter Kommunikation und gegenseitiger Sorge.“

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