SVR-Studie: Medien schüren Vorurteile gegen Muslime

An diesem Dienstag hat der Forschungsbereich beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) die 30-seitige Kurzstudie: „Muslime in der Mehrheitsgesellschaft: Medienbild und Alltagserfahrungen in Deutschland“ veröffentlicht. Das gemeinsam mit der Stiftung Mercantor erarbeitete Ergebnis: Nach wie vor herrscht eine „große Kluft zwischen negativem Medienbild von Zuwanderern und weitgehend positiver Alltagserfahrung in der Einwanderungsgesellschaft“. Bewegen sich die Redaktionsstuben allerdings nicht, könnten negative Einstellungen bald auch auf den Alltag überschwappen.

Das Untersuchungsergebnis des SVR-Forschungsbereichs lässt aufhorchen: Das „Integrationsbarometer verdeutlicht eine starke Übereinstimmung von Zuwanderern und Mehrheitsgesellschaft: das Medienbild aller Zuwanderergruppen wird als zu negativ bewertet. Vor allem die Berichterstattung über Muslime finden über 70 Prozent auf beiden Seiten der Einwanderungsgesellschaft zu negativ.“

Auf Rund 30 Seiten hat sich der Forschungsbereich beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) GmbH mit dem Islam als Integrationsdiskurs, der Darstellung von Ausländern und Muslimen in den deutschen Medien, mit der Wahrnehmung der Berichterstattung über Muslime in der Einwanderungsgesellschaft, der Einschätzung des Integrationsalltags sowie den Kontakten im Alltag von Zuwanderern und Mehrheitsbevölkerung befasst.

Medien und Politik konzentrieren sich auf das Scheitern

Deutlich sei demnach zu erkennen, dass sich die politischen und medialen Debatten zunehmend auf die vermeintlich gescheiterte Integration der rund vier Millionen Muslime, die in Deutschland leben, verengen. Und das, obwohl die in der Bundesrepublik geborene zweite Generation muslimischer Zuwanderer deutlich besser intergriert sei, als noch ihre Eltern (mehr hier). Zunehmend finde darüber hinaus eine Reduzierung von Menschen auf ihr „Muslimsein“ statt. Religion wird zum Einordnungsmerkmal. Obendrein wirken die Medien bei der „Islamisierung der Integrationsdebatte als Verstärker“.  Und das sieht nicht nur die eine Seite so: „Die Übereinstimmung zwischen Zuwanderern und Mehrheitsgesellschaft ist erstaunlich groß: 70,8 Prozent der Befragten ohne Migrationshintergrund und 73,9 Prozent der Zuwanderer finden, dass die Darstellung von Muslimen in den Medien eher oder viel zu negativ ist. Die befragten muslimischen Zuwanderer waren sogar zu 82,1 Prozent dieser Ansicht“, erläutert Dr. Gunilla Fincke, Direktorin des SVR-Forschungsbereichs.

Direkte Auswirkungen dieser Unzufriedenheit auf das Zusammenleben hat der SVR hingegen nicht ausmachen können. Noch nicht. So beschreibt Prof. Dr. Bernhard Lorentz, Vorsitzender der Geschäftsführung der Stiftung Mercator: „Es gibt eine große Kluft zwischen dem als sehr negativ wahrgenommenen Medienbild von muslimischen Zuwanderern und der positiven Alltagserfahrung in der Einwanderungsgesellschaft.“ Fragt man die Muslime selbst, empfinden diese das genauso. Sechs von zehn Befragten (58,1 Prozent), so berichtet die SVR, erlebten das Zusammenleben von Zuwanderern und Mehrheitsbevölkerung als ungestört; nur drei von zehn (29,3 Prozent) würden Probleme im Zusammenleben sehen. Ingesamt sei schon seit 2009 ein positiver Stimmungstrend zu beobachten. Die Stimmungseintrübung im Zuge der so genannten Sarazzin-Debatte erachtet der Forschungsbereich beim Sachverständigenrat als „vorübergehend“.

Anhaltend negatives Medienbild verstärkt Vorurteile

Damit sich muslimfeindliche Einstellungen, die aber durchaus gegenwärtig sind (mehr hier), nicht doch noch im alltäglichen Zusammenleben niederschlagen, warnt Prof. Lorentz vor einer einseitigen Berichterstattung. Ein anhaltend negatives Medienbild könne Vorurteile verstärken. Umso wichtiger sei daher eine ausgewogene Medienberichterstattung, die auf Stereotype verzichte. Bisher, so konstatiert der SVR, ist das aber nicht der Fall: „Medienanalysen belegen, dass in der Berichterstattung über Muslime und den Islam in den letzten Jahren eine negativ konnotierte Berichterstattung deutlich überwog.“ Dabei sei allerdings nicht die Darstellung negativer Sachverhalte an sich problematisch, wohl aber die Häufung der Negativberichterstattung und die zu wenigen Berichte über das Gelingen von Integration und den Alltag in der Einwanderungsgesellschaft auf der anderen Seite. Es mangele beispielsweise bis heute an einer Berichterstattung, die die Leistungen von Zuwanderern für das Gemeinwesen wertschätzte.

Doch nicht nur an den thematischen Schräubchen muss künftig gedreht werden. Daneben gelte es auch, die interkulturellen Kompetenzen in den Redaktionen zu stärken. Sowohl Fincke als auch Lorentz sprechen in diesem Zusammenhang übrigens noch einen weiteren wichtigen Aspekt an. Sie plädieren dafür, muslimische Zuwanderer in den Medien mit einer größeren Selbstverständlichkeit etwa auch als Elternsprecher, Umweltschützer oder Fußballtrainer vorkommen zu lassen.

Grundlage der Ergebnisse ist eine Analyse des SVR-Integrationsbarometers 2012. Hierfür wurden mehr als 9.200 Personen mit und ohne Migrationshintergrund befragt. Damit liegt erstmals eine Umfrage zur Mediendarstellung von Muslimen vor, bei der auch Muslime selbst nach ihrer Wahrnehmung gefragt wurden.

Hier geht es zur kompletten Studie.

Mehr zum Thema:

Klaus J. Bade: Integrationspolitik muss als Gesellschaftspolitik für alle verstanden werden
OECD-Bericht zur Arbeitsmigration: SVR fordert weiteren Imagewandel
Bade: “Die eifrig geschürten islamophoben Verdächtigungen wachsen”


Kommentare

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.

Wir freuen uns auf Ihre Kommentare zu diesem Artikel.

Bitte verwenden Sie dazu unsere Facebook-Seite - hier.