Aus finanzieller Not: Immer mehr Türken wollen ihre Nieren verkaufen

Die verzweifelte Suche nach einem Ausweg aus finanzieller Not treibt auch in der Türkei dramatische Blüten. Die Türkische Nierenstiftung ist alarmiert. Die Zahl derjenigen Bürger, die sich an die Organisation wenden, um ein Organ zu verkaufen, sei rapide angestiegen.

Hätte man früher im Schnitt einen Anruf pro Woche erhalten, seien es mittlerweile um die 15 wöchentlich geworden, schildert Gülizar Gün, Sprecher der Türkischen Nierenstiftung, die beunruhigende Tendenz im Gespräch mit der türkischen Zeitung Hürriyet. Die Anrufer, so Gün weiter, würden den Mitarbeitern sehr schnell deutlich machen, warum sie sich dazu entschlossen hätten, ein Organ zu verkaufen. Mit Nächstenliebe hat das in der Regel nicht viel zu tun: Oft seien Kreditkartenschulden oder familiäre Schwierigkeiten im Spiel. Nicht wenige sind auf die Unterstützung durch Verwandte angewiesen (mehr hier).

Massiver Mangel an Organspendern in der Türkei

Erst vor kurzem hat sich der Stiftungsvorstand Timur Erk an die Öffentlichkeit gewandt. In einer Mitteilung machte er auf die zunehmende Zahl von Menschen aufmerksam, die bereit seien, ihre Nieren zu verkaufen. Und das trotz der jüngsten Kampagnen der Stiftung mit dem Ziel, die Zahl der Spender zu erhöhen. Denn in der Tat gibt es in der Türkei einen verheerenden Mangel an Spenderorganen (mehr hier). Mit Hilfe von TV-Spots und Unterstützung Prominenter versucht die Stiftung die türkischen Bürger zum Spenden, nicht zum Verkaufen zu bringen.

„Wir versuchen die Leute zu überzeugen und warnen sie vor der Rechtswidrigkeit ihres Ansinnens“, so Gün. Besonders erfolgreich ist dieses Unterfangen allerdings nicht. Denn schon kurze Zeit später würden diejenigen dann erneut auf der Facebook-Seite der Stiftung, auf deren Twitter-Präsenz oder per Email auftauchen und ihre Nieren zum Kauf anbieten. Diese Entwicklung könne auch die Stiftung nicht stoppen, so ihr Vorsitzender. Gerade innerhalb der Sozialen Medien sei eine Eindämmung solcher Angebote ein geradezu fruchtloses Unterfangen.

150.000 und 200.000 Lira pro Niere

Einige der an die Stiftung gesandten Facebook-, Twitter-Nachrichten und Emails, so berichtet das Blatt weiter, würden von wahren Tragödien erzählen. In ihrer Not würden die Menschen sogar Festpreise für ihre Nieren anbieten. Nicht selten seien zwischen 150.000 und 200.000 Lira, als zwischen 63.000 und 84.000 Euro, für ein Organ im Gespräch. Anderen sei der Preis schon fast gleich, solange sie nur etwas in der Tasche hätten. „Wenn ich mich umbringe“, heißt es etwa in einer Email, „werden die Schulden an meine Frau und meine Kinder weitergereicht. Schon jetzt habe ich verfügt, dass nach meinem Tod all meine Organe zur Verfügung stehen. Jetzt würde ich gerne meine Niere spenden. Alles, was ich im Gegenzug will, ist Hilfe bei meinen Schulden.“

Leicht falle den Menschen dieses unmoralische Angebot allerdings nicht. In ihren Zeilen, so berichtet die Hürriyet, seien Scham und tiefes Bedauern, aber auch absolute Verzweiflung herauszulesen. Ein Absender hätte sein Angebot jedoch damit gerechtfertigt, dass der Verkauf einer Niere immer noch besser wäre, als auf den falschen Weg, in diesem Fall Prostitution, zu geraten.

Die Stiftungsmitarbeiter täten derzeit ihr Bestes, um die Anrufer zu überzeugen und ihnen zu verdeutlichen, dass Organhandel etwas Illegales sei, stellt Gün klar. Und wenn es Stunden dauere. In der Türkei gibt es nur zwei legale Formen der Organspende. So kann etwa ein Lebendspender unter Aufsicht des Gesundheitsministeriums ein Organ an einen Verwandten geben. Die andere Variante sieht eine Organentnahme von hirntoten Patienten vor. Illegale Organspenden werden von der türkischen Justiz mit bis zu neun Jahren Gefängnis geahndet. Doch die Gesellschaft, so stellt Gün immer wieder fest, weiß über die herrschenden Bestimmungen herzlich wenig. „Diejenigen, die Ihnen illegale Wege anbieten, sind Kriminelle“, warnt er in Richtung der türkischen Öffentlichkeit. „Sie riskieren ihr Leben und begehen obendrein ein Verbrechen, wenn Sie davon träumen so Ihre Schulden zu bezahlen und ihre Familie zu unterstützen.“

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