Türkentaufen: Integration und Assimilation der „Beutetürken“

Die Geschichte der Deutsch-Türken ist älter, als manche glauben wollen. Schon in den vergangenen Jahrhunderten im Zuge der Türkenkriege zwischen dem osmanischen Reich und den europäischen Mächten, gab es türkische Einwanderer. Doch dabei handelte es sich um sogenannte „Beutetürken“, die als Gefangene nach Deutschland verschleppt wurden.

Prof. Dr. Götz Aly ist Nachfahre des königlich-preußischen Kammertürken Christian Friedrich Aly (Screenshot via Youtube).

Prof. Dr. Götz Aly ist Nachfahre des königlich-preußischen Kammertürken Christian Friedrich Aly (Screenshot via Youtube).

Im Verlauf der „Türkenkriege“ wurden türkische Gefangene als Kriegsbeute nach Deutschland gebracht. Unter ihnen befanden sich nicht nur Soldaten, sondern auch Frauen. Jene Kriegsgefangenen nannte man „Beutetürken“ und sie waren, aufgrund ihrer verschiedenen Talente sehr wertvoll. Denn: Unter ihnen befanden sich neben Soldaten auch talentierte Handwerker, Köche, Mägde, Militärstrategen und weitere Berufsstände. Sie wurden alle nach vollzogener „Türkentaufe“ in die Gesellschaft des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation assimiliert. Danach bekleideten einige von ihnen auch religiöse Ämter. Die Gegenüberstellung von Assimilation und Integration scheint auch damals – wenn auch begrenzt – ein Thema gewesen zu sein (mehr – hier).

In politischen Briefwechseln aus dem Jahr 1777 kann man die hohe Meinung über den türkischen „Feind“ herauslesen.  Ralf Pröve dokumentierte die Briefe in seinem Buch „Übergänge schaffen: Ritual und Performanz in der frühneuzeitlichen Militärgesellschaft“. Dort heißt es: „Die Türken sind ein Volk, dass von seiner geistigen Seite alle möglichen Anlagen hat das menschlichste, aufgeklärteste und ehrwürdigste Volk der Welt zu werden“.

Die Lebensläufe der wertvollen „Beutetürken“ sind unterschiedlich, aber interessant verlaufen. Einem Dokument der Universität Würzburg zufolge, befand sich unter ihnen beispielsweise die Tochter eines Paschas, namens Fatma Kariman. Sie geriet 1686 in Gefangenschaft und wurde nach Deutschland verschleppt. Dort wurde sie mit dem Grafen Friedrich Magnus zu Castell-Remlingen verheiratet und wurde zur Gräfin Castell. Nach dem Tode ihres Ehemannes ging sie ins Kloster, wo sie mit 93 Jahren verstarb.

Eine weitere Person ist der Türke Mehmet Sadullah Pascha, der nach seiner Gefangennahme im Jahr 1683 und seiner folglichen Taufe, den Namen Johann Ernst Nikolaus Strauß annahm. Nikolaus Strauß gründete in Würzburg 1697 das erste Kaffeehaus Deutschlands. Davor war die Kaffeebohne  völlig unbekannt. Eine gebürtige Türkin war auch die Ehefrau des Pastors in Torgau. Sie hieß Sophia Wilhelmina Kayserin. Ein türkischer Soldat namens Osman wurde im 18. Jahrhundert von Belgrad nach Ansbach verschleppt und starb dort unter dem Namen Karl Osman. Sein Grab liegt bei Rügland in Mittelfranken. Sogar Goethes Mutter stammt von der Familie des Beutetürken Johann Soldan (ehemals Sadik Selim Sultan) ab (mehr hier).

Liste der Beutetürken ist lang und reicht bis in die heutige Zeit

Sehr interessant ist das Schicksal des türkischen Offiziersknaben Yusuf, der als Gefangener mit nach Bayreuth genommen wurde. Dort wurde er vom Edelmann von Borgk gekauft und auf den Namen Christian Joseph Borgk getauft. Der begabte Junge durfte studieren und wurde im Jahr 1717 zum Theologen ernannt. Er wurde Diakon in Emskirchen. Anschließend wurde er Pfarrer in Hagenbüchach und danach bis zu seinem Tod im Jahr 1735 Pfarrherr von Rüdisbronn. Die Liste der Beutetürken ist lang und reicht bis in die heutige Zeit. So sind beispielsweise die Vorfahren des deutschen Historikers, Götz Aly ebenfalls „Beutetürken“. Die türkische Dokumentation „türkische Spuren in Deutschland“ („Almanyada Türk izleri“), welche erstmals im Jahr 2009 beim TV-Sender TRT ausgestrahlt wurde, thematisiert die Schicksale der türkischen Zwangsimmigranten aus den vergangenen Jahrhunderten.

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