Bildung, Beruf, Ehe: Istanbul ist die frauenfreundlichste Stadt der Türkei

In der Millionenstadt Istanbul leben derzeit rund sieben Millionen Frauen. Dort, am Ufer des Bosporus, sollen die Lebensumstände für sie so gut wie nirgends sonst in der Türkei sein. Das geht aus Daten des Türkischen Statistischen Instituts (TÜİK) hervor.

Der Fall der kürzlich ermordeten US-amerikanischen Touristin Sarai Sierra ließ die türkische Öffentlichkeit aufschrecken. Ihre Reise nach Istanbul war für die zweifache Mutter zum tödlichen Verhängnis geworden (mehr hier). Dennoch gilt Istanbul derzeit als die frauenfreundlichste Stadt in der gesamten Türkei. Das berichtet die türkische Zeitung Hürriyet.

Das Medium nimmt dabei Bezug auf Daten des Türkischen Statistischen Instituts (TÜİK) aus dem Jahr 2011. Darin liefert das Institut einen Überblick über die Lebenssituation von Frauen in Bezug auf Bildung, Beruf, Ehe, Selbstmord und viele andere Faktoren. Daraus abgeleitet wurde nun eine Liste der frauenfreundlichsten Städte der Türkei. Anfang des vergangenen Jahres hatte ein Bericht der Menschenrechtskommission des Parlaments (TBMM) noch Gegenteiliges hervorgebracht. Hier war die Einstufung Istanbuls schlimmer als die Anatoliens (mehr hier).

Hoher Bildungsstand, niedriege Selbstmordrate

„Wie aus den Daten ersichtlich ist, ist Istanbul für Frauen die beste Stadt zum leben. Mit einer weiblichen Bevölkerung von sieben Millionen und dank der hohen politischen Teilhabe von Frauen führt Istanbul die Liste an“, so die Zeitung. Allerdings seien nur 160 von 13,154 Mitarbeitern der Gemeinde von Istanbul Frauen. Hier rangiert die Stadt noch hinter Diyarbakir. Darüber hinaus hätte die Millionenmetropole eine niedrige Rate früh geschlossener Ehen. Auch die Rate der Mädchen über 14, die einen Schulabschluss hätten, sei relativ hoch. So hätten beispielsweise 1,1 Millionen von 5,2 Millionen Frauen einen Schul-, Universitätsabschluss oder gar beides. Auf der anderen Seite wäre die Suizidrate in der Stadt relativ niedrig. Von 100 000 Frauen hätten 1,4 einen Selbstmordversuch unternommen.

Auch die Schwarzmeer-Provinz Rize, die Heimatstadt von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan, rangiert unter den Top Ten in der Liste. Nach Angaben von Professorin Aliye Aktaş, von der Selçuk Universität, läge das an der matriarchalen Familienstruktur, die in der Stadt herrsche. „Einer der wichtigsten Faktoren, warum Rize so einzigartig ist, liegt daran, dass die Frauen in der Familie das Sagen haben“, so die Fachfrau. Auch in der Arbeitswelt wären sie dort aktiver als sonstwo. Haselnuss- und Teeplantagen machten sie unabhängig und versetzten sie in die Lage ihr Geld für das auszugeben, was immer sie möchten. Für viele sei auch Erdoğan selbst ein Vorbild. Sie lebten in der Überzeugung, dass wenn sie nur hart genug arbeiten würden, auch ihre Kinder einst Premiers werden könnten.

Wirtschaftliche Entwicklung erhöht Präsenz von Frauen

„Wenn das Wohlergehen in einer Stadt steigt, dann steigt auch ihr Beitrag zum Bruttosozialprodukt. Folglich kann die positive Reflexion über Frauen auf allen Ebenen beobachtet werden“, so Aktaş weiter. Tatsächlich sei dies eine Frage des Wachstums und der Entwicklung. Wenn sich eine Stadt entwickelt und wirtschaftlich wächst, erhöhe sich auch die Präsenz der Frauen in der Stadt. Istanbul rangiere an erster Stelle, dank seiner weiblichen Beschäftigungsquoten und seines Beitrags zur Produktion. Ankara auf der anderen Seite garantiere, auf Grund der Präsenz des Parlaments, der Behörden und Universitäten, die Individualisierung der Frauen und ihre Integration in die Gesellschaft.

Die Daten des TÜİK enthüllen jedoch auch die Schattenseiten. So gilt etwa die Stadt Bilecik in der Marmara-Region als die Gegend, in der Gewalt gegen Frauen am verbreitetsten ist. Für Aktaş ist das nicht überraschend. Viele Frauen dort seien berufstätig und hätten ein entsprechendes Bewusstsein. Sie würden ihre Stimmen erheben und dies führe auch zu Gewalt. Auch für das Thema Ehrenmorde hat die Professorin eine pragmatische, wenn auch einseitige Erklärung: Der Grund, warum Ehrenmorde nicht ausgerottet seien, bestünde darin, dass Frauen ihre Stimme nicht erheben würden, vor allem in den Regionen, in denen die Praxis häufig auftrete.

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