Hirnforscher: Die Stimmerkennung beginnt bereits im Mutterleib

Kinder können möglicherweise bereits während der Schwangerschaft Stimmen erkennen und verschiedene Silben unterscheiden. Diese Ergebnisse könnten erklären, warum Kinder schon bald nach der Geburt zwischen der Stimme ihrer Mutter und anderen Stimmen unterscheiden können.

Viele Hirnforscher sind überzeugt, dass die Föten in den letzten Wochen vor der Geburt bereits mehr oder weniger verständig hören können. Schließlich ist die Entwicklung des Innenohrs bereits in der 23. Schwangerschaftswoche so weit abgeschlossen, dass akustische Signale in Nervenimpulse umgewandelt werden.

In den letzten Schwangerschaftswochen ist auch das Gehirn so weit gereift, dass die Signale verarbeitet werden könnten. Einen Beweis für das verständige Hören liefert jetzt ein Team der Université de Picardie Jules Verne in Amiens in Frankreich.

Die Forscher haben zwölf Kinder untersucht, die zu früh – zwischen der 28. und 32. Woche – geboren wurden und keine Hinweise auf Schäden des Nervensystems aufwiesen. Während die Frühgeborenen schliefen, wurden ihnen männliche und weibliche Stimmen vorgespielt. Gleichzeitig wurde ihre Hirnaktivität mittels Nahinfrarotspektroskopie gemessen. Dabei wird anhand der Absorption von Infrarotstrahlen auf die Sauerstoffsättigung im Hirngewebe geschlossen. Die Sättigung sinkt in stoffwechselaktiven Hirnregionen, da aktive Hirnzellen vermehrt Sauerstoff verbrauchen.

Die Hirnaktivität der Kinder veränderte sich, wenn ihnen zunächst eine Zeit lang eine männliche Stimme vorgespielt und dann auf eine weibliche Stimme gewechselt wurde. Die Forscher schließen daraus, dass das Gehirn zwischen den beiden Stimmen unterscheiden kann. Selbst der Wechsel zwischen verschiedenen Silben wie „ga“ oder „ba“ löste im Gehirn der Frühgeborenen eine Reaktion aus. Der Wechsel der Hirnaktivität fand dabei an denselben Regionen statt, die auch von Erwachsenen zur Spracherkennung genutzt werden.

Die Ergebnisse könnten aber erklären, warum Kinder schon bald nach der Geburt zwischen der Stimme ihrer Mutter und anderen Stimmen unterscheiden können.

Mit der Stimme der Mutter verbinden den Menschen von Anfang an Gefühle und Erinnerungen. Daher ist die Muttersprache bei einer Sprachstörung nicht so schwer betroffen wie eine Fremdsprache. Die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe berichtet von einem spanischen Patienten, der als junger Mann nach Deutschland kam. Er lernte die deutsche Sprache schnell und sprach sie fortan fließend neben seiner Muttersprache. Im Juni 2005 erlitt er im Alter von 53 Jahren einen schweren Schlaganfall. Die Folgen waren eine halbseitige Lähmung und eine Sprachstörung. Diese hat sich bald zurückgebildet, jedoch nur in seiner Muttersprache Spanisch. „In Deutsch spricht er bis heute kaum mehr als ja und nein“, berichtet seine Ehefrau.

„Die Fremdsprache ist störanfälliger als die Muttersprache“, erläutert dazu Holger Grötzbach, Leiter der Sprachtherapie in der Asklepios-Klinik Schaufling. Er sieht die entscheidende Ursache dafür in der emotionalen Bindung zur „Muttersprache, weil sie mit der Biografie und vielen Erinnerungen verbunden ist“.

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