Interkultureller Dialog: Kinderbuchautor Paul Maar verbindet Literatur und Musik des Orients und Okzidents

Sams-Erfinder Paul Maar macht Nasreddin Hodscha in seinem neuen Buch „Das fliegende Kamel - Uçan Deve“ in Deutschland bekannt. Das Projekt ist bisher das einzige für deutsch-türkische Kinder und soll den interkulturellen Dialog fördern.

In „Das fliegende Kamel“ erzählt Paul Maar von Nasreddin Hodscha, dem berühmtesten weisen Narren, Philosophen und Geschichtenerzähler der islamischen Welt. Der Hodscha lebte im 14. Jahrhundert in einem Dorf, war arm, hatte nur einen Esel, stets einen lockeren Spruch auf den Lippen und zankte sich ständig mit seiner Frau. Dabei kamen des öfteren Lebensweisheiten ans Tageslicht.

Nasreddin Hodscha nach Deutschland transferiert

„Bei meinen Lesungen in Ankara, Istanbul, Adana und Izmir kam ich mit türkischen Schülern und Studenten ins Gespräch, und man fragte mich, wie bekannt Nasreddin Hodscha in Deutschland sei: Ich musste zugeben, dass ihn kaum ein deutsches Kind kennt“, erzählt Maar den Deutsch Türkischen Nachrichten. Genau hier hat Maar angesetzt und beschlossen, den Hodscha auch den deutschen Lesern bekannt zu machen.

Also erzählte er die Geschichten, die man ihm erzählt hatte, in seiner Sprache nach. Dabei gestattete sich der Schriftsteller kleine Änderungen. „Weil ich nicht nur bestehende Geschichten nacherzählen wollte, stellte ich mir im zweiten Teil des Buches vor, dass Nasreddin Hodscha hier und heute in Berlin, Frankfurt oder Dortmund leben würde“, fährt Maar fort.

Der im oberfränkischen Bamberg lebende Autor las die Geschichten bisher schon in vielen deutschen Bibliotheken und Schulen vor. Und siehe da: Die Capella Antiqua Bambergensis, die auf mittelalterlichen Instrumenten mittelalterliche Musik spielt, wurde auf dessen Lesungen aufmerksam. Prompt kam der Vorschlag, zusammen aufzutreten. „Ich las die Episoden vor, die Capella spielte dazwischen Musik aus der Zeit und dem Kulturkreis von Nasreddin Hodscha. Was zu vielen gemeinsamen Auftritten führte“, so Maar weiter. Der Musiker und Sprecher Murat Coşkun hatte unterdessen vom Projekt erfahren und erklärte sich bereit, mitzuwirken. „Er brachte Ibrahim Sarıaltın mit, einen genialen Saz-Spieler. Nun gingen wir zu siebt auf Tournee: Die vier Musiker der Capella, Murat und Ibrahim als zusätzliche Musiker, und Murat und ich als Erzähler.“

Paul Maar: „Das Projekt soll den interkulturellen Dialog fördern“

Bei den Veranstaltungen stellten der Autor und der Sprecher fest, dass der Anteil der türkischen Zuhörer erstaunlich hoch war. „Die Mischung der türkischen und deutschen Erzählung kam sowohl bei den deutschen als auch bei den türkischen Zuhörern so gut an, dass wir beschlossen haben, eine Doppel-CD zu produzieren“, erklärt Maar. Das Projekt fördere den interkulturellen Dialog.

Nach Ansicht von Thomas Spindler, dem Produzenten der CD, verbindet kaum ein anderes Kulturprojekt die Literatur und Musik des Orients und Okzidents: „Es nimmt die Besucher mit auf eine musikalisch-literarische Reise in das Land des Nasreddin Hodscha, aber ebenso auch mit in das Berlin der Gegenwart.“ Tatsächlich gibt es kaum deutsch-türkische Kulturprojekte für die junge türkischstämmige Generation in Deutschland und deren Familien. So gab es bis jetzt fast nur türkische Fassungen der Geschichten von Nasreddin Hodscha. Als verbindende Brücke dient auch die Musik: „Die Musik ist der rote Faden in der Produktion. Sie entstammt der Zeit, in der Nasreddin Hodscha gelebt haben soll. Zusätzlich zu den Melodien aus dem arabischen Kulturkreis hat der Komponist und Musikproduzent Simon Michael drei Musikstücke komponiert und dabei alte und neue Elemente kombiniert.“ Diese Musikstücke würden die akustische Brücke in der musikalischen Gegenwart bilden.

