Arınç appelliert an Landsleute: Mehr Türken in Deutschland müssen Pflegeeltern werden

Der stellvertretende türkische Premierminister Bülent Arınç hat sich dem Appell von Niedersachsens einstiger Sozialministerin Aygül Özkan angeschlossen. Während seiner Deutschland-Visite forderte der Politiker seine Landsleute auf, sich stärker als Pflegeeltern zu engagieren. Es gelte sicherzustellen, dass türkische Kinder auch in staatlicher Obhut den Bezug zu ihrer Kultur und ihren biologischen Eltern nicht verlieren.

Zwar mögen die Kinder nach Entscheidung der Jugendämter in Pflegefamilien besser aufgehoben sein. Es gilt jedoch auch hier ihre Identität zu wahren. (Foto:  Zaprittsky/flickr)

Zwar mögen die Kinder nach Entscheidung der Jugendämter in Pflegefamilien besser aufgehoben sein. Es gilt jedoch auch hier ihre Identität zu wahren. (Foto: Zaprittsky/flickr)

Während seines Besuches in Köln nutzte der stellvertretende türkische Premier  Bülent Arınç die Gelegenheit, eine Visite beim neuen Kölner Studio der türkischen staatlichen Türkischen Rundfunk-und Fernsehanstalt TRT einzulegen. Während der anschließenden Pressekonferenz nahm sich Arınç auch des seit einigen Wochen diskutierten Themas um türkische Kinder in deutschen Pflegefamilien an. „Ich denke, das Beste, was man hier tun kann, ist türkische Familien zu ermutigen, Pflegeeltern zu werden“, zitiert die türkische Zeitung Sabah den Politiker.

Die türkische Politiker, so fährt er fort, sei sich wohl bewusst, dass die deutschen Behörden Kinder auf Grund körperlicher Misshandlung oder Vernachlässigung aus ihren leiblichen Familien nähmen und unter staatliche Obhut stellen würden. „Diese Vorgehensweise stehe mit den deutschen Gesetzen in Einklang. In diesem Punkt gibt es nichts zu diskutieren.“ Sprechen könne man aber sehr wohl über die anschließende Unterbringung. Auch unter dem Schutz des Staates sollte seiner Ansicht nach sichergestellt werden, dass die Kinder weiterhin eine Beziehung zu ihren biologischen Eltern unterhalten könnten, die ebenfalls in den gesamten Prozess einbezogen werden sollten.

Pflegekinder sollen Deutsch und Türkisch lernen

In einem Appell richtete er sich anschließend an die rund drei Millionen in Deutschland lebenden Türken. Die ansässigen Familien sollten darüber nachdenken, sich als Pflegefamilien zu engagieren. Er sei sich sicher, dass wahrscheinlich Tausende Familien zu diesem Schritt bereit wären. In diesem Zusammenhang mahnte er jedoch auch an, dass diese dann nicht nur die Identität der Kinder zu schützen hätten, sondern dafür Sorge zu tragen hätten, dass diese Kinder Deutsch lernten, daneben aber auch ihre Muttersprache behalten müssten.

Erst Ende Februar hatte Niedersachsens einstiger Sozialministerin Aygül Özkan auf den eklatanten Mangel an türkischen Pflegeeltern hingewiesen. In europäischen Ländern, insbesondere in der Bundesrepublik, gibt es praktisch keine türkischen Pflegeeltern. Sie forderte dazu auf, aktiv zu werden. In einem Exklusivinterview mit dem türkischen Medium vertritt die CDU-Frau die Ansicht, dass es für Kinder türkischer Herkunft einfacher wäre, wenn sie von türkischen Pflegefamilien aufgenommen würden. In einem solchen Umfeld wäre es zudem leichter, die eigene Religion, Sprache und Kultur zu behalten. Andernfalls bestünde das Risiko, die eigene Identität zu verlieren. Der Bedarf ist da: Derzeit leben rund 5000 Kinder türkischer Herkunft von ihren Familien getrennt in Europa (mehr hier).

Aufgebracht wurde das Thema erneut Anfang Februar durch den türkischen Vizepremier Bekir Bozdağ. Er fürchtet, dass den türkischen Pflegekindern in Deutschland die totale Assimilation droht und verlangte die Unterbringung der Kinder in muslimisch-türkischen Familien. Bozdağ unterstellte deutschen Behörden zudem Fehlentscheidungen (mehr hier).

Mündel muss adäquat untergebracht werden

Mittlerweile setzen sich die Jugendämter deutschlandweit für die Anwerbung von muslimischen Pflegefamilien ein. Das Deutsche Institut für Jugendhilfe und Familienrecht (DIJuF) stellte bereits im Jahr 2007 im Rahmen eines Gutachtens fest, dass die Nachfrage muslimischer Familien nach Pflegekindern sehr gering sei. Deshalb gebe es Schwierigkeiten bei der Unterbringung von muslimischen Kindern in muslimischen Familien. An dieser Stelle ist ein wichtiger Paragraph des bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) zu erwähnen, an den sich alle Jugendämter halten müssen. Gemäß § 1801 BGB, ist bei der „Unterbringung des Mündels“ durch das Jugendamt auf das „religiöse Bekenntnis oder die Weltanschauung des Mündels und seiner Familie Rücksicht zu nehmen“. Die Forderung Bozdağs und seiner Kollegen ist also gesetzlich verankert. Nun muss nur noch die Nachfrage nach muslimischen Kindern durch muslimische Familien steigen.

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