US-Wissenschaftler: „Deutschland und die Türkei können nicht aufeinander verzichten“

Dr. Soner Çağaptay vom Washington Institute for Near East Policy sieht den EU-Beitrittsprozess der Türkei gefährdet. Es könnte zum Abbruch der Verhandlungen kommen. Doch auf europäische Direkinvestitionen könne die Türkei nicht verzichten. Sie tragen maßgeblich zum Wirtschaftswachstum bei.

Soner Çağaptay lehrt auch an der Georgetown Universität, Washington D.C. (Screenshot via Youtube).

Soner Çağaptay lehrt auch an der Georgetown Universität, Washington D.C. (Screenshot via Youtube).

Deutsch Türkische Nachrichten: Ist die Türkei kulturell, geographisch und historisch ein Teil der EU?

Soner Çağaptay: Die Türkei ist sowohl kulturell, als auch geographisch Teil des europäischen Kontinents. Das Osmanische Reich wurde auf jenem Kontinent gegründet. Die Expansion vollzog sich in den ersten Phasen ausschließlich in Europa. Erst später kam das Reich mit dem Nahen Osten in Berührung und wurde zum bi-kontinentalen Staat. Somit ist sie auch kulturell ein Teil Europas, wobei man zwischen den Kulturen Nordeuropas und Südeuropas unterscheiden muss. Die Türkei hat historisch gesehen mehr Berührungspunkte mit Südeuropa. Die türkische Republik ist Mitglied in der OECD, im Europarat, in der NATO, in der EU-Zollunion und hat 1963 das EG-Assoziierungs-Abkommen unterschrieben. Zudem werden seit 2005 EU-Beitritts-Verhandlungen geführt.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wird der EU-Beitritt der Türkei gelingen?

Soner Çağaptay: Die EU-Mitgliedschaft der Türkei hängt in erster Linie ab von technischen Prozesse wie zum Beispiel Reformen. Der rechtliche Harmonisierungsprozess spielt hier eine besonders herausragende Rolle. Doch auch Machtpolitik spielt eine Rolle. Wenn die Türkei EU-Mitglied wird, dann wird sie im EU-Parlament das zweitstärkste Land nach Deutschland werden. Aber auch in anderen Bereichen wäre sie ein Kontrahent Deutschlands. Die Frage ist, ob das Deutschland akzeptieren kann.

Deutsch Türkische Nachrichten: Premier Tayyip Erdoğan sagt, dass die Türkei die EU nicht brauche, sondern anders herum. Blufft er?

Soner Çağaptay: Ja, Erdoğan blufft. Die Türkei hat ein neues Selbstbewusstsein entwickelt und hat ein enormes Wirtschaftswachstum zu verzeichnen. Sie ist kein armes Land mehr. Der Wohlstand der Türken ist weitaus höher als in vielen EU-Staaten. Doch einen Unterschied gibt es. Während in der EU die Mittelschicht immer kleiner wird, hat sich die Türkei zu einem Land mit einer weit verbreiteten Mittelschicht entwickelt. 55 Prozent der Türken sind der Mittelschicht zuzuordnen. Das ist das erste Mal in der Geschichte der Republik, dass die Mittelklasse die Mehrheit des Landes ausmacht.

Hier spielt die Ausrichtung der Exportwirtschaft in die Schwellenländer eine wichtige Rolle. Türkische Unternehmen sind nahezu überall auf der Welt vertreten. Bis hierhin kann die Türkei auf die EU verzichten. Doch ein Großteil der Direkinvestitionen kommt aus dem EU-Raum. Es sind europäische Firmen, die in der Türkei Investitionen tätigen und das türkische Wirtschaftswachstum ankurbeln. Zudem ist die EU der größte Handelspartner der Türkei und hier ist Deutschland führend. Die Beziehungen zwischen der EU und der Türkei würde ich mit einem Zug umschreiben, der sich zwar auf den Gleisen befindet, doch sich nicht fortbewegt. Es bleibt abzuwarten, ob die Türken aus diesem Zug steigen werden.

Deutsch Türkische Nachrichten: Wie steht es ihrer Ansicht nach um die deutsch-türkischen Beziehungen?

Soner Çağaptay: Die Türkisch-deutschen Beziehungen sind enger, als beide Seiten akzeptieren wollen. Im ersten Weltkrieg waren beide Staaten alliiert, es leben eine Reihe von türkischstämmigen Menschen in Deutschland und mittlerweile auch viele Deutsche in der Türkei. Deutschland ist der größte Handelspartner der Türkei. Es hat sich in Deutschland eine aufstrebende deutsch-türkische Mittelschicht entwickelt. Objektiv gesehen, sind die starken Bindungen beider Länder auf allen Ebenen sichtbar. Dieses besondere Verhältnis wird unabhängig von EU-Beitrittsprozess auch in Zukunft sehr eng sein.

Deutsch Türkische Nachrichten: Sieht das auch die deutsche Bundesregierung so?

Soner Çağaptay: Ja. Der Staatsbesuch Angela Merkels in der Türkei war exemplarisch. Die deutsche Bundeskanzlerin zeigt sich in der Frage des EU-Beitritts der Türkei immer noch sehr verhalten. Doch auf ihrer Reise hat sie die Wichtigkeit der bilateralen Beziehungen hervorgehoben. Dieser Ansatzpunkt war ihr besonders wichtig und der ist getrennt zu sehen von der EU.

Dr. Soner Çağaptay ist Direktor des Türkei-Programms am Washington Institute for Near East Policy, Washington DC. Seine Forschungsschwerpunkte sind derzeit die türkisch-amerikanischen Beziehungen und die türkische Innenpolitik. Er ist Absolvent der Yale-University und spricht neun Sprachen.

 

 

 

 

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