Jürgen Fliege: Deutsche Eltern wollen die gesellschaftliche Realität nicht anerkennen

Jürgen Fliege wehrt sich gegen böswillige Unterstellungen und redet Klartext. Er sagt: Deutsche Eltern missbrauchen kirchliche Kindergärten, weil sie nichts mit Deutsch-Türken zu tun haben wollen. Die Kirche muss ein deutliches Zeichen für die Integration und gegen Ausgrenzung setzen.

 Konfessionelle Kindergärten bieten Eltern die Möglichkeit, sich ihrer sozialen und integrativen Aufgabe zu entziehen. (Foto:  Howard County Library System/flickr)

Konfessionelle Kindergärten bieten Eltern die Möglichkeit, sich ihrer sozialen und integrativen Aufgabe zu entziehen. (Foto: Howard County Library System/flickr)

Der evangelische Theologe, Publizist und Talkshow-Moderator, Jürgen Fliege, hat im Gespräch mit den Deutsch Türkischen Nachrichten berichtet, dass seine Äußerungen über „türkenfreie“ Kindergärten eine Kritik an deutsche Eltern seien, die befürchtete Konflikte ihrer Kinder mit Deutsch-Türken aus dem Wege gehen wollen (mehr – hier).

Matthias Matussek habe bei Maischberger so getan, als ob immer mehr deutsche Familien christlicher werden und aus diesem Grund ihre Kinder in konfessionsgebundene Schulen schicken. Das stimme so nicht. Manche von ihnen wollen auch nur Kindern und Familien aus anderen Kulturen aus dem Weg gehen. Das sei der Beweggrund und er könne eine derartige Tendenz sehr genau erkennen.

„Diese konfessionellen Kindergärten bieten Eltern eben auch die Möglichkeit, sich ihrer sozialen und integrativen Aufgabe zu entziehen. Hier findet latent auch ein Missbrauch von kirchlichen Einrichtungen statt. Manche Eltern möchten schlichtweg nichts mit Fremden zu tun haben“, so Fliege. Dasselbe gelte für konfessionsgebundene Privatschulen. Auch dort steige die Nachfrage unter anderem eben auch, weil deutsche Eltern die gesellschaftliche Realität nicht anerkennen wollen. Mit einem gestiegenen Interesse an Religion habe dies nichts zu tun. Mühsame auch schmerzhafte Integrationsarbeit sollen ihrer Ansicht nach andere machen.

Christen, Juden und Muslime haben denselben Gott

Jürgen Fliege wünscht sich neue Brücken über den Bosporus. (Foto: "Redaktion Jürgen Fliege")

Jürgen Fliege wünscht sich neue Brücken über den Bosporus. (Foto: “Redaktion Jürgen Fliege”)

Ich möchte eine Gesellschaft, in der nicht in etwa die ethnische Herkunft eine Rolle spielt, sondern der verwundbare liebende Mensch im Vordergrund steht. Lassen sie mich Ihnen eines sagen: Christen, Juden und Muslime vertrauen in der Not doch auf ein und denselben Gott. Wir haben doch die geschwisterliche Aufgabe einen Dialog auf dieser Grundlage zu führen und wir müssen uns als Teile derselben Gesellschaft verstehen. Wir gehören zusammen“, so Fliege.

Das ginge aber nur, wenn jeder von seiner Religion überzeugt ist und gleichzeitig Nächstenliebe für andere Religionen empfinde. Hier bietet er den Deutsch Türkischen Nachrichten ein treffendes Beispiel. „Natürlich sagt jeder Mann, dass für ihn seine eigene Frau und seine eigenen Kinder die Schönsten und Liebsten sind genauso wie die eigene Heimat. Aber genauso ist es auch mit unserer jeweiligen Religion“, meint Fliege. „Sie ist meine. Und deshalb ist sie die schönste und beste Religion!“

Freundschaft mit Sufi-Orden

Er selbst hat freundschaftliche Beziehungen zum türkisch-islamischen Derwisch-Orden der Mevlevi und hat die Türkei immer wieder auf Pilgerfahrten besucht. Auf die Nachfrage, welche Botschaft er für die Öffentlichkeit habe, antwortet Jürgen Fliege, dass er deutlichere Schritte von der Kirche erwarte. „Warum tagen unsere deutschen Kirchenparlamente nicht einmal in der Türkei, wo doch ihre Wurzeln sind?  Das wäre ein Signal für beide Seiten! Das wäre ein neue Brücke über den Bosporus. Wir Muslime und Christen sind doch altehrwürdige Äste voller Früchte an einem einzigen Stamm. Wer daran sägt schadet sich selbst“, so Fliege.

In seiner Tätigkeit als ehemaliger Dorfpfarrer sei er immer auf türkische Familien zugegangen und habe türkische Kinder in die Dorfgemeinde integriert.  „Ich kann verstehen, dass Deutsch-Türken schnell verletzt reagieren, wenn sie ständig nur warme Worte serviert zu bekommen. Wirkliches Ansehen funktioniert nur auf Augenhöhe, sagt Jürgen Fliege. Zudem stellt er sich gegen jegliche Art von religiöser Diffamierung (mehr – hier).

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