„Bilinguale Erziehung ist ein großes Geschenk des Lebens“

Einer der Musiker, Murat Coşkun, hat bei seinen eigenen Kindern bemerkt, wie selbstverständlich Türkisch und Deutsch für sie sind. Beide Sprachen und Kulturen würden zu ihnen gehören. „Wenn man die Chance hat, seine Kinder zweisprachig zu erziehen, dann sollte man dies in jedem Fall auch tun“, betont Coşkun. Jedoch wäre das nicht alles: „Kinder entwickeln insgesamt ein größeres Interesse an anderen Sprachen und Kulturen, sie können sich einfacher in andere Kulturen hineindenken. Sie haben auch Spaß daran Sprachen zu vergleichen und daraus den Unterschied z.B. im Humor einer Kultur zu analysieren.“

Er selbst habe zunächst erst Türkisch und anschließend Deutsch gelernt, seine Kinder würden beide Sprachen gleichzeitig lernen. Es ginge nicht darum, welche Sprache man zuerst lernt, viel wichtiger wäre es, „dass die Sprache den Kindern überhaupt nahe gebracht wird, da sind Bücher sehr wichtig, wie auch zweisprachige Hör-CDs wie `Das fliegende Kamel‘“, erklärt der türkischstämmige Musiker.

Mit dieser Aussage findet er auch Zuspruch beim Autor Paul Maar. Für den gebürtigen Schweinfurter wäre aber auch wichtig, sich in einer Sprache perfekt ausdrücken zu können. „Ich erlebe es bei Gesprächen mit Schülern, die zweisprachig aufwachsen. Ihnen fehlen manchmal Begriffe, die den deutschen Freunden ganz geläufig sind“, sagt Maar.

Nasreddin Hodscha ist nicht der „türkische Eulenspiegel“

Übrigens, wie der Sams-Erfinder weiter erklärt, gebe es auch große Unterschiede zwischen Eulenspiegel und Hodscha: „Nasreddin ist bei aller Schlitzohrigkeit nie menschenverachtend, während Till Eulenspiegel in den meisten seiner Streiche seinen Mitmenschen schadet.“ Die Geschichten von und mit Narseddin Hodscha hätten oft einen philosophischen Hintergrund, der Humor wäre feinsinnig und oft sehr „schräg“, wie Maar beschreibt.

Das Auswärtige Amt hat das Kulturprojekt im Oktober 2012 offiziell in die „Ernst Reuter Initiative“ aufgenommen, weil es in einer ganz besonderen Art und Weise den kulturellen Dialog zwischen deutsch-türkischen, türkisch-deutschen Kindern und Jugendlichen fördern würde. Die deutsch-türkische musikalische Lesung ist kürzlich zudem vom „Preis der Deutschen Schallplattenkritik“ als beste Hörbuchproduktion in der Sparte Kinder- und Jugendaufnahmen ausgezeichnet worden. Die unabhängige Fachjury aus Musikkritikern und Experten hat die Bestenliste 1/2013 aus Neuerscheinungen der vergangenen drei Monate ermittelt.

Paul Maar, geboren 1937 in Schweinfurt, wurde als Erfinder des „SAMS“ bekannt und ebenfalls als erfolgreicher Autor und Illustrator von Kinder- und Jugendbüchern. Er erhielt unter anderem den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für sein Gesamtwerk. 2009 wurde ihm der Wolfram-von-Eschenbach-Kulturpreis verliehen.

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